Das Blut der Opfer des Anschlags auf den Christopher Street Day in Berlin war noch nicht getrocknet, da hatte der Kampf um die Deutungshoheit schon längst begonnen. Wie üblich hatte jedes politische Lager binnen Minuten seine Erzählung parat, die mit den Menschen, die tatsächlich Angst haben müssen, herzlich wenig zu tun hat.
Vor allem Rechtsradikale sahen sich bestätigt. Endlich wieder ein Beweis, dass "der Islam" das Problem sei. Ausgerechnet jene Milieus, die seit Jahren gegen queere Menschen hetzen, entdecken plötzlich ihre Sorge um deren Sicherheit.
Es ist jedoch kaum glaubwürdig, den Schutz von LSBTI-Menschen einzufordern, während gleichzeitig ihre Gleichstellung bekämpft, ihre Sichtbarkeit als "Ideologie" diffamiert oder gegen Regenbogen-Symbole polemisiert wird. Wer queere Menschen nur dann verteidigt, wenn es in die eigene Feinderzählung passt, verteidigt sie gar nicht, sondern benutzt sie.
Wenn der Anschlag ins eigene Weltbild passen muss
Andere Reaktionen zeigten eine gewisse, kaum zu übersehende Genugtuung. Kommentatoren wie der ehemalige "Tagesschau"-Sprecher Constantin Schreiber erklärten sinngemäß, die queere Szene müsse nun doch wohl einsehen, dass Islamisten die eigentliche Gefahr seien. Als hätten queere Menschen nicht längst selbst erfahren, dass religiös begründeter Extremismus eine reale Bedrohung ist. Die Botschaft dahinter ist jedoch eine andere: Eine bestimmte politische Haltung möge endlich aufgegeben werden.
Dabei geht es um einen alten Konflikt: Teile der LSBTIQ*-Bewegung solidarisieren sich mit Palästinenser:innen und kritisieren die israelische Politik. Das missfällt manchen Israel-Unterstützern massiv. Aus dieser Kritik wird dann mit verblüffender geistiger Akrobatik eine Verbindung zu "dem Islamismus" konstruiert. So wird aus einer komplexen politischen Debatte eine plumpe Gleichung: Pro-palästinensische Positionen gleich islamistische Sympathien gleich Gefahr. Eine so bequeme wie fatale politische Kurzschlusslogik.
Auch aus der Politik kamen Sätze, die bei genauerem Hinsehen ihre eigene Absurdität offenbaren. Bundesbildungsministerin Karin Prien sprach nach dem Anschlag von einem Angriff auf "uns alle". Das klingt zwar richtig, doch gleichzeitig wurde der queeren Jugendorganisation Lambda von ihrem Ministerium die Förderung gestrichen.
Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einem Angriff auf "die Gesellschaft". Derselbe Friedrich Merz, der in der Debatte um die Regenbogenfahne am Bundestag einst vom "Zirkuszelt" gesprochen hat. So wird Solidarität mit queeren Menschen zu einer reinen Sonntagsrede.
Queerfeindlichkeit ist kein Randphänomen
Und ja, hätte ein Rechtsradikaler den Anschlag begangen, wäre die Instrumentalisierung genauso vorhersehbar gewesen, nur mit vertauschten Rollen. Dann hätten andere Akteur:innen die Tat als endgültigen Beweis für die Gefahr von rechts präsentiert und dabei alles andere ausgeblendet. Genau das ist das Problem: Nicht die Betroffenen stehen im Mittelpunkt, sondern die eigene politische Erzählung.
Der bequemste Irrtum lautet ohnehin, dass Queerfeindlichkeit nur von den Extremen komme. Von Neonazis oder Islamisten. Das stimmt nicht. Queerfeindlichkeit findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft, beispielsweise in Familien, Schulen, Vereinen, Parlamenten und Kommentarspalten. Sie äußert sich nicht immer in Gewalt. Aber sie schafft das Klima, in dem Ausgrenzung normalisiert wird.
Der Fokus müsste daher ganz woanders liegen: bei den Menschen, die beim CSD feiern wollten und plötzlich um ihr Leben fürchten mussten. Bei den Menschen, die beim CSD feiern wollten und plötzlich um ihr Leben fürchten mussten. Bei queeren Menschen, die jetzt Angst haben, wütend sind und trauern. Ihr Recht auf Sicherheit darf nicht für politische Botschaften missbraucht werden – egal, um welche es sich handelt.