Was wäre, wenn die AfD Deutschland eines Tages allein regieren könnte? Diese Frage hat Pfarrerin Corinna Bader nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt beschäftigt. Daraus ist diese fiktive Geschichte entstanden.
Anna, Markus, Mia, Leon, Jonas und Emma gibt es nicht. Auch die beschriebenen Entwicklungen nach sechs Jahren AfD-Regierung sind keine Vorhersage. Bader versucht vielmehr, politische Forderungen aus dem AfD-Bundestagswahlprogramm 2025 konsequent weiterzudenken: Was könnte daraus werden, wenn eine Partei mit absoluter Mehrheit regiert und ihre politischen Vorstellungen über Jahre umsetzen kann?
Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf die Seitenzählung des AfD-Bundestagswahlprogramms 2025. Manche Szenarien orientieren sich unmittelbar an den dort formulierten Forderungen, andere sind die erzählerische Zuspitzung der Autorin.
Entstanden ist so ein Gedankenexperiment über Familie, Bildung, Pflege, Migration, Klimaschutz und die Frage, wie sich eine Gesellschaft verändern könnte, wenn politische Entscheidungen über Jahre in eine Richtung weisen.
Eine Geschichte: Was, wenn die AfD wirklich allein regiert?
Es ist Anfang Juni und um kurz vor sechs schon so warm, dass Anna die Balkontür wieder aufreißt, obwohl sie die ganze Nacht offen stand. 27 Grad im Schlafzimmer. Markus schläft noch. Im Kinderzimmer läuft ein kleiner Ventilator, der mehr Geräusch als Kühlung produziert.
Seit sechs Jahren regiert die AfD Deutschland allein. Absolute Mehrheit.
Am Anfang hatte Markus gesagt, manches davon finde er vernünftig. Weniger Staat, weniger Vorschriften. Weniger Einmischung. Anna hatte mit den Schultern gezuckt. Heute denkt sie oft an dieses Schulterzucken.
In der Küche macht Anna das Radio an. Früher lief morgens immer derselbe öffentlich-rechtliche Sender. Nachrichten, Wetter, Interviews, Musik. Heute gibt es den alten Sender nicht mehr. Vor ein paar Jahren wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf einen kleinen "Grundfunk" zusammengestrichen: gebührenfreie Grundversorgung mit Informations-, Kultur- und Regionalprogrammen, wie es das AfD-Wahlprogramm vorgesehen hatte (S. 174–175).
Anna hört einen Beitrag über "starke Familien", danach Regionalnachrichten, dann Volksmusik. Sie macht das Radio aus. Mia kommt verschwitzt in die Küche. Sie ist neun Jahre alt, vierte Klasse.
"Mama, heute ist Familienwoche."
Auf ihrem Arbeitsblatt sieht man Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Genau wie sie.
Die Familie aus Vater, Mutter und Kindern gilt seit Jahren als gesellschaftliches Leitbild. Im damaligen Programm wurde sie zur Grundlage der Gesellschaft erklärt, Kinder sollten in der Schule auf Ehe, Partnerschaft und stabile Familien vorbereitet werden (S. 145–147).
"Emma kommt wahrscheinlich nicht", sagt Mia. Emma hat zwei Mütter. Vor zwei Wochen klebten wieder Zettel an ihrem Haus. "Schützt unsere Kinder." Jemand hatte an ihrem Klingelschild das Wort "Familie" durchgestrichen.
Früher gab es in der Stadt eine Beratungsstelle gegen queerfeindliche Gewalt. Sie schloss irgendwann, nachdem staatliche Mittel und Projekte für NGOs zusammengestrichen worden waren und die Regierung jede Förderung dessen beenden wollte, was sie als "Genderideologie" bezeichnete (S. 55, 152–153).
"Frau König sagt immer, Kinder brauchen Mama und Papa."
"Frau König kann sich irren."
Mia wird leiser.
"Das sag ich aber lieber nicht in der Schule, oder?"
Anna braucht eine Sekunde zu lange für ihre Antwort.
Leon kommt in die Küche. Er ist vierzehn und geht in die achte Klasse eines Gymnasiums. Früher hat sein bester Freund Jonas jeden Morgen schon vor der Schule auf ihn gewartet. Jonas sitzt im Rollstuhl und ging seit der ersten Klasse mit Leon auf dieselbe Schule. Für Leon war das nie etwas Besonderes. Jonas war einfach Jonas.
Dann kam die Bildungsreform. Förderschulen sollten wieder der Regelfall für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden (S. 160–161).
Jonas’ Eltern kämpften monatelang dagegen. Sie führten Gespräche, schrieben Widersprüche und versuchten zu erklären, dass ihr Sohn an seiner Schule gut zurechtkam. Trotzdem musste Jonas wechseln. Heute wird er morgens mit einem Fahrdienst zu einer Förderschule am anderen Ende des Landkreises gebracht.
"Aber Jonas war doch unser Klassensprecher", hatte Leon damals gesagt.
Seit Jonas weg ist, fehlt er nicht nur im Klassenzimmer. Er fehlt in den Pausen, bei Gruppenarbeiten, bei Klassenausflügen und bei all den kleinen Dingen, bei denen Leon vorher nie darüber nachgedacht hatte, dass Jonas irgendwann einfach nicht mehr dazugehören könnte.
Markus kommt in die Küche und deutet auf Leons Shirt: "There is no Planet B."
"Das würde ich heute nicht anziehen."
"Warum?"
"Du hast doch Politik. Du musst nicht immer provozieren."
Draußen zeigt das Thermometer inzwischen 28 Grad. An Mias Schule sind mehrere große Bäume nach den trockenen Sommern abgestorben. Wo früher Schatten war, liegt jetzt Pflaster. Ab zehn Uhr dürfen die Kinder oft nicht mehr auf den Hof. Die Regierung hatte die frühere Klimapolitik weitgehend zurückgebaut, CO₂-Abgaben abgeschafft und Politik abgelehnt, die sich auf Klimaschutz beruft (S. 57, 77–80).
Anna arbeitet heute nur bis zwölf. Früher waren es vier Tage die Woche, heute sind es zwei.
Die Regierung hatte die häusliche Kinderbetreuung finanziell stark aufgewertet und erwartet, dass dadurch die Nachfrage nach Kita-Plätzen deutlich sinkt. Familien sollten idealerweise von einem Gehalt leben können; ein Betreuungsgehalt bis zum dritten Geburtstag sollte die Selbstbetreuung attraktiver machen (S. 147–149, 153).
Erst wurden Gruppen zusammengelegt, dann Öffnungszeiten gekürzt, später Einrichtungen geschlossen. Markus verdient fast doppelt so viel wie Anna. Also war irgendwann klar, wer reduziert.
Seit einigen Monaten pflegt Anna zusätzlich ihre Mutter. Eigentlich sollte dreimal die Woche ein ambulanter Dienst kommen. Inzwischen schafft er einen Besuch. "Wir haben einfach niemanden", sagt die Mitarbeiterin entschuldigend.
Vor sechs Jahren bestand das Team zu einem großen Teil aus Menschen, die selbst oder deren Familien nach Deutschland eingewandert waren. Manche sind gegangen, andere konnten nicht bleiben und neue Kolleginnen und Kollegen kommen deutlich seltener.
Dabei hatte die AfD Fachkräftezuwanderung nicht vollständig abgelehnt. Sie wollte sie allerdings nur noch "maßvoll und ausgewählt" zulassen und betonte zugleich, es gebe eigentlich genügend ausgebildete Pflegekräfte in Deutschland, die wegen schlechter Arbeitsbedingungen nicht in ihrem Beruf arbeiteten (S. 111).
Sechs Jahre später sind die Arbeitsbedingungen noch immer schlecht. Nur fehlen jetzt zusätzlich die Menschen. Die AfD hatte gleichzeitig die häusliche Betreuung und Pflege durch Angehörige ausdrücklich stärken wollen (S. 23, 28).
Für Anna bedeutet das: Mia abholen, zu ihrer Mutter fahren, Medikamente sortieren, einkaufen, beim Duschen helfen, anschließend Abendessen und später noch die Dokumentation aus der Praxis.
Seit gestern hat ihre Mutter außerdem eine dunkle Stelle am Rücken, die Anna nicht gefällt.
"Wir brauchen einen Arzt", sagt sie am Telefon.
Die Hausarztpraxis bietet einen Termin in fünf Wochen an.
"Sie ist 76 und die Stelle hat sich verändert."
"Mehr kann ich Ihnen leider nicht anbieten."
Ein Hausbesuch? Unmöglich.
Zwei Ärzte haben aufgehört, Ersatz gibt es nicht. Für ausländische Ärzte wollte die AfD deutsche Staatsangehörige vorrangig berücksichtigen (S. 33). Gleichzeitig sollte qualifizierte Fachkräftezuwanderung nur ausgewählt erfolgen (S. 111).
Ob genau diese Politik allein den Mangel verursacht hat, weiß Anna nicht. Aber nach sechs Jahren fühlt sich das Wort "vorübergehend" wie ein schlechter Witz an. Also fotografiert sie die Stelle selbst.
Den nächsten Hautarzttermin hat sie in einer Praxis fast siebzig Kilometer entfernt bekommen. Mittags holt Anna Mia ab. 38 Grad. Anfang Juni. Morgen ist ab elf Uhr hitzefrei. Zu Hause zeigt das Thermometer im Schlafzimmer 31 Grad.
Mia darf eine halbe Stunde fernsehen, während Anna bei ihrer Mutter anruft. Im Kinderprogramm läuft eine neue Serie. Vater fährt arbeiten, Mutter backt Kuchen. Der Sohn trägt Blau und spielt Fußball, die Tochter Rosa und tanzt Ballett.
"Langweilig", sagt Mia nach drei Minuten. Anna nimmt die Fernbedienung. Viel Auswahl gibt es nicht mehr.
Mit dem Umbau zum Grundfunk ist auch das frühere öffentlich-rechtliche Programm stark zusammengeschrumpft (S. 174–175). Das Programm selbst verlangt keine stereotypen Kindersendungen, aber es lehnt staatliche Vorgaben ab, die "Gender", "Klimaschutz" oder "Vielfalt" in Filmen verankern sollen (S. 175).
Am Abend macht sie einen Schwangerschaftstest. Seit Tagen hat sie ein ungutes Gefühl. Zwei Striche.
Anna sitzt auf dem Bett. Ein drittes Kind will sie nicht. Nicht jetzt. Nicht mit ihrer Mutter, ihrer Arbeit, den Betreuungszeiten, der Müdigkeit.
Sie sucht nach einer Praxis. Die erste führt keine Abbrüche mehr durch. Die zweite auch nicht. Die dritte hat wochenlang keinen Termin.
Die Regierung hatte § 218 nicht verschärft. Aber sie wollte die Möglichkeiten von Ärzten erhalten, Abbrüche aus Gewissensgründen abzulehnen, Werbung dafür verhindern, Beratungen stärker auf den Schutz des ungeborenen Lebens ausrichten und Ultraschallbilder verpflichtend in die Beratung einbeziehen. Organisationen, die Abbrüche nach ihrer Auffassung "forcieren oder verharmlosen", sollten keine Förderung mehr erhalten (S. 149–151).
Markus findet sie später im Schlafzimmer. Sie zeigt ihm den Test.
"Ein drittes Kind wäre doch gar nicht so schlimm", sagt er. "Das wird doch inzwischen richtig gefördert."
Anna denkt an ihre zwei Arbeitstage. An ihre Mutter und den Arzttermin in fünf Wochen. An Jonas. An Emma. An die geschlossene Betreuung. An die 29 Grad im Schlafzimmer.
"Für wen?"
Er versteht die Frage nicht. Später sagt er im Dunkeln: "Uns geht’s doch eigentlich gut."
Und auch das stimmt noch irgendwie. Die Geschäfte öffnen morgens. Die Müllabfuhr kommt. Markus fährt zur Arbeit. Mia geht zur Schule. Leon geht ins Gymnasium. Anna macht Brotdosen.
Nur Jonas wird nicht neben Leon sitzen. Emma wird nicht allein nach Hause gehen. Annas Mutter bekommt keinen Arzttermin. Anna arbeitet halb so viel wie früher und übernimmt trotzdem immer mehr. Und selbst Mia hat mit neun schon verstanden, dass manche Dinge wahr sein können, die man besser nicht in der Schule sagt.
Vielleicht ist genau das das Verstörende: dass ein Land enger werden kann, während fast alles weiter funktioniert. Und dass man sehr lange sagen kann:
Uns geht’s doch gut.
Diese Geschichte ist zuerst über den Instagram-Account von Corinna Bader erschienen.