Rechte Esoterik und Verschwörungstheorien gewinnen nach Einschätzung von Fachleuten auch im Bildungs- und Erziehungsbereich an Einfluss. Sie stellen staatliche Schulen, Lehrkräfte und wissenschaftliche Standards infrage und versuchen, ihre eigenen Ideologien als alternative Bildungsangebote zu etablieren. 

Der Weltanschauungsbeauftragte der bayerischen Landeskirche, Matthias Pöhlmann, und die Bildungswissenschaftlerin Rita Nikolai von der Universität Augsburg haben sich in einem gemeinsamen Buch mit dieser Entwicklung beschäftigt. Im Interview erklären sie, wie rechte Esoterik und Verschwörungsideologien in den Bildungsbereich vordringen – und welche Folgen das für Schulen, Lehrkräfte und Kinder haben kann.

Herr Pöhlmann, Sie benutzen seit Längerem den Begriff "rechte Esoterik". Was genau meinen Sie damit?

Matthias Pöhlmann: Man muss bei Esoterik klar differenzieren. Im Bereich der "Konsum-Esoterik" geht es um Anbieter, Nutzer und Methoden, das reicht von Räucherstäbchen bis Naturheilkunde. Mich interessieren im Bereich der Esoterik vor allen Dingen die Schnittstellen, an denen sich antidemokratisches, antisemitisches und anderes problematisches Gedankengut andocken. Das hat in den vergangenen Jahren zugenommen. So verbreitet sich zunehmend eine "Konspiritualität", in der sich esoterische Ideen mit Verschwörungsideologien vermischen.

Frau Nikolai, wie wird Bildung in diesem Bereich zum Thema?

Rita Nikolai: Wir haben in unserem Buch untersucht, wie esoterische Vorstellungen über Bildung und Erziehung sich an demokratiefeindliche, verschwörungsideologische Narrative anschließen. Einerseits geht es um die Esoterisierung von Bildung, zum Beispiel um freies Lernen und um das Unterrichten außerhalb von Schule. Andererseits werden esoterische Bildungskonzepte genutzt, um Schulen die Legitimation abzusprechen.

Wo zeigt sich das konkret?

Matthias Pöhlmann: Während der Corona-Pandemie haben wir illegale Schulgründungen gesehen und ein starkes Misstrauen gegenüber dem staatlichen Bildungsmonopol. Es wurden vor allem während der Lockdowns alternative Lerngruppen gegründet, auch in Bayern, um Kinder gezielt zu indoktrinieren.

Ist das dann nicht vor allem ein außerschulisches Phänomen?

Rita Nikolai: Nicht nur. Solche Akteure versuchen auch, in die bestehenden Schulen hineinzuwirken. Sie verkaufen Konzepte einer "neuen Schule" oder einer "Schule der Zukunft". Dahinter steht oftmals die Vorstellung, ein Kind müsse nicht mehr an Bildung herangeführt werden, weil das schon in ihm angelegt sei. Schule "verdirbt" nach dieser Denke die Kinder nur, weil sie ihnen zu viele Dinge vorgibt.

Ist die Abgrenzung vom staatlichen Bildungssystem der erste Schritt für die Anhänger solcher Ideen?

Rita Nikolai: Ja, aber dann kommt schnell die Ablehnung von Institutionen insgesamt ins Spiel, vor allem von staatlicher Bildung. Rechtsesoterische Akteurinnen und Akteure lehnen es grundsätzlich ab, dass der Staat über Gesetze, Verordnungen und Lehrpläne Einfluss darauf nimmt, was Bildung und Erziehung sein sollen.

"Wenn Lehrkräfte von rechtsextremen Kräften diskreditiert und Schulen als politisch nicht neutral diffamiert werden, wird der Bildungsauftrag untergraben"

Wie groß ist die Gefahr für das Bildungssystem in Deutschland?

Matthias Pöhlmann: Ich halte sie für groß. Wenn Lehrkräfte von rechtsextremen Kräften diskreditiert und Schulen als politisch nicht neutral diffamiert werden, wird der Bildungsauftrag untergraben. Die AfD versucht, mit solchen Slogans Debatten zu prägen. Das ist gefährlich, weil in Schulen über politische Themen diskutiert werden soll. Lehrkräfte müssen dabei zwar parteipolitisch neutral sein, sie dürfen im Sinne des Grundgesetzes aber nicht wertneutral sein.

Was heißt das für Lehrkräfte?

Rita Nikolai: Sie geraten in eine schwierige Lage. Einerseits müssten sie auch nach einer Regierungsbeteiligung der AfD die Verordnungen aus den Kultusministerien umsetzen, andererseits dürften sie dagegen klagen, wenn die Inhalte der Verordnungen sich gegen das Grundgesetz richten. Dann hätten sie die Verfassungsgerichtsbarkeit sehr wahrscheinlich an ihrer Seite. Doch bis zu einer solchen Entscheidung vergehen oft Jahre, während derer die Verordnung befolgt werden müsste. Außerdem scheuen viele Lehrkräfte und auch Verbände den Konflikt - schließlich begibt man sich damit direkt ins Visier der rechtsextremen Szene.

"Wer Kinder in dieser Bubble hält, nimmt ihnen Bildungschancen und die Möglichkeit, über den eigenen Horizont hinauszuschauen"

Und was bedeutet diese Entwicklung für Kinder?

Rita Nikolai: Wenn ihre Eltern und damit auch sie selbst in solche Kreise geraten, werden sie in ihrer Emanzipation behindert. Ihnen werden unterschiedliche Sichtweisen, gesellschaftliche Integration und auch Zugänge zum Gesundheitswesen verweigert. Wer Kinder in dieser Bubble hält, nimmt ihnen Bildungschancen und die Möglichkeit, über den eigenen Horizont hinauszuschauen.

Mit Blick auf die Landtagswahlen etwa in Sachsen-Anhalt: Was droht konkret im Bildungsbereich?

Matthias Pöhlmann: Die AfD hat in ihrem Wahlprogramm klare Vorstellungen, wie sie Schule gestalten will. Kommt sie in Regierungsverantwortung, wird sie schnell per Verordnungen Unterrichtsinhalte ändern und so Einfluss nehmen wollen. Ganz konkret könnten etwa im Bereich der Sexualpädagogik oder im Geschichtsunterricht von heute auf morgen die Lerninhalte verändert und freiheitlich-demokratische Sichtweisen unterbunden werden. Das ist gefährlich, weil das dazu führt, dass an Schulen nicht mehr über gesellschaftliche Themen diskutiert wird. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss aber auch an den Schulen erhalten bleiben.

"Schlimmstenfalls könnte es so zu einer Spaltung kommen zwischen den demokratisch verfassten Schulsystemen in der Mehrheit der Bundesländer und jenen, die keine demokratische Schule mehr wollen"

Wenn die Bildungspolitik in einem Bundesland "fällt", wie groß ist die Gefahr eines Domino-Effekts?

Rita Nikolai: Das könnte natürlich Strahlkraft auf andere Bundesländer haben. Akteure aus der rechtsextremen und rechtspopulistischen Szene in anderen Regionen würden sich genau darauf berufen und ihre Inhalte als breiter akzeptiert darstellen. Schlimmstenfalls könnte es so zu einer Spaltung kommen zwischen den demokratisch verfassten Schulsystemen in der Mehrheit der Bundesländer und jenen, die keine demokratische Schule mehr wollen. Das wiederum könnte je nach Haltung der Eltern zu einer Bildungsflucht in beide Richtungen führen - und am Ende die Anerkennung von Schulabschlüssen innerhalb Deutschlands gefährden.

Sie zeigen in Ihrem Buch nicht nur Probleme auf, sondern auch Lösungen. Was wäre aus Ihrer Sicht ein geeignetes präventives Vorgehen?

Matthias Pöhlmann: Alle demokratisch gesinnten Kräfte in unserer Gesellschaft müssen die Lehrkräfte und Schulen stärken und ihnen klar sagen: Wir stehen hinter euch. Parteiübergreifendes Handeln ist nötig, ebenso die Sensibilisierung von Schulbehörden und Eltern. Es geht letztlich auch um das Wohl von Kindern, die wenig Lobby haben.

Welche Rolle können die Kirchen bei dieser Stärkung von Lehrkräften und Schulen spielen?

Matthias Pöhlmann: Eine wichtige Rolle, denn der Protestantismus hat Bildung immer als Weg zu Mündigkeit verstanden. Kirchen sollten sich in die Debatte einschalten und deutlich machen, dass Bildung hilft, Ideologien egal welcher Art zu erkennen und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.

Rita Nikolai: Demokratie bleibt nicht von selbst. Es braucht überzeugte Demokratinnen und Demokraten, kreative Wege und ein klares Engagement der gesamten Zivilgesellschaft, damit demokratische Bildung gestärkt wird. Rückzug wäre ein schlechter Ratgeber.

Gefährliche Bildung

Rita Nikolai, Matthias Pöhlmann

Bildung gilt als Schlüssel zu Mündigkeit, kritischem Denken und demokratischer Teilhabe. Doch was geschieht, wenn Schulen zu Orten der Manipulation, wissenschaftliche Erkenntnisse durch vermeintlich "höheres Wissen" ersetzt und Kinder zum Gegenstand ideologischer Heilsversprechen werden?

Rita Nikolai und Matthias Pöhlmann zeigen, wie sich in den vergangenen Jahren esoterische, verschwörungsideologische und rechtsesoterische Vorstellungen zunehmend mit pädagogischen Konzepten und Bildungsdebatten verbinden. 

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