Es ist möglich, zwei Dinge gleichzeitig für wahr zu halten: Künstliche Intelligenz ist eine bedeutende Technologie, die Wirtschaft und Arbeitswelt verändern wird. Und die Summen, die derzeit in sie investiert werden, sind womöglich durch nichts zu rechtfertigen.
Genau diese Unterscheidung geht in der Debatte oft verloren. Entweder gilt KI als Beginn eines neuen Zeitalters – oder als überschätzte Maschine zur Herstellung sprachlich überzeugenden Unsinns. Doch eine Technologie kann nützlich, sogar revolutionär sein und trotzdem eine Finanzblase hervorbringen. Das Internet ist schließlich auch nicht verschwunden, als im Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte.
Inzwischen ist die Sorge vor einer solchen Korrektur im Zentrum der Wirtschaftspresse angekommen. CNN fragt, ob der KI-Boom bereits zur Blase geworden ist. CNBC berichtet über die Warnungen von Ökonomen. Besonders lesenswert ist jedoch der Beitrag "The AI Bubble Is No Ordinary Bubble" von Annie Lowrey im Magazin "The Atlantic" Sie zeigt, was die gegenwärtige Spekulation von früheren Blasen unterscheidet – und weshalb ein Ende des Booms trotzdem alle treffen könnte.
Eine Billionenwette auf künftige Gewinne
Lowrey trägt einige erstaunliche Zahlen zusammen. Der Wert von Unternehmen, die mit dem KI-Boom verbunden sind, sei innerhalb von drei Jahren um 27 Billionen Dollar gestiegen. Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta wollten allein in diesem Jahr mehr als 700 Milliarden Dollar in Rechenzentren, Chips und andere KI-Infrastruktur investieren.
Das Problem: Diesen Ausgaben stehen bislang keine annähernd vergleichbaren Einnahmen gegenüber. Damit die Bewertungen gerechtfertigt wären, müssten die Unternehmen in kurzer Zeit gewaltige Gewinne erwirtschaften. OpenAI etwa müsste nach einer im "Atlantic" zitierten Berechnung bis 2030 einen freien Cashflow von rund 100 Milliarden Dollar erzielen. Andere Prognosen rechnen für dasselbe Jahr noch mit Verlusten zwischen zehn und 30 Milliarden Dollar.
Die KI-Wirtschaft ähnelt zudem zunehmend einem Kreislaufgeschäft: Große Technologiekonzerne investieren in KI-Start-ups. Diese Start-ups verwenden das Geld wiederum, um Chips, Rechenleistung und Cloud-Dienste derselben Konzerne zu kaufen. So entstehen Umsätze und steigende Bewertungen – allerdings innerhalb eines Systems, dessen Beteiligte finanziell immer stärker voneinander abhängig werden.
Wenn eines der zentralen Unternehmen ins Wanken gerät, könnte es deshalb nicht allein fallen.
Warum selbst ein Erfolg der KI den Kurssturz nicht verhindert
Bemerkenswert ist, dass inzwischen auch die Europäische Zentralbank vor einer Korrektur warnt. In ihrem Beitrag "The AI boom: rational enthusiasm or the next dot-com bubble?" verweisen fünf EZB-Ökonom:innen auf frühere Technologieschübe: Eisenbahn, Elektrizität, Radio und Internet lösten jeweils berechtigte Erwartungen aus – und dennoch folgte auf den Börsenboom ein Absturz.
Ihre entscheidende These lautet: Die Kurse müssen nicht erst deshalb fallen, weil sich KI als nutzlos erweist. Eine Korrektur ist auch möglich, wenn die Technologie ihre Versprechen grundsätzlich erfüllt.
Am Anfang lässt sich das Risiko noch auf einzelne Unternehmen begrenzen. Je stärker aber eine Technologie die gesamte Wirtschaft durchdringt, desto weniger lässt sich ein mögliches Scheitern abfedern. Gleichzeitig müssen die Unternehmensgewinne immer schneller wachsen, um die vorausgeeilten Bewertungen zu rechtfertigen. Gelingt das nicht, korrigiert der Markt seine Erwartungen – selbst wenn die Technologie weiterhin erfolgreich ist.
Der Satz "KI wird sich durchsetzen" beantwortet deshalb nicht die Frage, ob KI-Aktien angemessen bewertet sind.
Europa schaut nicht von außen zu
Ein Platzen der Blase wäre auch kein amerikanisches Privatproblem. Die sogenannten "Magnificent Seven" – Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla – machen inzwischen einen erheblichen Teil großer internationaler Aktienindizes aus.
Nach Berechnungen der EZB sind Haushalte im Euroraum über Fonds und börsengehandelte Indexfonds mit rund 440 Milliarden Euro in amerikanischen Technologieaktien investiert. Vielen dürfte dabei kaum bewusst sein, wie stark ihr vermeintlich breit gestreutes Depot von wenigen US-Konzernen abhängt. Auch Versicherungen und Pensionsfonds sind engagiert.
Bei einem Kurseinbruch könnten Fonds gezwungen sein, weitere Vermögenswerte zu verkaufen, um Auszahlungen zu bedienen. Aus einem Einbruch einzelner Aktien würde dann eine Kettenreaktion. Die Folgen könnten Kredite, Investitionen und Arbeitsplätze betreffen – und damit auch Menschen, die nie bewusst auf OpenAI, Nvidia oder irgendein anderes KI-Unternehmen gewettet haben.
Die alte Fantasie von der Firma ohne Beschäftigte
Der Schriftsteller und Technologiekritiker Cory Doctorow erweitert die wirtschaftliche um eine politische Perspektive. In einem Interview mit dem "Guardian" argumentiert er, dass sich die Begeisterung für KI nicht allein aus ihren tatsächlichen Fähigkeiten erklären lasse.
KI bediene eine sehr alte Unternehmerfantasie: Produkte ohne Produktentwickler:innen, Filme ohne Schauspieler:innen, Krankenhäuser ohne Ärzt:innen und Pflegekräfte – kurz: Unternehmen ohne Beschäftigte. Selbst dort, wo Automatisierung schlechter oder teurer funktioniert als menschliche Arbeit, bleibe sie attraktiv, weil sie Machtverhältnisse verändert.
Doctorow spricht vom "reverse centaur", dem umgekehrten Zentauren: Nicht die Maschine unterstützt den Menschen, sondern der Mensch wird zum schlecht bezahlten Hilfsarbeiter eines automatisierten Systems. Er kontrolliert die Fehler der Software, folgt ihren Vorgaben und hält ihren Betrieb aufrecht – während nach außen behauptet wird, die Arbeit sei automatisiert worden.
Doctorows Skepsis gegenüber den technischen Möglichkeiten von KI ist radikal. Stark ist seine Warnung vor dem "criti-hype": Auch düstere Prophezeiungen, wonach KI bald alle Menschen ersetzen werde, verstärken den Mythos ihrer Allmacht. Kritik und Werbung erzählen dann dieselbe Geschichte – nur mit unterschiedlichen Vorzeichen.
Die KI kann bleiben, während die KI-Wette kollabiert
Ob und wann die Blase platzt, kann niemand seriös vorhersagen. Auch nach einer Korrektur könnten KI-Unternehmen langfristig wachsen und ihre Produkte immer wichtiger werden. Das eine widerspricht dem anderen nicht.
Gerade deshalb lohnt sich Annie Lowreys Text. Er löst die Debatte aus der falschen Alternative zwischen Technikbegeisterung und Technikverachtung. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI beeindruckende Dinge kann. Entscheidend ist, ob sie rechtzeitig jene gigantischen Gewinne erwirtschaftet, die an den Börsen längst eingepreist sind.
Das Internet überlebte den Dotcom-Crash. Viele Unternehmen, Vermögen und Arbeitsplätze taten es nicht. So könnte es auch diesmal kommen: Die künstliche Intelligenz bleibt – aber die Billionenwette auf ihre grenzenlose Rentabilität geht nicht auf.
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