Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben nach Einschätzung des Historikers Arndt Brendecke die westlichen Gesellschaften in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit versetzt. Die US-Behörden hätten "die größte Wachsamkeitskampagne der jüngeren Geschichte" ausgelöst, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Der bis heute bekannte Slogan "If you see something, say something" ("Wenn Sie etwas sehen, melden Sie es") bringe dieses Prinzip auf den Punkt. Ausgedacht hatte ihn sich der Werbeprofi Allen Kay, genutzt wurde er von den US-Behörden. Bürgerinnen und Bürger sollten verdächtige Beobachtungen melden.
"Die Bevölkerung wurde damit in die Abwehr der Terrorgefahr integriert." Der entscheidende Vorteil: "Gesellschaftliche Wachsamkeit dringt in Räume vor, die technologische nicht oder nicht vollständig erreicht: Nachbarschaften, Wohnungen", erläuterte Brendecke, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Sprecher des Sonderforschungsbereichs "Vigilanzkulturen". Dort untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gesellschaftliche Wachsamkeit.
Von Assyrien bis 9/11: Wachsamkeit als politische Strategie
Das Prinzip, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die Gefahrenabwehr zu nutzen, sei keineswegs neu. Brendecke und seine Kollegen untersuchen entsprechende Verfahren über einen Zeitraum von rund 3.000 Jahren. Bereits im 7. Jahrhundert vor Christus habe es im Assyrischen Reich einen ähnlichen Aufruf gegeben: Wer etwas höre, das die Königsherrschaft gefährden könne, solle zum Hof kommen und darüber berichten.
25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 plädiert der Forscher für eine gesellschaftliche Debatte über das richtige Maß an Wachsamkeit. "Wir können uns eine Gesellschaft, in der alle weggucken, nicht leisten", sagte Brendecke.
"Gleichzeitig kann eine Gesellschaft nicht dauerhaft in Alarmbereitschaft leben."
Es brauche deshalb eine "Entlastungskultur", die es ermögliche, die Aufmerksamkeit nach einer akuten Bedrohung auch wieder herunterzufahren.
Wenn Wachsamkeit in Dauerstress und Vorurteile kippt
Zwar gebe es auch nach dem 11. September immer wieder Terroranschläge, auch in Deutschland. Eine demokratische Gesellschaft brauche Aufmerksamkeit - aber ebenso die Fähigkeit, die eigene Alarmbereitschaft wieder zurückzufahren. Gerade angesichts der heutigen Polykrise aus ökologischen, politischen, wirtschaftlichen und geostrategisch-militärischen Bedrohungen könne sich bei den Bürgern eine enorme Last ansammeln.
Die stärkere Einbindung der Bevölkerung in die Terrorabwehr berge auch ein weiteres Risiko, das sich nach den Anschlägen vom 11. September gezeigt habe. Ängste vor Muslimen, Islamismus und Terrorismus hätten bereits zuvor bestanden. Die Anschläge hätten aber zu einer Stereotypisierung der Wahrnehmung geführt.
Brendecke verwies auf Polizeiberichte aus New York, etwa von 2007. Dort wurden Männer gemeldet, die "nahöstlich" aussahen und an einem Bahnhof ein Zählgerät in der Hand hielten. Die Meldenden vermuteten, die Männer hätten Menschen gezählt, um herauszufinden, wie viele sie bei einem Anschlag töten könnten. Tatsächlich handelte es sich um gläubige Muslime, die mit einem Gebetszähler die Häufigkeit ihrer Gebete kontrollierten - einem Gerät, das mit einem Rosenkranz vergleichbar ist.