Warum bist du evangelisch?
Als Chefredakteurin eines Onlinemagazins, das sich explizit mit Kirche, Religion und Glauben beschäftigt, werde ich bei Gesprächen auf Tagungen oder in der Öffentlichkeit häufig danach gefragt, ob ich denn besonders gläubig sei. Dann erkläre ich, dass mein persönlicher Glaube für meinen Job erst einmal nachrangig ist - denn ich bin Redakteurin und schreibe ÜBER Kirche, Glaube und Religion. Und dass es die deutsche Medienlandschaft bereichert, wenn es ein aktuelles Onlinemagazin in Deutschland gibt, dass professionell und kenntnisreich über dieses Themenfeld berichtet.
Gleichwohl ist es natürlich immer gut, zu wissen, warum denn jemand evangelisch ist - und was diesen Menschen, mit dem ich spreche, wirklich bewegt und beschäftigt in Sachen Glauben. Der evangelische Theologe Georg Schwikart hat sich auf den Weg gemacht und ist seinem Glauben nachgegangen - mit dem Buch "95 gute Gründe, evangelisch zu sein".
95 gute Gründe, evangelisch zu sein
Er versteht sein Buch, so steht es zumindest im Klappentext, als Selbstvergewisserung für Protestanten. Es solle dazu einladen, Evangelische kennenzulernen. In knappen, zweiseitigen Kapiteln erklärt der Autor leicht verständlich evangelische Eigentümlichkeiten und Errungenschaften. Schwikart schreibt über die Bibel für alle, Frauen im Amt, Martin Luther King, die Losungen, Posaunenchöre, "Sieben Wochen ohne" oder feministische Theologie. In seinen gut lesbaren Texten werden die jeweiligen Begriffe kurz erklärt, der historische Zusammenhang erläutert. Leider geraten diese Texte mir oft zu kurz, es wirkt, als habe der Autor seinen Zettelkasten durchforstet und zu jedem Begriff zwar das Wesentliche, aber eben auch nur die ersten grundlegenden Gedanken notiert.
Was mir aber ganz besonders fehlt in diesem Büchlein aus der Evangelischen Verlagsanstalt ist der ganz persönliche Blick auf Religion und Glauben. Ein Beispiel: Natürlich ist es interessant, zu lesen, dass es viele evangelische Märtyrer gab, die getötet wurden, weil sie Protestanten waren. Aber dieses Kapitel ohne Einordnung und Perspektive mit dem abschließenden Satz "Der Mut unserer Geschwister imponiert" zu beenden - das reicht mir nicht. Ich würde erwarten, dass der Autor genau an diesem Punkt weiterdenkt und mir seine theologische heutige Ansicht zum Thema mitteilt. Was bedeuten denn diese evangelischen Märtyrer heute? Was können wir von ihnen lernen? Was tragen sie zu unserem evangelischen Profil bei, und warum sind sie wichtig?
Diese Sehnsucht nach theologischer Interpretation, diese offenen Fragen begleiten mich fast durch alle Artikel des Buches. Was hilft mir ein Passus über feministische Theologie oder den Adventskranz für mein Leben als Evangelische? Ich hätte gerne gelesen, warum Georg Schwikart evangelisch ist. Was erzählt er den Menschen am Stammtisch oder bei einer Party, wenn er gefragt wird, warum Menschen heute noch an Gott glauben, was es bedeutet, evangelisch zu sein? Und darauf hat ein Theologe sicherlich andere Antworten als ich als Redakteurin.
Warum ich evangelisch bin
Um zur Frage zu Beginn dieses Textes zurückzukommen: Wenn ich gefragt werde, warum ich evangelisch bin, dann tue ich mich auch nicht leicht, darauf zu antworten. Ich bin wohl vor allem Kulturprotestantin, und das ist mit einer gewissen Haltung verbunden. Praktisch täglich sehe ich, wie stark unsere Gesellschaft vom Christentum geprägt wurde. Und das hat Konsequenzen: Ich versuche, Werte wie Nächstenliebe und Gleichberechtigung, Demokratie und Nachhaltigkeit konkret mit Leben zu füllen - indem wir in der Redaktion etwa auf diverse Autor:innen achten, über Themen berichten, die in vielen anderen Medien kaum noch vorkommen, oder ich die Risiken von KI und Digitalisierung im Podcast Ethik Digital diskutiere.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Gemeinden in aller Welt vor allem in Krisensituationen großartige Arbeit leisten. Ich erinnere mich gut an das Engagement während der großen Flüchtlingswelle 2015, als Gemeindehäuser ihre Türen öffneten und unzählige Ehrenamtliche sich (bis heute) engagierten. Ich finde es großartig, dass wir uns als Lutheraner weltweit mit so vielen Menschen vernetzen können - und kann gar nicht verstehen, warum wir nicht viel mehr auf internationale Zusammenarbeit setzen und große Brocken wie die Bewahrung der Schöpfung gemeinsam angehen.
Schließlich schätze ich Pfarrer:innen und Theolog:innen, die für ihre Sache brennen - und in schwierigen Lebenslagen mit Seelsorge zu helfen wissen. Die Professionalität, mit der sie etwa den Tod und den damit verbundenen Trauerprozess begleiten und den Angehörigen helfen, diese schwierige Zeit zu meistern, möchte ich nicht missen. Und sie gehören zu den wenigen Menschen, die vollkommen frei denken können, weil sie wirtschaftlich nicht so abhängig sind.
95 gute Gründe, evangelisch zu sein
Dieses Buch ist eine Selbstvergewisserung für Protestanten, lädt aber ebenso dazu ein, diese Spezies näher kennenzulernen. Evangelisch zu sein unterscheidet sich in großen und kleinen Dingen von anderen Bekenntnissen. Die Stichworte sind - bunt gemischt - zum Beispiel: Bibel für alle, Frauen im Amt, Der Adventskranz, Martin Luther King, Die Losungen. Posaunenchöre, Entmythologisierung, 7 Wochen Ohne, Feministische Theologie, Johann Sebastian Bach, Danke für diesen guten Morgen, Pioniere der Ökumene, Das protestantische Prinzip, Händereichen nach dem Gottesdienst, Taizé, Das Beffchen, Brot für die Welt, Kirchenkaffee, Allein aus Gnade - und viele Themen mehr.
In kurzen Kapiteln erklärt der Autor leicht verständlich und unterhaltsam evangelische Einsichten, Eigentümlichkeiten und Errungenschaften, von denen einige längst von anderen Glaubensgemeinschaften, aber auch den modernen westlichen Gesellschaft generell übernommen worden sind. Evangelisch ist mehr als eine Konfession: Es ist eine eigene Art zu glauben, zu leben und Kirche zu sein.