Ziehen da bald wieder Leute ein? Oder wird das Haus saniert? Zwei Stockwerke, sechs Wohnungen, die beiden im Erdgeschoss mit Terrasse, dazu vier Garagen. Der Garten – eine Rasenfläche ohne Blumenumrandung, die Schnüre sind noch gespannt, um Wäsche aufzuhängen. Je nach Laufroute komme ich beim Joggen immer mal wieder daran vorbei. Es dauert, bis mir auffällt, dass sich da über Monate hinweg gar nichts bewegt. Dann sehe ich, dass die Fenster herausgebrochen wurden. Bestimmt wird saniert, denke ich. Die Bausubstanz sieht ja noch gut aus.

Eines Tages rücken schwere Baumaschinen an. Die werden das Haus doch nicht abreißen? Doch genau das geschieht. Es dauert Wochen, bis das ganze Gemäuer abgebrochen, der Bauschutt zerkleinert, das alte Fundament freigelegt ist und alles abtransportiert werden kann.

Der Besitzer scheint andere Pläne zu haben. Die zeichnen sich immer genauer ab. Ein deutlich größerer Bau soll entstehen. Die Aushubarbeiten, die nach dem Abriss beginnen, lassen aus der Ahnung bald Gewissheit werden. Die Bautafel, die errichtet wird, sorgt schließlich für Klarheit, ebenso die Website, auf der weitere Informationen hinterlegt sind. 16 Wohneinheiten statt bisher sechs sollen da entstehen – von Ein-Zimmer-Apartments bis zu geräumigen Vier-Zimmer-Wohnungen, dazu eine Tiefgarage.

Dann kommt der Frischbeton – wochenlang wird er angeliefert. Ein Fahrmischer nach dem anderen. In Nebenstraßen bilden sich immer wieder Staus. Unglaublich, welche Mengen da herbeigeschafft werden müssen. Klar, das Gebäude, das da entsteht, braucht ein stabiles Fundament. Und erst, wenn dieses gelegt ist, kann es losgehen.

Eigene Erfahrungen mit dem Hausbau habe ich nicht. Aber bei Freunden habe ich viel erlebt. Und es stimmt schon: Das Bild vom Hausbau lässt sich gut auf das eigene Lebensbauwerk übertragen – und auf das Zusammenleben mit anderen. "Das Leben ist eine Baustelle" – dieser Filmtitel fällt mir ein. Genau so ist es: Pläne machen, verwerfen, loslegen, sich etwas aufbauen, mit Überraschungen rechnen, darauf vertrauen, dass es hält.

Christus ist das Fundament

In einem Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt der Apostel Paulus:

9 Es ist also Gottes Werk, an dem wir mitarbeiten – und ihr seid Gottes Ackerland oder besser: Gottes Bauwerk. 10 Als erfahrener Bauleiter habe ich das Fundament gelegt. Dazu hat Gott mich in seiner Gnade befähigt. Jetzt baut ein anderer darauf weiter. Aber jeder muss aufpassen, wie er weiterbaut. 11 Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.

12 Es kommt darauf an, womit auf dem Fundament weitergebaut wird: mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh. 13 Es wird sich noch zeigen, was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist. Denn der Tag des Gerichts wird es aufdecken, wenn er mit Feuer hereinbricht. Das Feuer wird prüfen, wie das Werk eines jeden Einzelnen beschaffen ist.

14 Hält das von ihm gebaute Werk dem Feuer stand, wird er belohnt. 15 Verbrennt das Werk, muss er den Verlust tragen. Er wird gerettet werden wie jemand, der gerade noch dem Feuer entkommen ist. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und Gottes Geist darin wohnt? 17 Wer den Tempel Gottes zugrunde richtet, den wird Gott zugrunde richten. Denn der Tempel Gottes ist heilig. Und dieser Tempel seid ihr.

Paulus sieht sich selbst als Bauherr. Er gründet die erste christliche Gemeinde in Korinth und begreift sich als ihr Architekt. Die Hafenstadt ist eine der Metropolen der damaligen Welt. Ein Hotspot, ein aufstrebender Handelsplatz. Und überall Baustellen. Unterschiedliche Kulturen, Sitten und religiöse Kulte treffen hier aufeinander. Genau da, mittendrin, entsteht eine christliche Gemeinde.

Und wie das so ist: Nach der ersten begeisterten Gründerstimmung machen sich auch andere, kritische Stimmen breit. Wer bestimmt eigentlich das Fundament? Und ist es denn stabil? Wer baut noch mit? Taugt das verwendete Material? Paulus sieht sich genötigt, Stellung zu nehmen:

Es ist Gottes Werk, an dem wir mitarbeiten. Als erfahrener Bauleiter habe ich das Fundament gelegt. Jetzt baut ein anderer darauf weiter. Aber jeder muss aufpassen, wie er weiterbaut. Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.

Wenn der Gemeindeaufbau bröckelt

Das Bild vom Hausbau prägt die kirchliche Arbeit und ihr Selbstverständnis bis heute. Gemeindeaufbau heißt das in der theologischen Lehre. Also: Gemeinde aufbauen wie ein Haus. Den Baugrund anschauen. Planen. Fragen klären. Zum Beispiel: Wie interessiert man Menschen für den christlichen Glauben?

In meinem Theologiestudium habe ich Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung als strategisches Thema kennengelernt. Projekte aus Schweden oder den USA sollten – in unseren Kontext übertragen – helfen, kirchliches Leben bei uns zu stabilisieren. Das ist viele Jahre her. Auf der Zielgeraden meines beruflichen Lebens stelle ich nun fest: Viel geholfen haben sie offensichtlich nicht. Es bröckelt. Die Kirche verliert Mitglieder. Oder wäre ohne die Konzepte zur Gemeindeentwicklung der Mitgliederverlust noch größer geworden?

Auf Sand gebaut

Mir geht es, wenn ich über Paulus nachdenke, nicht um Strukturfragen, darum also, wie sich Kirche künftig organisiert. Mich beschäftigt die Frage nach dem Fundament. Und dazu fällt mir immer wieder ein Gleichnis von Jesus ein. Da erzählt Jesus ebenfalls vom Hausbauen und vom Fundament:

24 Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden. 25 Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und rüttelten an dem Haus. Doch es stürzte nicht ein, denn es war auf felsigem Untergrund gebaut.

26 Wer diese Worte von mir hört und sie nicht befolgt, ist wie ein dummer Mann: Er baute sein Haus auf sandigem Boden. 27 Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und prallten gegen das Haus. Da stürzte es ein und fiel völlig in sich zusammen.

Auf Sand gebaut – das ist so ein Bild, das gerne genutzt wird, wenn einer scheitert. Mir hat es sich eingeprägt, weil es meine Großmutter oft gebraucht hat. An die genauen Anlässe erinnere ich mich nicht mehr. Aber ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass jemand, der gescheitert war, die falsche Entscheidung getroffen hatte. Darum geht es auch im Gleichnis. Und darum, dass Entscheidungen manchmal nicht nur situationsbezogen zu treffen sind und eine Frage der Abwägung sein können, sondern prinzipieller Natur: richtig oder falsch.

Aber der sachliche Kern des Gleichnisses stimmt ebenso. Mir ist das bei einer Reise durch Israel bewusst geworden. Häuser entlang von Flüssen oberhalb des Flussbetts zu bauen, verlangte zu biblischen Zeiten, zunächst eine steinerne Plattform freizuschlagen. Das war aufwendig und teuer. Viel günstiger war es, die Häuser unten im Uferbereich auf Sand zu bauen.

Hatte es schon Jahre und Jahrzehnte nicht mehr geregnet, war es eine Frage der Prognose, ob es überhaupt wieder regnen, sich Wasser im Fluss sammeln und dieser womöglich über die Ufer treten würde. Trat dieses Ereignis wider Erwarten ein, war das Unglück natürlich groß. Das Wasser riss alles mit, was auf Sand gebaut worden war.

Was wir aus Katastrophen lernen

Für mich ist diese Gegenüberstellung, die Jesus vornimmt, aktuell. Es geht dabei darum, wie Erfahrungen bewertet werden. Eine Überschwemmungskatastrophe, wie sie sich im Ahrtal vor fünf Jahren ereignete, hatte es dort schon rund hundert Jahre zuvor gegeben. Dass in dieser Region dennoch so nah am Wasser gebaut wurde, hing mit der Einschätzung zusammen, das Risiko sei aufs Ganze gesehen doch nicht so groß. Und die Erinnerung an frühere Katastrophen verblasst irgendwann.

Wenn ich es richtig gelesen habe, wird in manchen Bereichen des betroffenen Gebiets heute wieder ziemlich nah am Wasser gebaut. In anderen Regionen, etwa in Dresden, sind Überlegungen, näher an der Elbe zu bauen, nach dem Hochwasser von 2013 endgültig nicht mehr weiterverfolgt worden.

Bauen ist nicht allein eine Frage des Standorts, sondern auch der Standards: Wie wird gebaut, und was ist unter sich verändernden Klimabedingungen notwendig? Viele Menschen haben in den vergangenen Wochen unter der extremen Hitze gelitten. Wer es sich leisten konnte, hat noch schnell eine mobile Klimaanlage gekauft. Keine Frage, es gibt Bereiche, in denen es entsprechende Investitionen braucht: in Schulen, Seniorenheimen und Krankenhäusern. Doch Technik allein wird nicht die Lösung sein.

Gute Planung

In Singapur zum Beispiel schlägt man schon lange einen anderen Weg ein, seit man gemerkt hat, dass die von Klimaanlagen aus den Gebäuden nach draußen beförderte Wärme das Leben im Freien immer anstrengender macht. Die Temperaturen dort sind in den vergangenen 60 Jahren doppelt so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt.

Um gegenzusteuern, begrünt man dort Dächer und Fassaden, baut den öffentlichen Personennahverkehr aus und überdacht Gehsteige. Gute Planung, oder?

Gute Planung sorgt dafür, dass sich etwas stabil entfalten kann – auf einer festen Grundlage. Darum geht es nicht nur im eigenen Leben. Ich schaue da auch auf unser Land. Wie entwickelt sich unsere Gesellschaft? Wie entsteht eine tragfähige Gemeinschaft? Was können wir tun, um das Miteinander zu fördern?

Die Bilder, die der Apostel Paulus wählt, sind aus dem Leben gegriffen: Ein kluger Architekt legt das Fundament, andere bauen weiter und verwenden hoffentlich solide Materialien. Der Krisenfall, der immer eintreten kann, zeigt, ob diese den möglichen Erschütterungen standhalten.

Ganz von selbst lande ich gedanklich bei den vielen Baustellen in unserem Land. Marode Brücken und Schienen werden endlich gerichtet – längst überfällig. Und nun dauert es erst recht lange. Zeit, die angesichts der vielen Krisen die Geduld strapaziert. Und das Vertrauen in Politik und Wirtschaft bröckelt weiter.

Wir alle gehören zum Team Baustelle

Dabei gehören wir doch alle zum Team "Baustelle". Und bauen irgendwo mit. Im übertragenen Sinn.

Eine Freundin erzählt mir, wie sie am Leben von Max mitgebaut hat – über viele Jahre und noch immer. Max ist ein inzwischen erwachsener junger Mann. Der Sohn eines Paares, das sich getrennt hat. Er wächst bei seiner Mutter auf. Deren Freundin, die zugleich die Patin von Max ist, wird für ihn über die Jahre ein wichtiges Gegenüber. Er verbringt immer wieder ein Wochenende oder in den Ferien Zeit bei ihr.

Eines Tages, so erzählt sie, bittet ihre Freundin sie um Hilfe, denn Max ist ernsthaft versetzungsgefährdet. Seine schulischen Leistungen waren meist okay. Sein Talent für Mathe und Physik hat über Schwächen im Deutschunterricht lange hinwegsehen lassen. Das geht jetzt nicht mehr. Er muss die Mittlere Reife bestehen, um bis zum Abitur weitermachen zu können.

"Kannst du ihm nicht helfen, sich auf die Deutschprüfung vorzubereiten?" Denn – so das Argument der Mutter – Max vertraut seiner Patin. Klar, meine Freundin sagt zu. Sie weiß jedoch nicht, worauf sie sich da wirklich einlässt.

"Arbeite mal mit einem Jungen, für den Goethes Faust – das ist der Prüfungsstoff – und überhaupt diese Literatur eine völlig fremde Welt ist. Und das bei einer Vorbereitungszeit von knapp drei Monaten."

Die Patin ist drangeblieben. Und Max auch. Ich staune, was sie sich alles hat einfallen lassen. Eine gemeinsame Autofahrt nach Südfrankreich hat sie – mit ihrem Mann am Steuer – genutzt, um mit Max Goethes Faust durchzuarbeiten. Auf der Fahrt läuft eine CD nach der anderen: Aufnahmen legendärer Theateraufführungen.

Und dann – Sie ahnen es schon, liebe Hörerinnen und Hörer – nimmt das Projekt einen guten Ausgang. In der Prüfung steht eine Szene im Mittelpunkt, die sie bei der Autofahrt, wenn auch zufällig, intensiv diskutiert haben. Max besteht die Mittlere Reife überraschend gut. Und in der Deutschprüfung ist er einer der Besten.

Raushalten ist keine Option

Ich frage mich, ob ich das auch könnte – mich auf einer anderen Baustelle so tatkräftig einbringen. Entscheidend scheint mir die Haltung meiner Freundin: in der Situation zu helfen, als sie gebraucht wurde. Sie hätte gute Gründe anführen können, dass sie das bei all ihren eigenen Verpflichtungen nicht leisten kann und es vielleicht besser wäre, einen geeigneten Nachhilfeunterricht zu bezahlen und sich daran finanziell zu beteiligen.

Mir wird klar: Es braucht in jeder Situation die richtigen Helfer und Unterstützerinnen. Menschen, die zugewandt, hilfsbereit, respektvoll und lösungsorientiert sind. "With a Little Help" – mit ein wenig freundschaftlicher Hilfe kommen wir alle besser zurecht.

Jeder und jede von uns ist dazu fähig, zu helfen und dazu beizutragen, dass das Bauwerk hält, unser Miteinander stabil bleibt und die Gesellschaft nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

Menschenwürde als christlicher Maßstab

Gerade als Christenmenschen kann uns das doch nicht egal sein. Paulus sagt: Christus ist der Maßstab. Wie Jesus den Menschen begegnet: auf Augenhöhe, mit Respekt. Herkunft, Vergangenheit, Bildungsstand, sozialer Rang – das spielt alles keine Rolle. Jeder Mensch hat eine eigene Würde. Das ist der Maßstab. Das ist fundamental, auch für heute.

Ich will nicht die Frage hören müssen, ob die Würde für alle Menschen gilt oder nur für Deutsche. Rechtsextreme politische Kräfte wollen Deutsche mit Migrationshintergrund ausschließen. Was das in der Praxis genau meint, deutet der Begriff "Remigration" nur an. Gemeint ist die Ausweisung – nach zuvor erfolgter Internierung. Dann kommt es vielleicht auch zur Konzentration von Menschen in Lagern und Gefängnissen.

Liebe Hörerinnen und Hörer, meine Kolleginnen und Kollegen in der Evangelischen Morgenfeier verbindet die grundsätzliche Haltung, dass Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus nicht mit den Prinzipien des christlichen Glaubens vereinbar sind. Mich bekümmert, dass es Bürgerinnen und Bürger gibt, die das anders sehen. Das bekümmert mich nicht nur. Es macht mir Angst.

Das Fundament, das wir haben – nennen wir es Grundgesetz, Glaube oder humanistisches Ethos –, ist aktuell sicher. Noch.

Dass es stabil bleibt, dazu braucht es viel mehr Mitarbeitende auf den Baustellen unseres Landes: in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Wissenschaft, in Kultur und Medien, auch in der Kirche. Menschen, die für die Überzeugungen des Grundgesetzes einstehen. Für eine wertegebundene Ordnung, die eben nicht neutral ist. Menschen, die hinschauen, sich einbringen, einmischen und auch widersprechen.

Um diese Stabilität weiter zu gewährleisten, müssen mehr Menschen für die Arbeit auf der Baustelle gewonnen werden. Manche denken immer noch, auf sie komme es gar nicht an. Doch! Mitdenken und Mitdiskutieren ist gefragt. Bei allem, was auf dem Spiel steht, ist Raushalten keine Option.

Ein Fundament, das trägt

Wenn Christus das Fundament ist, dann ist doch klar, woran sich Christinnen und Christen orientieren: an Christus. Seine Haltung ist zutiefst human. Gutes tun, sich für Menschlichkeit und Menschenwürde einsetzen – darauf liegt Gottes Segen.

Wenn Christus das Fundament ist, dann bin ich gerne Fundamentalist.

Die Bibeltexte sind nach der BasisBibel zitiert.

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörer:innen immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.