Ein "Toyboy" ist ursprünglich die etwas abschätzige Bezeichnung für einen jungen Mann an der Seite einer älteren, meist wohlhabenden Partnerin. Der gleichnamige Roman ist jedoch keineswegs der Skandalroman, den Titel und Klappentext zunächst vermuten lassen. Ja, es geht um Escorts, Camshows und Sex. Doch insgesamt geht es um viel mehr. Denn Jonas Theresia schreibt über Einsamkeit. Über Brüder, Mütter, Freunde und die Sehnsucht, gesehen zu werden. Und über eine Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen immer häufiger an seiner Verwertbarkeit gemessen wird.
Levin ist jung, attraktiv, außergewöhnlich schön. Er verfügt über Eigenschaften, die in unserer Gegenwart längst zu einer eigenen Währung geworden sind. Dabei wollte er eigentlich als Model in Los Angeles Karriere machen. Doch das lief nicht wie geplant. Stattdessen verdient er sein Geld nun als Escort. Er verkauft seinen Körper an fremde Menschen. Nicht aus Lust, nicht aus Rebellion, sondern weil Schönheit das Einzige zu sein scheint, das ihm zuverlässig Türen öffnet.
Die ganze Welt ist eine Bühne
Schon die ersten Seiten des Romans gehören zu den eindrucksvollsten: Bei einem luxuriösen Dinner sitzen zwei Escort-Männer mit zwei wohlhabenden Frauen am Tisch. Alle spielen Rollen und lügen um die Wette. Levin behauptet, spanischsprachige Literatur zu lesen, sein Kollege Momo erzählt von Skiferien, obwohl er nie auf Brettern gestanden hat. Die Kundinnen inszenieren Weltläufigkeit und Kultiviertheit. Niemand spricht über das Offensichtliche, niemand ist wirklich er oder sie selbst.
Dabei erzählt die Szene weit mehr über unsere Gesellschaft als über Sexarbeit. Sind wir alle längst ein wenig zu Schauspielern geworden? In sozialen Netzwerken kuratieren wir unser Leben, im Beruf präsentieren wir die beste Version unserer selbst. Auch Freundschaften und Beziehungen geraten unter den Druck permanenter Selbstinszenierung. Jonas Theresia beschreibt diese Gegenwart mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und ohne moralischen Zeigefinger. Fast wie in einem Rausch.
Das eigentliche Zentrum des Romans ist allerdings nicht Levin, sondern sein Bruder Gregor. Während Levin seinen Körper verkauft, zieht Gregor sich immer tiefer in digitale Parallelwelten zurück. Er verbringt seine Tage vor Bildschirmen, kommandiert virtuelle Soldaten und kämpft zugleich gegen seine eigenen inneren Dämonen. Zwei Brüder, die kaum unterschiedlicher sein könnten, und doch verbindet sie dieselbe Einsamkeit. Gerade diese Beziehung macht "Toyboy" zu einem außergewöhnlichen Roman.
Die größeren Fragen
Denn hinter der Geschichte von Escorts und digitalen Welten steht eine viel größere Frage: Wie erreicht man einen Menschen, den man liebt, wenn dieser längst aufgehört hat, sich selbst zu vertrauen?
Jonas Theresia schreibt dabei mit einer erstaunlichen sprachlichen Präzision. Seine Sätze wirken leicht und elegant, fast beiläufig. Doch zwischen ihnen entstehen Räume, in denen sich Traurigkeit, Scham und Sehnsucht entfalten.
Levin ist weder Opfer noch Held; Gregor ist weder krank noch gescheitert. Beide versuchen lediglich, in einer Welt zurechtzukommen, die unendlich viele Möglichkeiten verspricht und gleichzeitig immer mehr Menschen vereinzelt. Hinter dem provokanten Titel verbirgt sich also kein Roman über Sexarbeit, sondern ein Roman über den Menschen – und einer, der lange nachhallt.
Jonas Theresia (2025): Toyboy, Kein & Aber Verlag, Berlin, 224 Seiten, 23 Euro.