Krieg ist die Hölle, schreibt Paul D. Miller. Aber manchmal, so seine Überzeugung, führt kein moralisch vertretbarer Weg an ihr vorbei. 

In seinem Buch "Darf Krieg sein?" will der US-amerikanische Politikwissenschaftler und frühere Soldat deshalb eine christliche Orientierung für Zeiten bewaffneter Konflikte bieten. 

Sein Ziel ist nicht, Krieg zu verherrlichen. Miller will Regeln formulieren, die militärische Gewalt begrenzen. Doch je länger man seiner Argumentation folgt, desto stärker entsteht der Eindruck, dass diese Regeln nicht nur einhegen, sondern auch legitimieren sollen.

Warum Miller den Pazifismus ablehnt

Millers Ausgangspunkt ist die christliche Lehre vom gerechten Krieg. Sie bildet für ihn den vernünftigen Mittelweg zwischen drei Positionen, die er verwirft: dem Pazifismus, der militärische Gewalt grundsätzlich ablehnt, dem "Heiligen Krieg", der Gewalt religiös auflädt, und dem politischen Realismus, der Kriege allein mit Macht, Interessen und staatlicher Notwendigkeit rechtfertigt.

Die Bibel, so Miller, verbiete nicht jedes Töten, sondern den Mord. Zugleich übertrage sie der staatlichen Obrigkeit die Aufgabe, Ordnung zu sichern, das Böse zu bestrafen und Schwache zu schützen. Daraus folge, dass militärische Gewalt in bestimmten Situationen nicht nur erlaubt, sondern moralisch geboten sein könne – etwa zur Abwehr eines Angriffskrieges oder zur Verhinderung eines Völkermords.

Ob ein Krieg gerecht ist, entscheidet sich für Miller auf drei Ebenen. Vor dem Krieg braucht es einen legitimen Grund, eine rechtmäßige Autorität und die richtige Absicht. Im Krieg müssen die eingesetzten Mittel verhältnismäßig sein und zwischen militärischen Zielen und der Zivilbevölkerung unterscheiden. Nach dem Krieg muss eine Ordnung entstehen, die Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung ermöglicht. Ein militärischer Sieg allein genügt nicht.

Anhand gegenwärtiger Konflikte versucht Miller, dieses Schema praktisch anzuwenden. Russlands Angriff auf die Ukraine bewertet er eindeutig als ungerecht. Die Ukraine habe das Recht, ihre Souveränität zu verteidigen und dafür Unterstützung anderer Staaten anzunehmen. Auch Israels militärisches Vorgehen in Gaza hält er nach dem Angriff der Hamas grundsätzlich für legitim. Zugleich äußert er Zweifel an der Verhältnismäßigkeit einzelner Angriffe, an hohen zivilen Opferzahlen und am Einsatz KI-gestützter Systeme zur Auswahl von Zielen. 

Ausführlich beschäftigt sich Miller zudem mit Atomwaffen, Drohnen, Cyberangriffen und autonomen Waffensystemen. Neue Technologien änderten nichts an den moralischen Maßstäben, argumentiert er. Gerade weil militärische Gewalt durch Drohnen und Algorithmen einfacher, billiger und für die angreifende Seite risikoärmer werde, müsse die Schwelle zu ihrem Einsatz hoch bleiben.

Schließlich weist Miller den Kirchen eine konkrete Aufgabe zu. Sie sollen Soldat:innen und Veteran:innen begleiten, Hinterbliebene unterstützen, politische Entscheidungsträger an ihre Verantwortung erinnern und Gemeinden dazu befähigen, Kriege moralisch zu beurteilen. Christ:innen müssten den Krieg hassen, schreibt Miller – selbst dann, wenn sie zu den Waffen griffen.

Eine Theorie, deren Ergebnis schon feststeht

Das klingt zunächst differenziert. Miller erkennt die Schrecken des Krieges an, spricht über zivile Opfer, Traumata, Schuld und die Versuchung, Gegner zu entmenschlichen. Dennoch bleibt seine Argumentation auffallend einseitig. 

Denn das Ergebnis seiner Untersuchung steht im Grunde von Beginn an fest: Militärische Gewalt kann gerecht sein, westliche Demokratien stehen prinzipiell für die gerechtere Ordnung, und die entscheidende Frage lautet meist nur noch, unter welchen Voraussetzungen ihre Kriege legitim sind.

Der Pazifismus erscheint dabei nicht als ernsthafte christliche Gegenposition, sondern vor allem als moralisch gut gemeinte, politisch jedoch naive Haltung. Miller misst ihn an extremen Situationen wie Völkermord, Terror oder Angriffskrieg und kann anschließend leicht feststellen, dass gewaltloses Handeln die Opfer im Stich ließe. Die stärkeren Argumente christlicher Friedensethik – etwa die Frage, ob militärische Gewalt tatsächlich die versprochene Sicherheit erzeugt oder regelmäßig neue Gewaltverhältnisse hervorbringt – geraten so aus dem Blick.

Auch die Kriterien des gerechten Krieges erweisen sich bei Miller als erstaunlich dehnbar. Krieg soll das letzte Mittel sein. Zugleich warnt er davor, diese Forderung zu streng auszulegen, weil sonst notwendiges Handeln blockiert werde. Ein Krieg soll Aussicht auf Erfolg haben und verhältnismäßig sein. Zugleich betont Miller, dass sich Folgen und Erfolgsaussichten im Voraus kaum zuverlässig bestimmen ließen. Die Kriterien werden also im entscheidenden Moment relativiert, was aus moralischen Fragen rein strategische Abwägungen politischer Entscheider:innen macht.

Auch in der Betrachtung des Krieges zwischen Israel und der Hamas zeigt sich eine auffällige Asymmetrie. Miller benennt zwar mögliche israelische Verstöße gegen Verhältnismäßigkeit und Unterscheidungsgebot. Die Verantwortung für die Gefährdung der palästinensischen Zivilbevölkerung verortet er jedoch ausschließlich bei der Hamas. Gerade eine Theorie des gerechten Krieges müsste aber jede Kriegspartei unabhängig vom Verhalten des Gegners an denselben Maßstäben messen.

Problematisch ist zudem Millers geopolitischer Rahmen. Seine "freie Welt" besteht im Wesentlichen aus liberalen, westlich geprägten Demokratien, allen voran den USA. Deren Fehler erkennt er zwar an, behandelt sie aber überwiegend als Abweichungen von einer grundsätzlich gerechten Ordnung. Russland, China, Iran und andere Staaten erscheinen dagegen als finstere Mächte, die sich dieser Ordnung entgegenstellen. Dass alle Seiten letztlich vor allem auf der Grundlage von Interessen, nicht Werten, agieren, scheint ihm nicht plausibel zu sein.

So entsteht ein grundlegendes Problem: Miller möchte Krieg moralisch einhegen, liefert aber zugleich ein Vokabular, mit dem Staaten ihre Gewalt als gerecht darstellen können. Nahezu jeder Krieg wird schließlich mit Begriffen wie Verteidigung, Schutz, Ordnung oder Frieden begründet. Entscheidend wäre deshalb, wer ihre Bedeutung festlegt – und wer die Mächtigen wirksam kontrolliert.

Der entscheidende Widerspruch steht im Nachwort

Bemerkenswerterweise findet sich die stärkste Gegenposition im Buch selbst. Generalmajor Ruprecht von Butler, der das Nachwort verfasst hat, folgt Miller in vielen Punkten: Auch er hält konsequenten Pazifismus für unzureichend, betont die Pflicht zum Schutz der Schwachen und verteidigt militärische Abschreckung. 

An der entscheidenden Stelle aber widerspricht er Miller: Ein Krieg könne notwendig sein, schreibt von Butler sinngemäß, aber niemals im eigentlichen Sinne gerecht. Sobald er Menschen tötet, verletzt und traumatisiert, bleibt er eine Katastrophe und ein Raum existenzieller Schuld. Militärische Gewalt könne dann allenfalls die äußerste Ultima Ratio sein: rechtsgebunden, verhältnismäßig, politisch kontrolliert und dem persönlichen Gewissen unterworfen.

Dieser Unterschied ist mehr als eine begriffliche Nuance. Wer einen Krieg "gerecht" nennt, spricht ihm eine moralische Qualität zu. Wer ihn lediglich für notwendig hält, beharrt dagegen auf dem tragischen Rest, der sich nicht rechtfertigen lässt. Die zweite Perspektive schützt stärker vor Selbstgewissheit. Ausgerechnet das Nachwort formuliert deshalb überzeugender, was Miller mit seinem Buch erreichen will.

Notwendig ist nicht gerecht

"Darf Krieg sein?" bietet einen gut zugänglichen Überblick über die christliche Tradition des gerechten Krieges und stellt wichtige Fragen zu neuen Waffentechnologien, politischer Verantwortung und der Begleitung von Soldat:innen. Als offene ethische Untersuchung überzeugt das Buch jedoch nur bedingt. Zu deutlich ist seine US-evangelikale und einseitig pro-westliche Perspektive, zu bereitwillig werden die eigenen Kriterien relativiert, sobald sie politisches oder militärisches Handeln erschweren.

Der produktivste Gedanke steht am Ende – und stammt nicht von Miller. Militärische Gewalt kann demnach in bestimmten, extremen Situationen notwendig werden. Aber ihre Notwendigkeit macht sie noch lange nicht gerecht. Diese Unterscheidung hält das Dilemma offen, statt es mit einem guten Gewissen zu schließen.

Paul D. Miller (2026): Darf Krieg sein? Eine christliche Orientierung in Zeiten bewaffneter Konflikte, Fontis Verlag, Basel, 272 Seiten.