Schwarze oder weiße Gewänder, imposante Umhängekreuze, bunte Schärpen und Borten sowie Kopfbedeckungen aller Art: Ein Gruppenfoto des Rates der Religionen ist wie ein Kaleidoskop des Glaubens. Denn wer im oberbayerischen München beim Stichwort "Religion" neben den Katholiken vielleicht gerade noch an Protestanten denkt, kommt ins Staunen: Im 2016 gegründeten Rat der Religionen sitzen verschiedene orthodoxe Kirchen mit am Tisch, neben Vertretern der Liberalen Jüdischen Gemeinde, des Muslimrats und des Münchner Forums für Islam, der Buddhistischen Gemeinschaft, der Aleviten, Baha’i sowie der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Die Zielsetzung bei der Gründung im Juli 2016 war ehrgeizig: Man wolle eine Gesprächsplattform schaffen, "um einen werteorientierten Dialog in Gang zu bringen und zu führen, wenn es um den Frieden und die Menschenwürde unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung geht", heißt es in der Präambel des Gründungsdokuments. Ziel sei auch zehn Jahre später, ein Zeichen in die Stadt zu senden, "dass Religion nicht nur Privatsache ist, dass sie nicht zu Hass aufruft, sondern positive Kräfte für die Gesellschaft entfalten kann", sagte Stadtdekan Bernhard Liess dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Zerreißprobe 7. Oktober
Seit 2016 ist viel passiert: Als die Corona-Pandemie sogar Familien entzweite, veröffentlichte der Rat einen Aufruf zu mehr Solidarität und für die Schutzimpfung. Als Russland die Ukraine überfiel, warnte der Rat vor Pauschalurteilen und warb für ein friedliches Miteinander der Stadtgesellschaft. Dazwischen und danach gab es Friedensgebete und Spendenaktionen. Doch zur Zerreißprobe für die Ratsmitglieder wurden der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Gazakrieg, zwei Ereignisse, auf die vor allem die muslimischen und jüdischen Vertreter des Gremiums keine gemeinsame Antwort finden konnten.
Die große Lähmung des Rates ist zwar spätestens seit dem gemeinsamen Aufruf zur Bundestagswahl 2025 überwunden. Dennoch habe das Hamas-Attentat zu "Zerwürfnissen zwischen einzelnen Partnern geführt, die bis heute nicht wieder geheilt sind", erklärte Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising. In der Praxis bedeutet das, dass die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern seit dem 7. Oktober ihr Mandat ruhen lässt.
"Dialog bewirkt etwas"
"Für uns Juden und Muslime ist es im Moment eine schwierige Zeit", sagte Gabriela Schneider, die die Liberale Jüdische Gemeinde Beth Shalom im Rat der Religionen vertritt, im epd-Gespräch. Sie betont deshalb die positiven Erlebnisse: Gern erinnere sie sich an die gemeinsame Reise nach Bosnien im Herbst 2022, ein Land, "in dem Mord und Vernichtung über Juden und später über die Muslime kam. Unsere Trauer darüber hat uns sehr verbunden." Für Schneider gibt es keine Alternative zum interreligiösen Dialog: "Dafür brenne ich, denn Dialog bewirkt etwas."
Für den Vorsitzenden des Münchner Forums für Islam, Benjamin Idriz, ist ein Ziel der Ratsarbeit, "dass wir uns unabhängig von Konflikten in der Welt auf den Frieden vor Ort fokussieren können". Nach dem 7. Oktober 2023 habe der interreligiöse Dialog in München einen Tiefpunkt erlebt: "Wir haben eine Menge Arbeit vor uns", sagt der Imam. Dennoch habe der Rat seit 2016 viel erreicht. Auch Idriz ist überzeugt: "Ohne Dialog kann man den Frieden nicht erreichen."
Offenheit für Position der anderen
Der griechisch-orthodoxe Archimandrit Georgios Siomos wiederum sagt: "Der Rat der Religionen hat es in den letzten zehn Jahren geschafft, den interreligiösen Dialog auch in Krisenzeiten offen zu halten - das kann man nicht hoch genug schätzen." Ein aufrichtiger Dialog entstehe erst, wenn man nicht nur die eigene Position darstellen, sondern auch die Position der anderen anhören wolle. "Ohne einen solchen Dialog findet an allen Fronten nur Verhärtung statt."
Zehn Jahre sind die Münchner Religionsgemeinschaften nun schon "zusammen unterwegs" - so heißt deshalb auch das Leitwort des diesjährigen Friedensgebets. Am Dienstag (29. September) feiern Stadtdekan Bernhard Liess, Generalvikar Christoph Klingan, Rabbiner Tom Kucera, Erzpriester Nedialko Kalinov sowie Vertreter der anderen Religionen den ersten runden Geburtstag des Gremiums. Die Richtung für die nächsten zehn Jahre ist klar: "Wir wollen weiter daran arbeiten, dass wieder alle Religionsgemeinschaften an einem Tisch sitzen können", sagt Klingan, "und wir sind offen für die Mitarbeit weiterer Religionsgemeinschaften der Münchner Stadtgesellschaft."