Was wird aus unseren Kirchen?
Langfristig sollen nur noch etwa 50 Prozent der kirchlichen Gebäude eines evangelischen Dekanatsbezirks Kirchensteuermittel für ihren Erhalt beanspruchen können. Was zunächst nach einer nüchternen Vorgabe klingt, stellt Kirchengemeinden in ganz Bayern vor weitreichende Entscheidungen. Welche Gebäude können langfristig erhalten werden? Welche brauchen neue Nutzungskonzepte? Und von welchen muss sich die Kirche womöglich trennen?
Bis zum Jahresende sollen alle evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirke und Kirchengemeinden in Bayern ihre Gebäude entsprechend kategorisieren. Auch in Oberfranken läuft dieser Prozess. Rund 375 evangelische Kirchen und Kapellen gibt es hier, weit mehr als die Hälfte davon steht unter Denkmalschutz.
"Alle werden im Rahmen des laufenden Gebäudekonzeptionsprozesses im Blick auf Finanzierung, Nutzung und künftigen Bedarf überprüft und kategorisiert", erklärt die Bayreuther Regionalbischöfin Berthild Sachs. Ergebnisse für ganz Oberfranken gebe es noch nicht.
Damit geht es um weit mehr als Zahlen in kirchlichen Haushalten. Was geschieht mit einer Kirche, die seit Jahrhunderten mitten im Dorf steht, wenn die Gemeinde kleiner wird und das Geld für ihren Unterhalt fehlt? Wem gehört die Verantwortung für ein solches Gebäude? Und muss eine Kirche eigentlich immer ausschließlich Kirche bleiben?
Genau diesen Fragen widmet sich am 11. und 12. September die Tagung "Wo Du Wohnung hast genommen … – Die Zukunft der Kirchengebäude in Oberfranken" im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad.
Mehr als eine Immobilie
Der Wert einer Kirche lässt sich für Sachs nicht allein an Gottesdienstbesuchern oder Unterhaltskosten festmachen. "Dorfkirchen sind ortsbildprägende und identifikationsstiftende Erkennungszeichen, weit über die Mitglieder einer evangelischen Kirchengemeinde hinaus", sagt die Regionalbischöfin. Deshalb brauche es auch gemeinschaftliche Bemühungen der ganzen Dorfgesellschaft, um Kirchengebäude zu erhalten.
Gerade auf dem Land sei die Verbundenheit mit dem Kirchengebäude und auch das ehrenamtliche kirchliche Engagement häufig besonders groß und selbstverständlich.
Betroffen sind aber nicht nur kleine Landgemeinden. Auch in Städten müssen kleiner gewordene Innenstadtgemeinden große historische Kirchen unterhalten – als Beispiele nennt Sachs St. Lorenz und St. Sebald in Nürnberg.
Dabei unterscheiden sich die Voraussetzungen von Ort zu Ort. Der bauliche Zustand spielt ebenso eine Rolle wie die finanziellen Möglichkeiten einer Gemeinde. Entscheidend ist zudem, wie intensiv eine Kirche heute genutzt wird und welche Rolle sie künftig etwa innerhalb regionaler Gottesdienstkonzepte spielen kann.
Die Entscheidung darüber soll nicht am grünen Tisch fallen. Den Vorschlag für die Kategorisierung erarbeitet der jeweilige Dekanatsausschuss nach einem Konsultationsprozess mit den Kirchengemeinden. "Gute Lösungen sind regional abgestimmte Lösungen, die möglichst viele Kriterien und Zukunftsüberlegungen berücksichtigen", sagt Sachs. Die Landeskirche biete für diese komplexen Entscheidungen fachkundige Beratung an.
Ferienwohnung, Bibliothek oder sogar Kletterhalle
Doch was geschieht mit einer Kirche, wenn ihre bisherige Nutzung allein keine Zukunft mehr trägt?
Die möglichen Antworten sind überraschend vielfältig: Ferienwohnung, Eventgastronomie, Bibliothek, Ausstellungsraum, Kolumbarium oder sogar Kletterhalle – Beispiele, die es in Deutschland bereits gibt, wie Sachs berichtet. Eine andere Möglichkeit kann der Verkauf an eine weitere kirchliche Gemeinschaft sein, die das Gebäude anschließend weiterhin für Gottesdienste und Gemeindeleben nutzt.
Nicht immer muss es überhaupt eine vollständige Umnutzung sein. Schon vor Jahrzehnten wurden beispielsweise in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche und der Christuskirche in Nürnberg Gemeinderäume oder Pfarramtsräume in große Kirchen eingebaut. Der Sakralraum wurde dadurch zwar kleiner, sein Charakter blieb aber erhalten.
Beliebig ist eine neue Nutzung dennoch nicht: Eine Kirchengemeinde wird dem Verkauf ihrer Kirche nur zustimmen, wenn auch das Nutzungskonzept des Käufers Zustimmung findet, betont Sachs.
Kirchen können keine Museen sein
Eine zusätzliche Herausforderung sind die vielen denkmalgeschützten Gebäude, deren Vorgaben und Auflagen bei Veränderungen berücksichtigt werden müssen. Der Schutz historischer Substanz darf jedoch nicht dazu führen, dass Gebäude zwar bewahrt werden, aber ihre Funktion als lebendige Orte verlieren, findet Sachs: "Keine Kirchengemeinde kann und will Kirchen als Museum erhalten."
Deshalb müsse bei neuen Nutzungen das Gespräch mit der Denkmalpflege gesucht werden. "Wir wünschen uns gemeinsame und finanziell leistbare Lösungen mit dem Denkmalschutz, damit Kirchen lebendige geistliche und kulturelle Orte bleiben können."
Genau hier setzt die Tagung in Bad Alexandersbad an. Kirche, Politik, Denkmalpflege, Architektur und weitere Fachrichtungen treffen dort aufeinander. Denn, so Sachs: "Keine/r wird dies allein schaffen." Besonders wichtig sei es, "historischen Erhalt und lebendige Nutzung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander ins Gespräch zu bringen".
Gehören Kirchen uns allen?
Damit berührt die Debatte eine noch grundsätzlichere Frage: Ist die Zukunft einer Kirche tatsächlich allein Sache der Kirchengemeinde, der das Gebäude gehört?
Sachs verweist dazu auf den Appell des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK) zur Zukunft denkmalgeschützter Kirchen in Deutschland, den das Gremium im November 2025 in Berlin verabschiedet hat. Demnach gibt es bundesweit rund 44.000 katholische und evangelische Kirchen und Kapellen, von denen etwa 90 Prozent unter Denkmalschutz stehen. Ihr Erhalt sei, so der Appell, eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft und nicht allein der Kirchengemeinden als Eigentümerinnen. Deshalb richtet er sich ausdrücklich auch an Kommunen, Länder und Denkmalbehörden und fordert sie auf, sich aktiv in die Konzeption von Nutzungserweiterungen und Umnutzungen einzubringen.
Hintergrund ist auch eine finanzielle Entwicklung: Der Erhalt der Gebäude wurde bislang weitgehend aus Kirchensteuermitteln finanziert, doch in den Bistümern und Landeskirchen fehlen dafür zunehmend die Mittel. Der Appell plädiert deshalb für neue Formen geteilter Nutzung und Trägerschaft, damit Kirchen als identitätsstiftende "Andersräume" erhalten bleiben können.
Das bedeutet nicht, die Verantwortung einfach von den Kirchengemeinden auf Kommunen oder den Staat zu übertragen. Vielmehr geht es um neue Partnerschaften. Genau deshalb sollen bei der Tagung unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen: diejenigen, die Gebäude erhalten müssen, diejenigen, die Denkmäler schützen, diejenigen, die Orte planen und entwickeln – und nicht zuletzt die Menschen, die diese Kirchen nutzen und mit ihnen persönliche Erinnerungen verbinden.
Von der Theorie in die Kirche
Die Tagung in Bad Alexandersbad richtet sich ausdrücklich an alle, die sich für das Thema interessieren. Dabei soll nicht nur über Gebäude gesprochen werden.
Am Freitagabend führt das Programm selbst in einen solchen besonderen Raum: in die Kirche St. Peter in Schönbrunn bei Wunsiedel, die auch auf dem Tagungsflyer zu sehen ist. Dort beginnt um 19.30 Uhr unter dem Titel "Wie lieblich sind Deine Wohnungen" eine Verbindung aus Kirchenführung, Psalmen, Lyrik und Musik.
An den beiden Tagen geht es unter anderem um Geschichte und gewachsene Bedeutung von Kirchengebäuden, Bestand und Finanzierung, Denkmalschutz, politische und gesellschaftliche Verantwortung und vor allem um die Frage, wie sich Kirchen neu entdecken und anders nutzen lassen.
Die Tagung bringt dafür Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Sie findet in Kooperation mit Markgrafenkirchen e. V. statt und wird vom Kirchenkreis Bayreuth und der Oberfrankenstiftung unterstützt.
Für die oberfränkischen Kirchengemeinden kommt die Debatte zur richtigen Zeit. Denn die Frage, welche Gebäude künftig erhalten, verändert oder anders genutzt werden, ist längst keine theoretische Zukunftsfrage mehr. Die Entscheidungen darüber werden bereits vorbereitet.
Und sie betreffen nicht nur diejenigen, die sonntags auf einer Kirchenbank sitzen. Wenn die Kirche im Dorf bleiben soll, wird die Frage nach ihrer Zukunft auch zu einer Frage für das Dorf.
Information
Die Tagung "Wo Du Wohnung hast genommen … – Die Zukunft der Kirchengebäude in Oberfranken" findet am Freitag, 11. September 2026, ab 14 Uhr und am Samstag, 12. September, von 9 bis 19 Uhr im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad statt.
Für Tagesgäste sind noch Plätze frei. Die Teilnahme kostet inklusive Verpflegung am Freitag 16 Euro und am Samstag 24 Euro. Anmeldeschluss ist Montag, 7. September.
Anmeldung und ausführliches Programm: ebz-alexandersbad.de