Während am Sonntag in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag und möglicherweise der erste AfD-Ministerpräsident eines Bundeslandes gewählt wird, treffen sich rund 500 Kilometer entfernt Zehntausende Muslime zu einer der größten islamischen Versammlungen Europas. Vom 4. bis 6. September findet auf dem Flugplatz Mendig in Rheinland-Pfalz die Jalsa Salana der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland statt. Nach Angaben der Veranstalter werden rund 45.000 Teilnehmer:innen erwartet.

In der rund 9.000 Einwohner zählenden Stadt entsteht dafür eine vorübergehende Zeltstadt. Die Veranstalter sprechen von rund 1.450 Zelten. Im Mittelpunkt der dreitägigen Versammlung stehen Gebete, religiöse Vorträge und Begegnungen. Getragen wird die Veranstaltung nach Angaben der Ahmadiyya von zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Die Jalsa Salana findet seit 2024 in Mendig statt; zuvor war die Versammlung unter anderem in Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart zu Gast.

Ahmadiyya versteht sich als Reformbewegung

Die Veranstaltung ist zugleich als öffentliches Signal gedacht. Angesichts der aktuellen Landtagswahlkämpfe will die Ahmadiyya Muslim Jamaat zeigen, dass muslimisches Engagement in Deutschland nicht auf die Themen Extremismus und Integration reduziert werden kann.

"Wo sind die friedlichen Muslime?", fragt Imam Scharjil Khalid, Sprecher der Ahmadiyya in Berlin-Brandenburg, in der Ankündigung der Veranstaltung. Seine Antwort: Die 45.000 Teilnehmenden der Jalsa seien ein sichtbares Zeichen dafür, dass Muslime in Deutschland gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen.

Khalid fordert zugleich einen Perspektivwechsel im politischen Umgang mit Muslimen. Die "Problematisierung muslimischen Lebens" spiele letztlich politischen Rechten in die Hände. Muslime könnten "ein Gamechanger im Kampf gegen Rechtsextremismus und für eine wehrhafte Demokratie" sein.

Auf dem Programm stehen neben religiösen Veranstaltungen auch politische und gesellschaftliche Diskussionen. Am Samstag diskutieren unter anderem der frühere thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow, die Islamwissenschaftlerin und Politikerin Lamya Kaddor, der Politikwissenschaftler Michael Lüders, der Imam Scharjil Khalid und die Journalistin Khola Maryam Hübsch über Deutschlands Verhältnis zu Völkerrecht und internationalen Interessen.

Wer sind die Ahmadiyya?

Die Jalsa Salana ist die Jahresversammlung der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ), einer islamischen Reformgemeinschaft, die 1889 im damaligen Britisch-Indien gegründet wurde. Die erste Jalsa fand 1891 im indischen Qadian mit 75 Teilnehmern statt. In Deutschland wurde die erste Jalsa 1975 veranstaltet. Heute gehört die Versammlung nach Angaben der Organisation zu den größten regelmäßig stattfindenden muslimischen Treffen Europas.

Die Ahmadiyya nimmt innerhalb der islamischen Welt eine Sonderstellung ein. Sie beruft sich auf Mirza Ghulam Ahmad, der sich im späten 19. Jahrhundert als der von Mohammed prophezeite Messias und Mahdi verstand. Viele andere muslimische Gelehrte betrachten diese Lehre als außerhalb des Islam stehend. In Pakistan werden Ahmadis staatlich und gesellschaftlich massiv diskriminiert; dort dürfen sie sich unter anderem rechtlich nicht als Muslime bezeichnen.

In Deutschland ist die Gemeinschaft dagegen als Religionsgemeinschaft anerkannt. Die Ahmadiyya erhielt 2013 in Hessen als erste muslimische Religionsgemeinschaft den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, 2014 folgte Hamburg.

Öffentliche Aktionen

Nach eigenen Angaben hat die Ahmadiyya in Deutschland rund 50.000 Mitglieder und ist mit örtlichen Gemeinden und Moscheen bundesweit vertreten. Die Gemeinschaft betont ihre Loyalität gegenüber dem deutschen Staat, Religionsfreiheit und die Ablehnung von Gewalt. Zu ihren öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten gehören unter anderem Blutspendeaktionen, Spendenläufe und interreligiöse Veranstaltungen.

Die Organisation ist nicht mit der Gesamtheit der Muslime in Deutschland gleichzusetzen. Die Ahmadiyya ist eine eigenständige, vergleichsweise stark organisierte islamische Gemeinschaft mit eigener religiöser Lehre und zentraler Führung. Ihre Selbstdarstellung als besonders friedliche und reformorientierte Auslegung des Islam ist deshalb als Position innerhalb der Gemeinschaft einzuordnen.

Die Jalsa Salana in Mendig ist in diesem Jahr zugleich eine Jubiläumsveranstaltung: Es handelt sich um die 50. jährliche Versammlung der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland. Ihr Motto lautet "Liebe für alle, Hass für keinen".