Alles beginnt mit einer Flasche Wein. Alban Genevey, Medizinstudent aus Paris, hat sie mit Freunden in das Restaurant von Alexandre Romani mitgebracht. Für den jungen korsischen Wirt ist das eine Provokation. Einige Tage später begegnen sich die beiden im Hafen wieder. Sie streiten, Alexandre zieht ein Messer und sticht zu. Touristen filmen mit ihren Smartphones, wie Alban stirbt.
Ein Mord aus gekränkter Ehre
Ein vollkommen sinnloser Mord, zumal sich Täter und Opfer seit ihrer Kindheit kennen. Albans Familie gehört zu jenen wohlhabenden Franzosen vom Festland, die seit Jahren ein Ferienhaus auf der Insel besitzen. Alexandre ist hier geboren. Der eine kommt jeden Sommer, der andere kommt nicht weg. Aus dieser Konstellation entwickelt Jérôme Ferrari in "Nord Sentinelle" eine Familiengeschichte, die in die Vergangenheit zurückführt und allmählich erklärt, wie eine mitgebrachte Flasche Wein für einen Mann zur Frage der Ehre werden kann.
Besonders schmeichelhaft fällt Ferraris Blick auf seine korsischen Landsleute nicht aus. In der Familie Romani werden Gewalttäter zu Legenden: Herkunft ersetzt Leistung und Stolz kaschiert Unsicherheit. Alexandre hat gelernt, dass es etwas bedeutet, Korse zu sein. Nur scheint er selbst nicht so recht zu wissen, was genau.
Korsen, Touristen und die Frage nach Heimat
Auf der anderen Seite stehen die Besucher vom französischen Festland. Sie lieben die Insel gerade wegen ihrer vermeintlichen Ursprünglichkeit: die Landschaft, die Dörfer, das Meer und wohl auch ein wenig die Vorstellung von den stolzen Korsen, die sich von Paris nicht viel sagen lassen. Sie kaufen Häuser, verbringen ihre Sommer hier und suchen jene Authentizität, die durch ihre Anwesenheit verschwindet.
Ferrari macht es sich angenehm schwer, weil er keiner Seite recht gibt. Der Tourist ist nicht automatisch der rücksichtslose Eindringling und der Einheimische nicht das edle Opfer des Massentourismus. Die Korsen verachten jene Menschen, von deren Geld sie leben. Die Besucher wiederum lieben eine Insel, die ihren Vorstellungen entsprechen soll.
Darin steckt eine der interessanteren Fragen des Romans: Wann gehört ein Mensch eigentlich zu einem Ort? Reicht es, dort geboren worden zu sein? Kann jemand, der oder die seit Jahrzehnten jeden Sommer kommt, irgendwann dazugehören? Und welchen Anspruch erwirbt ein Mensch auf eine Landschaft, nur weil er oder sie sie Heimat nennt?
Hinter dem Konflikt zwischen Reisenden und Einheimischen liegt bei Ferrari allerdings noch etwas anderes. Alexandre leidet weniger am Tourismus als an sich selbst. Er gehört zu jenen Männern, die mit einer Vorstellung von Stärke und Ehre aufgewachsen sind, der das eigene Leben nicht standhält: die Differenz zwischen dem, was man gern wäre, und dem, was man tatsächlich ist. Ferrari erzählt das mit einer Bosheit, die dem Roman guttut. Seine Figuren sind eitel, gekränkt, lächerlich und manchmal brutal. Gerade deshalb wirken sie glaubwürdig.
North Sentinel als radikales Gegenbild
Erst im letzten Drittel erschließt sich dann auch der rätselhafte Titel. Nord Sentinelle, besser bekannt als North Sentinel Island, ist eine kleine Insel der Andamanen im Indischen Ozean. Die dort lebenden Sentinelesen gehören zu den wenigen Gemeinschaften, die den Kontakt zur Außenwelt bis heute weitgehend verweigern.
Ferrari benutzt North Sentinel als radikales Gegenbild zu Korsika. Dort eine Insel, deren Bewohner den Fremden fernhalten. Hier eine Insel, die von Millionen Menschen besucht, fotografiert, gekauft und konsumiert wird. Der Titel spielt also wieder mit der Frage, ob es überhaupt einen moralisch sauberen Zustand der "ursprünglichen" Heimat gibt – oder ob auch dieser nur eine Geschichte ist, die Menschen über sich erzählen.
Das passt zu Ferrari, der 1968 in Paris geboren wurde, lange auf Korsika lebte und Philosophie unterrichtete. Im Jahr 2012 erhielt er für "Predigt auf den Untergang Roms" den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis.
Kein leichter Sommerroman
"Nord Sentinelle" ist mit rund 180 Seiten schmal und trotzdem nicht immer leicht. Ferraris Sätze nehmen Umwege, der Erzähler schweift ab. Manchmal hätte etwas weniger philosophischer Überbau genügt.
Am Ende bleibt vor allem der tote Alban. Ein junger Mann, der seit seiner Kindheit auf diese Insel kam und wegen einer Flasche Wein sterben musste. Ferrari liefert dafür keine beruhigende Erklärung. Insgesamt kein leichter Sommerroman, aber lesenswert.
Jérôme Ferrari (2025): Nord Sentinelle, aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag, Berlin, rund 180 Seiten, 25 Euro.