Der Passauer Bischof Stefan Oster bezeichnete das Kind von Jens Spahn und Daniel Funke als "gekaufte Ware" - und fragte im selben Satz, welche Last es deshalb später einmal tragen müsse.

So äußerte sich Oster am 17. Juli 2026. In seiner Aussage stehen zwei Dinge unmittelbar nebeneinander: die Sorge um eine Last, die das Kind später einmal tragen könnte, und die Bezeichnung dieses Kindes als "gekaufte Ware". [1]

Gerade deshalb fällt die Wortwahl auf. Oster fragt, was die Art seiner Entstehung später für das Kind bedeuten könnte. Zugleich gibt er dieser Herkunft selbst eine Deutung, die sich nicht nur auf Verträge, Zahlungen oder Entscheidungen der Erwachsenen richtet. Sie wird auf das Kind bezogen.

Einen Tag zuvor hatte die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) über dasselbe Kind erklärt, es sei ein "Vertragsgegenstand". In derselben Mitteilung ist später von einem "vertraglich erworbenen Kind" die Rede. Auch hier bleibt die Kritik nicht bei den Umständen und Entscheidungen der Erwachsenen. Sie wird zu einer Aussage über das Kind selbst. [2]

Man kann Leihmutterschaft für falsch halten und sie verbieten wollen. Man kann bestimmte Formen als ausbeuterisch oder einzelne vertragliche Regelungen als unvertretbar beurteilen. Aber aus der moralischen Kritik an den Entscheidungen der Erwachsenen darf kein Etikett für das Kind werden. Wer nach möglichen späteren Belastungen des Kindes fragt, muss deshalb nicht nur seine Entstehungsgeschichte in den Blick nehmen, sondern auch die Sprache, mit der Erwachsene diese Herkunft deuten.

Herkunft wird erzählt

Die eigene Herkunft besteht für Kinder nicht nur aus Tatsachen. Erwachsene erzählen sie ihnen - mit Worten, Wertungen und manchmal auch mit Schweigen. Ein adoptiertes Kind kann erfahren, dass es nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwächst. Oder es kann immer wieder hören, es sei "weggegeben" worden. Die biografische Tatsache ist dieselbe. Die Geschichte, die daraus entsteht, ist es nicht. 

Bei Leihmutterschaft gilt das ebenso. Dass eine andere Frau ein Kind ausgetragen hat, dass Verträge geschlossen und möglicherweise Zahlungen geleistet wurden, gehört zu seiner Entstehungsgeschichte. Dass dieses Kind deshalb "gekauft" sei, ist keine weitere Information über seine Herkunft. Es ist ein Urteil über sie.
Wie sehr Herkunft von Sprache und Deutung geprägt wird, zeigt sich zunächst in den Familien. In einer Untersuchung mit 80 schwulen Vätern aus 40 Leihmutterschaftsfamilien sprachen viele von sich aus mit ihren Kindern über deren Entstehungsgeschichte. Sie halfen ihnen, die eigene Familienform einzuordnen - und bereiteten sie zugleich auf Vorurteile und abwertende Reaktionen vor. [3]

Schon daran zeigt sich: Die Geschichte endet nicht am Familientisch. Kinder müssen ihre Herkunft auch dort erklären, wo andere längst eigene Vorstellungen davon haben.

Wie solche Vorstellungen klingen können, zeigt eine italienische Studie mit 70 Kindern aus Familien nach assistierter Reproduktion. Ein Kind wurde gefragt: "Warum haben deine Väter dich nicht adoptiert, statt Leihmutterschaft zu nutzen?" [13]

Diese Frage steht nicht für sich. TERRE DES FEMMES nennt Adoption, Pflegefamilien und Co-Parenting ausdrücklich als "alternative soziale Familienmodelle". In einem taz-Interview mit einem schwulen Vater nach Leihmutterschaft lautete die erste Frage: "Warum haben Sie und Ihr Mann nicht adoptiert?" Dieselbe Frage, nur unter Erwachsenen. [6][14]

In der italienischen Studie berichtete ein anderes Kind von einem Gleichaltrigen, der sich auf seine Mutter berief. Sie habe Leihmutterschaft mit dem Mieten einer Gebärmutter verglichen und gesagt, Eltern bezahlten dafür, Kinder zu bekommen. Dann fragte er: "Bist du so ein Kind?" [13]

In dem kleinen Wort "so" verdichtet sich, wie aus der Kritik an Leihmutterschaft eine Zuschreibung an das Kind werden kann. Rund zwei Drittel der 70 befragten Kinder berichteten von mindestens einer Mikroaggression durch Gleichaltrige; deren Intensität war im Durchschnitt allerdings gering. Die Studie nennt auch Medien, öffentliche Debatten und das Verhalten Erwachsener als mögliche Einflüsse. Was Kinder auf dem Schulhof zu hören bekommen, kann also auch von gesellschaftlichen Debatten und den Deutungen Erwachsener geprägt sein. [13]

Wenn aus Kritik ein Etikett wird

Ein Blick auf die deutsche Debatte zeigt, welche Begriffe dafür bereitliegen. Zunächst geht es um zentrale Streitfragen: Geldflüsse, Vermittlungsagenturen, Machtgefälle, die Selbstbestimmung der austragenden Frau, medizinische Risiken, die Verantwortung der Wunscheltern und die Interessen des Kindes. 

Dann wechselt die Sprache ihren Gegenstand.

Im Juli 2026 bezeichnete der Bundesverband Lebensrecht erzeugte Embryonen als "produzierte Kinder", sprach von "Qualitätskontrolle" und anschließend von den "besten Exemplaren". [5]

Im selben Text, in dem TERRE DES FEMMES Adoption, Pflegefamilien und Co-Parenting als alternative soziale Familienmodelle nennt, heißt es über Leihmutterschaft, das Kind werde zum "Vertragsgegenstand" und "somit zur Ware gemacht". ALfA wiederum erklärte über das konkrete Kind, es sei ein "Vertragsgegenstand". [6][2]

Zwischen diesen beiden Arten des Sprechens liegt ein entscheidender Unterschied. "Ein Kind darf nicht wie eine Ware behandelt werden" setzt Erwachsenen eine Grenze. "Dieses Kind ist ein Vertragsgegenstand" beschreibt dagegen die Person selbst. Und "gekauftes Kind" macht die behauptete Transaktion zu einem Attribut eines Menschen.

Man kann Zahlungen, Verträge und Vermittlungsmodelle kritisieren und Leihmutterschaft deshalb ablehnen oder verbieten wollen. Entscheidend ist, wohin sich diese Kritik richtet. Wer ein Kind öffentlich als "gekauft", "produziert" oder als "Vertragsgegenstand" bezeichnet, lässt sie nicht bei den Entscheidungen der Erwachsenen stehen. Er überträgt das Urteil auf das Kind selbst: Aus der Kritik an Zahlungen wird das "gekaufte Kind", aus der Kritik an Kommerzialisierung die "Ware".

Wo Kritik am Handeln der Erwachsenen auf das Kind übergeht, kann sie selbst Teil seiner Belastung werden.

Wo Belastungen entstehen

Leihmutterschaft legt nicht fest, wie ein Kind seine Herkunft später erleben wird. Mit sieben Jahren fanden die Forschenden bei Kindern aus Leihmutterschaftsfamilien zwar mehr Anpassungsschwierigkeiten als bei Kindern nach Ei- oder Samenspende. Von einer insgesamt auffälligen Entwicklung konnte dennoch nicht die Rede sein. [7]

Mit 20 Jahren unterschieden sich junge Erwachsene aus der zusammengefassten Gruppe nach Ei- oder Samenspende und Leihmutterschaft in psychischem Wohlbefinden und Familienbeziehungen nicht von Gleichaltrigen aus Familien nach nicht assistierter Empfängnis. [8]

Auch die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission sah 2024 keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine "gespaltene Mutterschaft" oder die Übergabe des Kindes unmittelbar nach der Geburt dessen Identitätsbildung gefährdet. Sie hielt zugleich fest, dass ein Kind durch Leihmutterschaft nicht notwendig zur Handelsware wird. [9]

Umso wichtiger ist, was die Gesellschaft aus dieser Herkunft macht. Eine länderübergreifende Studie von 2026 untersuchte 263 lesbische und schwule Elternfamilien in Belgien, Frankreich, Israel, Italien und den Niederlanden, darunter 108 Familien schwuler Väter nach Leihmutterschaft. Je stärker Eltern Stigmatisierung wahrnahmen, desto größere Schwierigkeiten ihrer Kinder bei der Emotions- und Verhaltensregulation berichteten sie. Der Zusammenhang war besonders ausgeprägt, wenn Eltern sich weniger sicher fühlten, mit ihren Kindern über Familienvielfalt, Vorurteile und gesellschaftliche Reaktionen zu sprechen. [10]

Die Studie beweist nicht, dass Stigmatisierung die Ursache dieser Schwierigkeiten ist. Stigmatisierung und Schwierigkeiten der Kinder wurden zudem von den Eltern berichtet. Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang ohne eindeutige Wirkungsrichtung. Eine frühere italienische Studie mit Familien schwuler Väter nach Leihmutterschaft wies aber bereits in dieselbe Richtung. [11]

Zur Lebenswirklichkeit dieser Kinder gehört eben nicht nur, wie sie entstanden sind, sondern auch, was andere daraus machen.

Die Frage nach dem späteren Gefühl

Ein Mensch kann seine Herkunft später als belastend erleben. Aber dieses Gefühl sagt noch nicht, woher die Belastung kommt. Sie kann mit den Entscheidungen der Eltern zu tun haben, mit Umständen der Leihmutterschaft oder mit fehlenden Informationen über die Frau, die das Kind ausgetragen hat. Sie kann aber auch dort entstehen oder verstärkt werden, wo andere diese Herkunft abwerten und das Kind selbst zum Gegenstand dieser Abwertung machen.

Die Frage "Wie soll sich das Kind später fühlen?" verkürzt all das auf eine einzige Erklärung. Als läge das spätere Gefühl schon in der Art seiner Entstehung beschlossen. Gerade das lässt sich nicht voraussetzen.

Osters Aussage zeigt, wie schnell sich beides vermischt. Er fragt nach der Last, die das Kind später tragen könnte, und nennt es zugleich "gekaufte Ware". Doch zu dem, was ein Kind später mit seiner Herkunft verbindet, gehört eben auch, wie andere über diese Herkunft sprechen. Die Befunde zu Herkunftskommunikation, Stigmatisierung und Reaktionen des Umfelds sprechen dagegen, das als bloßen Hintergrund abzutun. [3][10][13]

Ein Kind braucht dabei weder Beschönigung noch Vorverurteilung. Es darf wissen, wie es entstanden ist, welche Vereinbarungen bestanden und ob Geld geflossen ist. Es darf die Entscheidungen seiner Eltern später kritisieren, Kontakt zu der Frau suchen, die es ausgetragen hat, oder Leihmutterschaft selbst ablehnen. Ebenso darf es zu dem Schluss kommen, dass seine Entstehungsweise für das eigene Selbstverständnis wenig bedeutet. Dass junge Menschen ihre Entstehungsweise sehr unterschiedlich gewichten, zeigen Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. [4][12]

Diese Bewertung gehört dem Kind selbst. Erwachsene dürfen Leihmutterschaft verurteilen, Verträge kritisieren und bestimmte Praktiken für ausbeuterisch halten. Aber sie sollten dem Kind nicht zugleich sagen, was es deshalb ist.

Denn Kinder müssen nicht nur damit leben, wie sie entstanden sind. Sie müssen auch damit leben, was wir Erwachsenen daraus machen.

Hinweis der Redaktion: Der Autor ist Sozialpädagoge, hat Lehraufträge in Kindheitspädagogik und Entwicklungspsychologie und arbeitet in leitender Funktion in einem Jugendamt. Sein Name ist der Redaktion bekannt; auf eigenen Wunsch bleibt er anonym.

Quellenhinweise

[1] Oster, Stefan (2026): "Ware gegen Würde?", 17.07.2026, offizielle Website des Bischofs von Passau. https://stefan-oster.de/ware-gegen-wuerde/
[2] Aktion Lebensrecht für Alle (2026): "Vertraglich bestellte Kinder für CDU-Spitzenpolitiker: Jens Spahn und Hendrik Streeck bescheren der Union ein Glaubwürdigkeitsproblem", 16.07.2026. https://www.alfa-ev.de/vertraglich-bestellte-kinder-fuer-cdu-spitzenpolitiker-jens-spahn-und-hendrik-streeck-bescheren-der-union-ein-glaubwuerdigkeitsproblem/
[3] Carone, N.; Tracchegiani, J.; Kuhl, M.; Cruciani, G.; Quintigliano, M. et al. (2025): "Is mommy getting a day off?" Gay fathers’ approaches to socialization around family diversity and children’s surrogacy origins. Journal of Social and Personal Relationships 42(9). DOI 10.1177/02654075251347863.
[4] Zadeh, S.; Ilioi, E. C.; Jadva, V.; Golombok, S. (2018): The perspectives of adolescents conceived using surrogacy, egg or sperm donation. Human Reproduction 33(6), 1099-1106. DOI 10.1093/humrep/dey088.
[5] Bundesverband Lebensrecht (2026): "Kinder werden zu Objekten und Frauen zu Gebärmaschinen gemacht", 16.07.2026. https://bundesverband-lebensrecht.de/kinder-werden-zu-objekten-und-frauen-zu-gebaermaschinen-gemacht/
[6] TERRE DES FEMMES (2024): Stellungnahme der Initiative "Schutz vor reproduktiver Ausbeutung", 11.04.2024. https://frauenrechte.de/aktuelles/detail/stellungnahme-terre-des-femmes-startet-die-initiative-schutz-vor-reproduktiver-ausbeutung
[7] Golombok, S.; Blake, L.; Casey, P.; Roman, G.; Jadva, V. (2013): Children born through reproductive donation: a longitudinal study of psychological adjustment. Journal of Child Psychology and Psychiatry 54(6), 653-660. PMID 23176601.
[8] Golombok, S.; Jones, C.; Hall, P.; Foley, S.; Imrie, S.; Jadva, V. (2023): A longitudinal study of families formed through third-party assisted reproduction: Mother-child relationships and child adjustment from infancy to adulthood. Developmental Psychology 59(6), 1059-1073. DOI 10.1037/dev0001526.
[9] Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin (2024): Abschlussbericht, Arbeitsgruppe 2, insbesondere S. 353-354. Bundesministerium für Gesundheit.
[10] Cruciani, G.; Tracchegiani, J.; Bos, H. M. W.; D’Amore, S.; Shenkman, G.; van Rijn-van Gelderen, L.; Carone, N. (2026): Parental Self-Efficacy in Socializing Children About Family Diversity: Associations with Stigma and Child Dysregulation in a Cross-Cultural Dyadic Study of Lesbian and Gay Parents in Belgium, France, Israel, Italy, and The Netherlands. LGBTQ+ Family: An Interdisciplinary Journal. DOI 10.1080/27703371.2026.2696541.
[11] Carone, N.; Lingiardi, V.; Chirumbolo, A.; Baiocco, R. (2018): Italian gay father families formed by surrogacy: Parenting, stigmatization, and children’s psychological adjustment. Developmental Psychology 54(10), 1904-1916. DOI 10.1037/dev0000571.
[12] Jadva, V.; Jones, C.; Hall, P.; Imrie, S.; Golombok, S. (2023): "I know it’s not normal but it’s normal to me, and that’s all that matters": experiences of young adults conceived through egg donation, sperm donation, and surrogacy. Human Reproduction 38(5), 908-916. DOI 10.1093/humrep/dead048.
[13] Carone, N.; Innocenzi, E.; Lingiardi, V. (2022): Peer Microaggressions and Social Skills among School-Age Children of Sexual Minority Parents through Assisted Reproduction: Moderation via the Child-Teacher Relationship. Journal of Youth and Adolescence 51, 1210-1229. DOI 10.1007/s10964-022-01588-3.
[14] Wrusch, Paul (2026): "Ich wollte keine fremde Frau ausbeuten". Interview mit einem schwulen Vater über Leihmutterschaft und Kinderwunsch. taz, 25.07.2026. https://taz.de/Schwuler-Vater-ueber-seinen-Kinderwunsch/!6195196/