Am 6. Mai 1933 stehen Studenten vor einer herrschaftlichen Villa im Berliner Tiergarten. Sie dringen in das Gebäude ein, verwüsten Räume, zerstören Sammlungen und schleppen Bücher, Akten und eine Büste des Hausherrn hinaus. Vier Tage später werden Teile der Bibliothek auf dem Berliner Opernplatz verbrannt.
Der Hausherr hieß Magnus Hirschfeld, und bei dem Haus handelte es sich um das im Jahr 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft. Im Berlin der Weimarer Republik beschäftigten sich Hirschfeld und seine Mitarbeiter mit Fragen, über die wir hundert Jahre später noch immer streiten: Was bestimmt unser Geschlecht? Was bedeutet sexuelle Identität? Was geschieht, wenn das empfundene Geschlecht nicht mit dem bei der Geburt zugeschriebenen übereinstimmt? Und vor allem: Wer darf darüber bestimmen, wie ein Mensch lebt und liebt?
Der Medizinhistoriker Rainer Herrn hat diesem außergewöhnlichen Institut mit "Der Liebe und dem Leid" nun gewissermaßen sein Gedächtnis zurückgegeben.
Forschung, Beratung und politische Reform
Das Institut war Forschungseinrichtung, Museum, Archiv, Beratungsstelle, Klinik und politisches Projekt zugleich. Menschen konnten sich über Verhütung und Geschlechtskrankheiten informieren. Menschen, die damals als "Transvestiten" bezeichnet wurden, fanden hier einen der wenigen Orte, an denen ihre Identität überhaupt wissenschaftlich ernst genommen wurde. Es wurden Gutachten erstellt, Hormone erprobt und geschlechtsangleichende Operationen begleitet. Besucherinnen und Besucher kamen aus aller Welt, darunter Lili Elbe, deren Leben später in "The Danish Girl" verfilmt wurde.
Fast unfassbar: Das war vor knapp hundert Jahren!
Fortschritt verläuft nicht geradlinig
Herrn zeigt eindrucksvoll, wie wenig geradlinig Fortschritt verläuft. Vorstellungen, die wir heute für Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte halten, wurden damals bereits diskutiert. Gleichzeitig wäre es falsch, Hirschfeld einfach zum modernen Vorkämpfer heutiger queerer Bewegungen zu erklären.
Denn ja, Hirschfeld und seine Mitstreiter wollten Menschen von gesellschaftlicher Ächtung befreien, indem sie Homosexualität und geschlechtliche Vielfalt wissenschaftlich erklärten. Wissenschaft sollte Gerechtigkeit ermöglichen. Aber Wissenschaft bedeutete damals eben auch Vermessung, Klassifizierung und mitunter den Glauben, nahezu jede Abweichung medizinisch erklären oder behandeln zu können. Letzteres wirkt aus heutiger Sicht irritierend fremd.
So behandelt das Buch auch fragwürdige Operationen und medizinische Experimente und thematisiert zahlreiche Konflikte innerhalb der Sexualreformbewegung. Hirschfeld erscheint dadurch nicht als Denkmal, sondern als Mensch seiner Zeit: mutig, neugierig, politisch engagiert – und gelegentlich gefangen in den wissenschaftlichen Vorstellungen seiner Epoche.
Monumentale Forschung mit Längen
"Der Liebe und dem Leid" ist mit 681 Seiten ein gewaltiges Buch. Herrn rekonstruiert Sitzungen und Organisationen, medizinische Verfahren, Personalien, politische Allianzen, wissenschaftliche Kontroversen und institutionelle Rivalitäten mit einer Gründlichkeit, die Bewunderung verdient – und gelegentlich Geduld abverlangt.
Nicht jede Verästelung einer Geschichte hätte erzählt werden müssen. Namen und Organisationen ziehen vorbei, Debatten verzweigen sich, und manchmal möchte der Leser oder die Leserin den Autor bitten, das beeindruckende Archiv für ein paar Seiten zu schließen und wieder mehr zu erzählen.
Herrn schreibt weniger für den schnellen Erkenntnisgewinn als für die historische Vollständigkeit. Sein Stil ist sachlich, präzise und angenehm frei von Pathos, aber er entwickelt nur selten jenen erzählerischen Sog, der aus Forschung ein kohärentes Lesevergnügen macht.
Übrigens: Hirschfeld selbst erlebte die Zerstörung seines Instituts nicht in Berlin. Er befand sich im Ausland und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. Im Jahr 1935 starb er im französischen Exil in Nizza.
Rainer Herrn, geboren 1957, ist Medizinhistoriker und beschäftigt sich insbesondere mit der Geschichte der Psychiatrie. Seit 1991 arbeitet er an der Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, seit 2008 zudem am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Berliner Charité.
Zerstörtes Wissen, bleibende Fragen
Wer eine leichtfüßige Geschichte des queeren Berlins der Zwanzigerjahre erwartet, wird sich schwertun. Wer dagegen verstehen möchte, wie erstaunlich weit Sexualwissenschaft in Deutschland einmal war – und wie radikal dieses Wissen anschließend vernichtet wurde –, sollte dieses Buch lesen.
Rainer Herrn (2022): Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 681 Seiten, 36 Euro.