Während auf den Bühnen des Open Beatz Festivals die Bässe bis tief in die Nacht dröhnen, gibt es nur wenige Meter weiter einen Ort, an dem andere Töne zählen: Gespräche, Stille, Segen und manchmal auch Tränen. Mitten auf einem der größten Festivals für elektronische Musik in Süddeutschland ist auch in diesem Jahr wieder eine Kirche dabei.
Vom 23. bis 27. Juli ist die Open Church erneut auf dem Campingplatz des Open Beatz Festivals bei Herzogenaurach vertreten. Ein rund 30-köpfiges Team der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ist dort rund um die Uhr erreichbar – unabhängig davon, ob jemand einfach kurz durchatmen, über das Leben sprechen oder sich segnen lassen möchte. Das Festival selbst erwartet rund 90.000 Besucher:innen aus zahlreichen Nationen und versteht Vielfalt und gegenseitigen Respekt als festen Bestandteil seines Konzepts.
Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist für viele Festivalgäste längst selbstverständlich geworden. Denn die Open Church versteht sich nicht als Ort der Missionierung, sondern als Angebot für Menschen – unabhängig von Religion, Herkunft oder Weltanschauung.
Zwei kirchliche Trauungen zwischen Beats und Bass
Neu ist in diesem Jahr die noch stärkere Einbindung in das Festivalgeschehen. Erstmals ist die Open Church mit einem offiziellen Safe Space direkt im Infield vertreten und Teil des Awareness-Teams des Festivals. Wer sich unwohl fühlt, überfordert ist, Hilfe braucht oder einfach einen geschützten Rückzugsort sucht, findet dort Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner.
"So schaffen wir einen Ort für Begegnung, Zuhören und Unterstützung mitten im Festivalgeschehen", erklärt Jonas Wunder vom MUT-Team, das die Open Church organisiert.
Gerade auf einem Festival, auf dem zehntausende Menschen tagelang zusammen feiern, gewinnen solche Angebote zunehmend an Bedeutung. Awareness-Konzepte gehören mittlerweile für viele Veranstalter ebenso dazu wie Sanitätsdienste oder Sicherheitskräfte.
Ein besonderes Highlight erwartet die Besucher:innen am Samstag: Gleich zwei offizielle Trauungen finden in der Open Church statt.
Warum die Open Church Jahr für Jahr wächst
Dass sich Paare mitten auf einem Elektrofestival das Ja-Wort geben, mag überraschen. Doch genau darin liegt der Reiz. Statt klassischer Kirchenbänke gibt es Festivalatmosphäre, statt Orgelklängen elektronische Musik im Hintergrund – und dennoch bleibt der Moment für die Paare genauso verbindlich und feierlich.
Trauungen gehören inzwischen ebenso zum Konzept der Open Church wie Segnungen, Gebete oder spontane Gespräche bis tief in die Nacht.
Die Idee hinter der Open Church ist einfach: Kirche muss nicht darauf warten, dass Menschen zu ihr kommen. Sie kann auch dorthin gehen, wo Menschen leben, feiern und nach Sinn suchen.
Das zeigt sich besonders nachts. Wenn das Festival für viele seinen emotionalsten Moment erreicht, suchen manche bewusst einen Ort ohne Musik. Andere kommen nach belastenden Erlebnissen, nach Streit oder einfach, weil sie jemanden zum Reden brauchen. Das Team der Open Church hört zu ohne Vorbedingungen, Anmeldung und ohne Erwartungen.
Schon in den vergangenen Jahren wurde deutlich, dass genau dieses niedrigschwellige Angebot viele Menschen anspricht. Die Open Church wird immer größer und beliebter, auch die Festivalleitung nimmt dies wahr. Deshalb steht seit letztem Jahr sogar eine extra gebaute "Holzkirche" auf dem Campinggelände, mit Bänken, Fotobox und Dekoration.