Der Sommer geht, doch ein paar lange Abende bleiben noch. Diese fünf Romane erzählen von Liebe und Einsamkeit, Arbeit und Abhängigkeit, Rassismus und gesellschaftlichen Abgründen – mal poetisch, mal komisch, mal schmerzhaft direkt.

Wenn die Tage kürzer werden, verändert sich auch das Lesen. Die großen Reisepläne sind vorbei, die Abende werden ruhiger, und plötzlich ist wieder Platz für Geschichten, die nicht nur unterhalten, sondern etwas zum Nachdenken zurücklassen.

Diese fünf Bücher passen genau in diese Zwischenzeit: Sie führen nach Trinidad, Tokio, Madrid und Philadelphia. Sie handeln von Menschen, die aus ihrem bisherigen Leben herausfinden müssen – oder wenigstens beginnen, es mit anderen Augen zu sehen.

1. "Als wir Vögel waren" von Ayanna Lloyd Banwo: Eine Liebe zwischen den Welten

Darwin glaubt nicht an Geister. Trotzdem nimmt er eine Stelle als Totengräber auf einem Friedhof in Trinidad an – gegen den Willen seiner streng religiösen Mutter. Dort begegnet er Yejide, die nach dem Tod ihrer Mutter ein rätselhaftes Erbe antreten muss: Die Frauen ihrer Familie begleiten seit Generationen die Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits.

Ayanna Lloyd Banwo erzählt eine Liebesgeschichte, in der die Welt der Lebenden und die der Toten ganz selbstverständlich ineinandergreifen. Ihr Roman ist sinnlich und basiert auf karibischen Mythen, zugleich aber fest im Alltag Trinidads verankert. Ein Buch über Trauer, Herkunft und die Frage, ob Liebe stark genug ist, um alte Geschichten neu zu schreiben. 

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2. "All die Liebenden der Nacht" von Mieko Kawakami: Leise aus der Einsamkeit

Fuyuko ist 34 Jahre alt, Korrekturleserin und fast unsichtbar. Sie arbeitet allein in ihrer Wohnung, begegnet kaum anderen Menschen und hat sich in einem Leben eingerichtet, das ihr Halt gibt und sie zugleich immer weiter von der Welt entfernt. Nur einmal im Jahr geht sie nachts hinaus: an ihrem Geburtstag, um die Lichter Tokios zu betrachten.

Als Fuyuko einen Mann kennenlernt, gerät ihre sorgfältig geordnete Einsamkeit in Bewegung. Mieko Kawakami erzählt davon ohne Pathos und ohne falsche Versprechen. Ihr Roman ist still, manchmal schmerzhaft und von großer Zärtlichkeit für eine Frau, die erst langsam herausfindet, was sie sich vom Leben wünschen darf. Eine Geschichte für jene Spätsommerabende, an denen die Dunkelheit etwas früher kommt. 

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3. "Pleasantview" von Celeste Mohammed: Karibik ohne Postkartenfilter

Der Name Pleasantview klingt nach einem Ort, an dem alles in Ordnung ist. Doch hinter der freundlichen Fassade der fiktiven Gemeinde auf Trinidad liegen Armut, patriarchale Gewalt, politische Korruption und tiefe soziale Gräben.

Celeste Mohammeds Buch ist ein "Novel in Stories": Die einzelnen Geschichten stehen für sich, ergeben zusammen aber das vielstimmige Porträt einer Gemeinschaft. Figuren tauchen wieder auf, Schicksale kreuzen sich, und allmählich zeigt sich, wie eng das Private und das Politische miteinander verbunden sind.

Mohammed schreibt auf Englisch und in trinidadischem Kreol, mit schwarzem Humor, Wut und großer Nähe zu ihren Figuren. "Pleasantview" räumt mit dem touristischen Bild der sorglosen Karibik auf, ohne den Menschen ihre Lebensfreude und Widerstandskraft zu nehmen. Ein unbequemes, lebendiges und lange nachwirkendes Buch. 

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4. "Geht so" von Beatriz Serrano: Wenn der Job das Leben auffrisst

Marisa arbeitet in einer Madrider Werbeagentur. Sie beantwortet E-Mails, sitzt in Meetings, erträgt motivierende Unternehmenssprüche – und fragt sich, wie lange sie dieses Leben noch aushält. Ihre Arbeit ist weder dramatisch schlecht noch besonders erfüllend. Sie ist vor allem: sinnlos.

Beatriz Serrano erzählt von Erschöpfung und Entfremdung mit einem Humor, der lapidar und sarkastisch daherkommt. Marisa beobachtet ihre Kolleg:innen ebenso unerbittlich wie sich selbst. Dabei geht es um mehr als einen nervigen Büroalltag: um die Angst vor Veränderung, die trügerische Sicherheit eines festen Gehalts und die Frage, wie viel Lebenszeit wir gegen vermeintliche Stabilität eintauschen.

"Geht so" ist böse, traurig und sehr witzig – und damit die passende Lektüre für alle, denen beim Gedanken an das Ende der Urlaubszeit bereits leicht unwohl wird. 

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5. "Such a Fun Age" von Kiley Reid: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Emira ist 25, hält sich mit Babysitterjobs über Wasser und weiß noch nicht recht, wohin ihr Leben führen soll. Als sie eines Abends mit dem weißen Kind ihrer Arbeitgeberin in einem Supermarkt unterwegs ist, wird sie verdächtigt, das Mädchen entführt zu haben. Jemand filmt die demütigende Szene – und plötzlich wollen andere darüber bestimmen, was dieses Erlebnis für Emira bedeuten soll.

Kiley Reid erzählt klug und unterhaltsam über Rassismus, soziale Unterschiede und jene privilegierten Menschen, die unbedingt das Richtige tun wollen, dabei aber vor allem um ihr eigenes Selbstbild kreisen. Das Entscheidende ist: Emira wird nicht zur bloßen Projektionsfläche einer gesellschaftlichen Debatte. Sie bleibt eine eigensinnige, widersprüchliche junge Frau, die selbst herausfinden muss, was sie will.

"Such a Fun Age" liest sich leicht und hinterlässt dennoch einige unbequeme Fragen. Ein Gesellschaftsroman ohne pädagogischen Zeigefinger – und vielleicht genau deshalb so treffsicher.

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