Es sind nur wenige Worte. Und doch ziehen sie sich wie ein dunkler Schatten durch Christopher Nolans neuen Film "Odyssee": die "Sea People". Eine geheimnisvolle Macht aus dem Meer. Plünderer womöglich, auf jeden Fall Eindringlinge. Eine Bedrohung, über die alle sprechen, die aber kaum jemand je zu Gesicht bekommt. Auf Ithaka rechtfertigt die bloße Annahme ihrer Existenz Angst, Misstrauen und den Ruf nach einem starken Herrscher.
Doch am Ende der Geschichte erkennt Odysseus selbst, wer die Sea People wirklich sind: er und seine Männer. Sie sind die Plünderer. Sie sind die Zerstörer. Sie sind die Bedrohung, vor der sich Ithaka die ganze Zeit gefürchtet hat. Die Welt des Odysseus zerbricht nicht an einer äußeren Macht, sondern daran, dass ihre Helden längst selbst zu dem geworden sind, was sie zu bekämpfen glaubten.
Nicht die Fremden, sondern wir selbst
Der Ausgangspunkt ist das Trojanische Pferd. Die Griechen folgen dem hinterlistigen Plan Odysseus' und machen den Trojanern weis, es sei eine Weihegabe für die Göttin Athene, ein Symbol der Ehrfurcht vor dem Göttlichen sowie einer gemeinsamen Kultur. Tatsächlich ist es ein Werkzeug des Massenmords. Unter dem Deckmantel des Heiligen wird Troja vernichtet, seine Bewohner:innen ermordet, vergewaltigt und versklavt.
Vielleicht erklärt kaum eine Geschichte unsere Gegenwart besser. Als kürzlich binnen weniger Stunden zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta gelangen, verbarrikadieren sich manche Anwohner:innen in ihren Häusern, andere werden gegenüber den oft minderjährigen Ankommenden gewalttätig. Viele, die ziellos und halb nackt durch die Straßen irren, fanden sich Stunden später wieder auf marokkanischem Boden.
Und dennoch ist es Europa, das von einem "Ansturm" auf seine Grenzen spricht. Es entsteht das Bild einer äußeren Bedrohung. Menschen werden zu einer anonymen Masse, zu einer Naturgewalt. Kurz: Zu den "Sea People" unserer Zeit.
Warum die Angst vor Migration funktioniert
Dabei mehren sich die Hinweise, dass die Ereignisse keineswegs spontan waren. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sprach von einer "offenbar gesteuerten Migrationsbewegung". Menschen würden instrumentalisiert, um Europa zu destabilisieren. Das mag zutreffen. Aber es beantwortet nur die Frage, wer Menschen als Druckmittel benutzt.
Die viel entscheidendere Frage ist aber: Warum funktioniert dieses Druckmittel überhaupt? Warum reicht schon der Anblick einiger Hundert oder Tausend verzweifelter Menschen, um Europas Politik in Panik zu versetzen? Es kann nur funktionieren, weil der Westen seit Jahren eine Geschichte erzählt, die der von Nolans "Sea People" erstaunlich ähnelt. Eine Geschichte von der Bedrohung von außen, von fremden Kulturen, die unsere angeblich zerstören wollen.
Die Historiker:innen Will und Ariel Durant schrieben 1944 im dritten Teil ihres Buchs "The Story of Civilization": "Eine große Zivilisation wird von außen erst dann erobert, wenn sie sich von innen heraus selbst zerstört hat."
Rechte Kulturkämpfende zitieren diesen Satz gern. Für sie bedeutet er, der Westen sei zu weich und dekadent geworden. Zu wenig bereit, seine Grenzen zu verteidigen. Doch Nolans "Odyssee" erzählt genau das Gegenteil: Nicht Mitgefühl und Menschenrechte zerstören eine Kultur. Sie zerfällt dort, wo sie ihre eigenen Maßstäbe verrät.
Die Trojas unserer Zeit
Genau das erleben wir, nicht nur in Ceuta. Troja liegt heute in Gaza, wo sich westliche Regierungen trotz zehntausender getöteter Zivilist:innen oft hinter diplomatischen Floskeln verstecken, während das humanitäre Völkerrecht ausgehöhlt wird. Troja liegt im Sudan, wo die Vereinigten Arabischen Emirate tonnenweise Rohstoffe erbeuten und diese an EU-Staaten verkaufen. Und Troja liegt im Kongo, dessen Kobalt und Coltan – Rohstoffe für Handys, Laptops und Elektroautos in Europa und den USA – seit Jahrzehnten unter Gewalt, Vertreibung und Kinderarbeit gefördert werden, während der Wohlstand daraus anderswo entsteht.
Eine große Ironie unserer Zeit ist, dass ausgerechnet diejenigen, die ständig vom Untergang des Westens sprechen, selbst dazu beitragen. Denn jede Relativierung der Menschenrechte, jede Entrechtung von Schutzsuchenden und jede Gewöhnung an Bilder sterbender Kinder beschädigt den Westen weit stärker als jeder Mensch, der über einen Grenzzaun klettert.
Die eigentliche Gefahr kommt nicht von außen. Sie spricht von Sicherheit und Grenzschutz, während sie den Kern dessen aushöhlt, was Europa einst groß gemacht hat: die Überzeugung, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt.
Ob die 'Sea People' je existierten, werden wir wohl nie sicher wissen. Sicher ist nur: Kulturen gehen selten an ihren Feinden zugrunde. Sie gehen zugrunde, weil sie verraten, was sie einmal ausgemacht hat.