Bin ich vielleicht doch abergläubisch?
Diese Frage habe ich mir vor einigen Monaten gestellt, als die Hochzeitsplanung auf Hochtouren lief. Eigentlich glaube ich nicht an so einen Humbug, habe ich mir früher immer selbst gesagt. In der 13. Reihe im Flugzeug zu sitzen – die ja oft sogar ausgelassen wird – macht mir nichts aus. Eine schwarze Katze finde ich süß, auch wenn sie von links nach rechts läuft. Und einen zerbrochenen Spiegel würde ich vermutlich einfach aufkehren, ohne danach sieben Jahre lang mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Und doch fällt mir immer wieder auf: Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, gehe ich dann doch lieber auf Nummer sicher.
"Vor dem Urlaub verletzt du dich jetzt aber nicht mehr!", sage ich meinem Bruder und muss sicherheitshalber dreimal auf Holz klopfen. Nach den Sternschnuppen der Perseiden habe ich meinen Wunsch natürlich niemandem verraten – sonst geht er ja nicht in Erfüllung!
Und dann war da meine Hochzeit.
Ich war leider viel zu schnell und viel zu tief in die Wedding-Planning-Bubble auf Instagram gerutscht. Mein Algorithmus spülte mir also jede Menge Tipps und Tricks zu Deko, Vorbereitung und Budgetplanung in die Timeline. Und irgendwann kamen auch die Tipps, die eher übernatürlicher Natur waren. Oder anders gesagt: Aberglaube.
Ein Blick auf den Wetterbericht – oder eher 359 Blicke pro Woche – verhieß wechselhaftes Wetter für unseren Tag Anfang Juni. Während die Regenwahrscheinlichkeit stieg, wuchs also auch meine Panik.
Freund:innen versuchten mich zu beruhigen: "Das wird schon noch!" Und natürlich kam irgendwann: "Aber Regen bei der Hochzeit bringt doch Glück!" Aha. Der nächste Aberglaube. Das hatte doch bestimmt auch nur jemand erfunden, um nervöse Brautpaare zu beruhigen!
Egal, was andere sagten: Ich war nervös. Schließlich sollte unsere Feier im Biergarten stattfinden und der Empfang nach dem Standesamt in einem Innenhof ohne Dach. Also mussten andere Mittel her. In meiner Instagram-Blase stieß ich auf eine junge Frau, die ihre Hochzeit in der Toskana plante. Aufwendig, einzigartig und – wie bei uns – vom Wetter abhängig. Auch für sie war Regen angesagt. Und auch sie wollte das nicht akzeptieren.
Eine Etsy-Hexe soll den Regen vertreiben
Also griff sie zu einem Mittel, das zwar ziemlich fragwürdig ist, aber offenbar seit einigen Jahren an Popularität gewinnt: Sie konsultierte eine Etsy-Hexe. Das heißt: eine Frau, die sich selbst als Hexe bezeichnete und anbot, Karten zu legen und Energien zu beschwören, um den Hochzeitstag am Ort der Feier positiv zu beeinflussen und Unwetter und Regen fernzuhalten. Natürlich ohne Garantie. Und ohne Haftung, falls das Wetter anschließend doch nicht mitspielt.
Man kann das kritisch sehen. Sehr kritisch sogar. Wahrscheinlich ist es schlicht Betrug. Wer weiß, ob die selbsternannte Hexe nach Abschluss des Kaufs tatsächlich irgendein Wetterritual durchführt oder einfach nur behauptet, sie habe es getan. Jedenfalls buchte die Braut auf Instagram diesen Ritus. Und siehe da: Am Tag ihrer Hochzeit war unerwartet gutes Wetter. Sonne, Wolken – kein Tropfen Regen.
Während wir also bereits über Ausweichmöglichkeiten ins dunkle Wirtshaus nachdachten, wollte ich nichts unversucht lassen. Ich wusste genau, dass das Quatsch ist. Ich wusste, dass Menschen hier vermutlich mit den Ängsten und Hoffnungen von Brautpaaren Geld verdienen. Und ich fand das eigentlich verwerflich.
Aber ich konnte trotzdem nicht anders.
Also suchte ich mir auf der eigentlichen Handarbeits- und Kunstplattform Etsy eine möglichst "authentisch wirkende" Hexe heraus, die einen "Wetterzauber" anbot.
Knapp 20 Euro. Kauf bestätigt. Und dann: gar nichts.
Die Stunden strichen ins Land. Meine Hochzeit war nur noch fünf Tage entfernt. In der Beschreibung der Wetterhexe stand, sie müsse das Ritual drei Tage vorher durchführen, damit die Energien noch rechtzeitig verändert werden könnten.
Auch wenn das alles nur Quatsch war: Ich wollte meinen Quatsch zumindest durchgeführt haben. Zwei Tage später kam endlich die heiß ersehnte Antwort. Und die war lang.
20 Euro für einen Wetterzauber
Meine "Hexe" schrieb mir den genauen Ablauf. Sie beschrieb die Vorbereitungen, die Steine, die Kerzen und Karten, die sie benutzt hatte. Sie erzählte, in welchem Raum sie das Ritual durchgeführt hatte, und schilderte detailliert, was während dieser Sitzung passiert war.
Danach beschrieb sie die Energien, die sie vorher, währenddessen und danach gespürt hatte. Und natürlich auch, welche Energien sie auf unseren Hochzeitstag gelenkt hatte und wie dieser nun werden würde.
Hier ein kurzer Ausschnitt ihrer Nachricht:
"The energetic outcome of this ritual showed a clear brightening around the weather field connected to your wedding day. At the beginning, the atmosphere felt like it needed strengthening around temperature and dryness. The white candle worked first to clear rain-heavy energy, and the salt line beneath the no-rain intention created a firm protective boundary. I felt the damp, grey, and unsettled energy being pushed away from the center of the wedding field, leaving the atmosphere lighter and more open.
What was removed was rain pressure, cold dampness, gloomy residue, unstable weather worry, and the emotional heaviness that can gather when an important day depends on good conditions. I also felt a clearing around temperature anxiety, especially the concern that the weather could feel too cool or uncomfortable. The yellow candle became very active during this part of the ritual, bringing a stronger warmth current into the field. This warmth felt pleasant and comfortable, matching the intention for around 25 degrees Celsius rather than harsh or overwhelming heat.
What was activated was good weather, dryness, sunshine, warmer air, comfortable atmosphere, and joyful wedding energy. Around Amberg, Bayern, the weather field felt calmer and brighter by the end of the ritual. The blue candle helped stabilize the sky and air so the warmth could feel balanced rather than heavy. The yellow candle placed a golden tone around the wedding date, especially around moments of arrival, photos, outdoor movement, and celebration."
War das nun Copy & Paste?
Bekommen das alle Kund:innen – nur mit ihren jeweiligen Daten eingefügt?
Ich weiß es nicht, skeptisch war ich auf jeden Fall, aber: Ich konnte danach besser schlafen. Natürlich aktualisierte ich trotzdem weiterhin im 20-Minuten-Takt den Wetterbericht und hoffte auf eine plötzliche Veränderung von 18 Grad und Regen zu 25 Grad und Sonne. Ganz so kam es nicht.
Warum wir eine Wiener vergruben
Aber die Vorhersage wurde besser. Am Tag vor der Hochzeit hieß es plötzlich: 20 Grad, Sonne und Wolken, dazu vereinzelt leichter Regen. Damit konnte ich leben. Wir stellten im Biergarten große Schirme bereit, die das Gröbste abfangen sollten. Für die angekündigten vereinzelten Regenschauer würde das schon reichen.
Dachte ich. Trotzdem reichte mir auch das noch nicht.
Denn ich hatte bereits Monate vorher immer wieder von einem anderen Hochzeitsritual gelesen, das Freundinnen am Abend vor der Hochzeit machten, um gutes Wetter herbeizurufen: Sie vergruben eine Wiener. Skurril, oder?
Ja. Super skurril. Und ziemlich verrückt kam ich mir auch vor, als ich am Vorabend unserer Hochzeit gemeinsam mit meiner Verlobten und unseren beiden Trauzeuginnen mit einer kleinen Schaufel ein Loch in die Erde buddelte und eine Wiener darin vergrub. Wohlgemerkt bei strömendem Regen. Ein Bild für die Göttinnen, könnte man sagen.
Und dabei leben wir sogar vegetarisch. Aber man will ja nichts unversucht lassen, oder?
Das Ende vom Lied war – ohne allzu viel vorwegnehmen zu wollen –, dass wir an unserer Hochzeit ziemlich viel Sonne hatten. Gepaart mit zwei fetten und einem kleineren Regenschauer, die ungefähr die Hälfte des Biergartens und der Gäste nass machten.
Verflixt und zugenäht. Umso schöner war es zu sehen, dass das wirklich niemandem die Laune verdarb. Niemand meckerte. Die Bedienung lief steinhart durch den strömenden Regen, um unseren Gästen das Mittagessen zu bringen. Alle halfen mit, Tische, Stühle und alles andere wieder trocken zu bekommen. Und irgendwann war der Regen vorbei.
Nagut, meine Hochzeitsschuhe kann ich jetzt wegwerfen. Mein Kleid war unten voller Schlamm. Die Schnitzeljagd fiel wortwörtlich ins Wasser. Und ich hatte umsonst Geld ausgegeben, um eine selbsternannte Hexe auf Etsy zu bezahlen und eine Wiener zu kaufen.
Aber was soll's. Wir hatten einen großartigen Tag.
Und rückblickend hat mir der ganze Quatsch in den Tagen und Wochen vor der Hochzeit tatsächlich geholfen. Er hat mir Hoffnung gegeben, mir geholfen, meine Nerven zu behalten und besser zu schlafen. Und ich habe jetzt eine ziemlich gute Geschichte zu erzählen.
Die von der Etsy-Hexe, die absolut nichts gezaubert hat – außer vielen Menschen ein Lachen ins Gesicht, wenn ich ihnen erzähle, auf welch absurde Masche ich hereingefallen bin.
Das problematische Geschäft mit Aberglaube und Hoffnung
Trotzdem möchte ich eine Sache am Ende noch einmal klarstellen: Solche Angebote sind problematisch. Sehr sogar. Denn während ich die 20 Euro freiwillig und mit einem gewissen Augenzwinkern ausgegeben habe, gibt es Menschen, die in viel verzweifelteren Situationen auf solche Versprechen treffen. Menschen mit Zukunftsängsten, Liebeskummer oder in Trauer.
Und genau darauf zielen solche Angebote ab: auf Hoffnung, Angst und Verzweiflung.
Wer behauptet, mit Karten, Ritualen oder "Energien" das Wetter, die Liebe oder die Zukunft beeinflussen zu können, verkauft keine nachweisbare Dienstleistung. Manche Anbieter:innen deklarieren solche Angebote deshalb offiziell als Unterhaltung. Das macht die Versprechen für mich aber nicht weniger fragwürdig.
Meine persönliche Wetterhexe hat mir also wahrscheinlich nichts gebracht außer 20 Euro weniger auf dem Konto und eine sehr gute Geschichte.
Und die Wiener, die haben wir übrigens wieder ausgegraben.
Denn so albern dieser Aberglaube auch sein mag: Einfach eine Wurst im Garten zu vergraben, ist keine besonders gute Idee. Sie kann verderben, Tiere anlocken und den Boden verunreinigen. Auch deshalb sollte man sich zweimal überlegen, ob man diesen Brauch wirklich mitmacht. Ein bisschen schlechtes Gewissen wegen des verschwendeten Lebensmittels bleibt trotzdem.