Odysseus, Luke Skywalker, Harry Potter – wir erzählen uns seit Jahrtausenden erstaunlich ähnliche Geschichten. Und wir tun es nicht nur, um uns am Lagerfeuer, im Kino oder vor Netflix unterhalten zu lassen. Wir erzählen uns Geschichten, um die Welt überhaupt zu verstehen.

Aus Ereignissen machen wir Zusammenhänge, suchen Ursachen und Wirkungen, bestimmen Helden, Opfer und Täter, Anfang und Ende. Wir erzählen Geschichten über unsere Familie und unsere Nation, Erfolg und Scheitern, Gut und Böse. Und schließlich erzählen wir auch eine Geschichte über uns selbst. Wir verorten in den Geschichten unseren Platz in der Gesellschaft, fiebern mit, erkennen, lernen – oder?

Warum Dramaturgie oft stärker ist als Wahrheit

Dabei ist fast jede Geschichte politisch, denn sie beschreibt nicht nur, sie prägt unsere Wahrnehmung. "Erzählende Affen" nimmt uns mit auf eine Reise durch Jahrtausende menschlicher Erzählungen. Von der griechischen Mythologie geht es über die Bibel und die Literatur, "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" bis hin zu Donald Trump, Verschwörungserzählungen und der Klimakrise. Und all diese Geschichten zeigen uns ganz klar, dass eine nachweislich falsche Erzählung wirkmächtiger sein kann als ein Stapel Fakten.

Donald Trump hat das verstanden. Verschwörungsideologen verstehen es ebenfalls. Populistische Bewegungen reduzieren komplizierte gesellschaftliche Entwicklungen auf ein vertrautes dramaturgisches Muster. Die Komplexität verliert gegen die Dramaturgie.

Geschichten können Orientierung schaffen

Das ist nicht automatisch Manipulation. Denn die Kehrseite der Medaille ist, dass eine gute Geschichte Komplexität reduzieren und Orientierung schaffen kann. Wir Menschen müssen verstehen, warum etwas geschieht und wohin es führen soll. Oder anders ausgedrückt: was da warum und wie erzählt wird.

Auf mehr als 500 Seiten werden in dem Buch Anthropologie, Psychologie, Mythologie, Literaturwissenschaft, Politik und Popkultur miteinander verbunden. Das produziert verblüffende Querverbindungen, gelegentlich jedoch auch intellektuelles Fast Food und Überfrachtung. Die Fülle ist unterhaltsam, ersetzt aber nicht immer Tiefe.

Klug, schnell und assoziationsreich

Samira El Ouassil, geboren 1984, ist Autorin und Schauspielerin. Ihr Kollege Friedemann Karig, Jahrgang 1982, studierte Medienwissenschaften, Politik, Soziologie und Volkswirtschaftslehre und arbeitet als Autor und Journalist.

Sie schreiben äußerst intelligent, schnell und mit großer Freude an Assoziationen. Der Ton ist zugänglich und unterhaltsam. Sie sensibilisieren uns immer wieder dafür, nicht nur nach der besseren Geschichte zu suchen, sondern auch zu fragen, ob sie wahr ist.

Samira El Ouassil/Friedemann Karig (2022): Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen, Ullstein Verlag, Berlin, 544 Seiten, 15,99 Euro (Taschenbuch).

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