Ulli Popp steht beim Fassanstich. Der populistische Spitzenkandidat gibt sich volksnah, dann entgleist ihm für einen kurzen Moment das Gesicht. Der Pressefotograf August Becker hält genau diesen Augenblick fest.
Für Becker zeigt das Foto endlich den anderen Popp, den aggressiven, den bösen, den Demagogen, womöglich "den gefährlichsten Mann Deutschlands". Kommt Ihnen bekannt vor? Doch diesmal weigert sich die Redaktion, das Foto zu veröffentlichen. Und – das ist das Problem – der Rechtspopulist kauft es selbst und verwendet es für seinen Wahlkampf!
Ein Bild, zwei völlig verschiedene Lesarten
Die Idee des Romans ist spannend: Der Fotograf glaubt an die aufklärerische Macht seines Bildes, während der Politiker längst begriffen hat, dass es in einer polarisierten Öffentlichkeit kaum noch eine allgemein verbindliche Lesart gibt. Was der eine als hässliche Fratze betrachtet, verkauft der andere als Ausdruck von Entschlossenheit.
Der Roman zeigt, wie Populisten das Spiel mit der Provokation beherrschen, um die Wirkung der anschließenden Empörung wissen und jene Medien für sich nutzen, deren angebliche Feindseligkeit sie gleichzeitig beklagen.
Ein Roman mit bedrückender Aktualität
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD liegt wenige Wochen vor der Wahl in Umfragen deutlich vorn. Der "Spiegel" titelte jüngst über den Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund "Der gefährlichste Mann Deutschlands" – und nahm ein ganz harmloses Foto. Aktueller könnte das Thema also nicht sein. Aber zurück zum Roman:
Doron Rabinovici hat für den schwierigen Umgang mit Populisten eine interessante Geschichte geschrieben, nur schöpft er die zugrunde liegende Idee nicht vollständig aus. Ulli Popp ist von Anfang an so eindeutig gezeichnet, dass es an ihm wenig zu entdecken gibt. Der Fotograf Becker wiederum verkörpert recht zuverlässig das aufgeklärte liberale Milieu. Hinzu kommen dessen Sohn, Journalisten, politische Weggefährten und eine Liebesgeschichte. Wir erkennen bei vielen Figuren viel zu schnell, welche Position in der gesellschaftlichen Debatte ihnen zugedacht wurde.
Die Wirklichkeit ist komplizierter
Warum sieht ein Wähler in demselben Foto etwas anderes als ein Fotograf? Warum überzeugen Populisten Menschen, die sich selbst vermutlich weder als radikal noch als undemokratisch beschreiben würden? Und warum verlieren etablierte Medien so sehr an Glaubwürdigkeit?
Doron Rabinovici wurde 1961 in Tel Aviv geboren und ist in Wien aufgewachsen. Er arbeitet als Schriftsteller und Historiker. Antisemitismus und die politische Rechte beschäftigen ihn seit vielen Jahren. Sein Roman "Die Einstellung" ist – ohne große sprachliche Experimente – unterhaltsam und gut zu lesen. Der Gedanke, dass ein entlarvend gemeintes Foto vom vermeintlich Entlarvten einfach übernommen und umgedeutet werden kann, beschreibt unsere gegenwärtige Medienwelt ziemlich genau.
Dabei hat der Roman nichts von seiner Aktualität verloren. Nur ist die Wirklichkeit komplizierter als Rabinovicis Figuren.
Doron Rabinovici (2022): Die Einstellung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 224 Seiten, 24 Euro.