Man muss nicht viele Menschen sein, um etwas Großes zu bewahren. Aufkirchen am Fuße des Hesselbergs hat gerade einmal 310 Kirchengemeindeglieder. Bis zur Orgelsanierung kommen konnte, lagen allerdings 24 Jahre beharrlicher Arbeit, zahlreiche Rückschläge und eine ungewöhnliche Restaurierung hinter der Gemeinde. Was jetzt wieder erklingen soll, war zeitweise kaum mehr zu retten.

Die Geschichte der Orgel beginnt nicht in Aufkirchen, sondern in Eichstätt. 1663 wurde sie für die Kirche des Dominikanerklosters gebaut. Dabei griffen die Orgelbauer auf noch älteres Material zurück: Bedeutende Teile stammten aus einer Vorgängerorgel von 1597, die einst auf dem Lettner gestanden hatte. Als dieser Mitte des 17. Jahrhunderts abgebrochen wurde, kam das historische Pfeifenwerk auf die Giebelempore. Das repräsentative Barockgehäuse entstand – und prägt bis heute das Erscheinungsbild des Instruments.

Rund 150 Jahre später hätte die Orgel einen ganz anderen Weg nehmen können. Mit der Säkularisierung um 1805/1806 wurde das Eichstätter Kloster aufgelöst und das Instrument zum Verkauf angeboten. Dass es schließlich in Aufkirchen landete, verdankt die Gemeinde einem Metzgermeister aus dem Ort, der in Hamburg zu Wohlstand gekommen war. Für 475 Gulden erwarb er die Orgel und stiftete sie seiner Heimatkirche.

1816 wurde das Instrument auf Ochsenfuhrwerken über die Frankenhöhe nach Aufkirchen gebracht. Doch dort stand man vor einem Problem: Das Gehäuse war für die Kirche zu hoch. Die Lösung war ebenso pragmatisch wie folgenreich. Handwerker brachen kurzerhand ein Loch in die Decke. Über Jahrzehnte belastete diese Konstruktion den Dachstuhl und die Außenmauern.

1968 wurde die Decke abgeflacht und die Orgel tiefer gesetzt. Was damals als notwendiger Eingriff gedacht war, erwies sich später als schwere Hypothek für das historische Instrument. Eisenversteifungen, minderwertige Hölzer, Kunststoffe und spröde Dichtungen beeinträchtigten die Schwingungen und verursachten massive Windverluste. Am Ende sackten bei Schlussakkorden die Töne ab. Die Orgel war praktisch nicht mehr spielbar.

"Lebenswerk" von Kirchenpfleger Rainer Schülein

Dass sie trotzdem nicht aufgegeben wurde, hat vor allem mit einem Mann zu tun: dem ehrenamtlichen Kirchenpfleger Rainer Schülein. 24 Jahre lang setzte er sich für die Rettung des Instruments ein. Für Schülein ist die Orgel mehr als ein historisches Objekt. Ihre Geschichte verbindet sich für ihn mit der Geschichte seines Heimatortes. Er zieht sogar eine Linie zum Dreißigjährigen Krieg, als Glaubensflüchtlinge aus Österreich das 1642 abgebrannte Aufkirchen wieder aufbauten – als Ort des Lobpreises.

Doch der Weg zur Rettung verlief keineswegs geradlinig. Zwischen 2004 und 2010 wurde zunächst ein Konzept verfolgt, bei dem das historische Pfeifenmaterial in eine völlig neue Orgel integriert werden sollte. Für den Erlanger Orgelsachverständigen Christoph Reinhold Morath, der 2011 mit einem Neustart des Projekts beauftragt wurde, wäre das der falsche Weg gewesen.

"Die Denkmalpflege nimmt eigentlich immer eine Orgel wahr wie einen Barockschrank. Aber das Ding klingt ja eigentlich!", sagt Morath. Gerade darin lag für ihn der entscheidende Punkt: Das historische Material durfte nicht bloß bewahrt werden – es musste wieder so zum Klingen gebracht werden, wie es seiner ursprünglichen Konzeption entsprach. "Das alte Material in ein völlig neues Konzept aufzunehmen – das wäre die Katastrophe gewesen."

Morath brachte dafür seine Erfahrung aus zahlreichen internationalen Projekten ein. Er ist unter anderem Mitglied der Orgelkommission der Kathedrale von Palma de Mallorca und war an Großprojekten in Ansbach, Erlangen, der Schweiz, Italien, Prag und Barcelona beteiligt. Für Aufkirchen setzte er auf einen ungewöhnlichen Weg: Statt die Entscheidung allein am Schreibtisch zu treffen, holte er Fachleute zusammen. Bei einem europäischen Orgelsymposium untersuchten führende Orgelbauer das Instrument vor Ort.

Der Autor Timo Lechner selbst an der Barockorgel in Aufkirchen.
Der Autor Timo Lechner selbst an der Barockorgel in Aufkirchen.

"Wir müssen hervorragende Orgelbauer einladen und müssen ein Symposium machen, und die dann aufeinander loslassen – und dann kommt auch was raus", beschreibt Morath seine Methode.

Fachfirma Ahrend aus Ostrfriesland kam

Das Ergebnis: Den Auftrag erhielt die Orgelbauwerkstatt Hendrik Ahrend aus dem ostfriesischen Leer. 2018 wurde die Orgel abgebaut und in der Werkstatt restauriert. Im Sommer 2024 kehrte sie nach Aufkirchen zurück. 17 Tage lang arbeiteten die Orgelbauer vor Ort. Pfeife für Pfeife wurde auf die Akustik des Kirchenraums abgestimmt.

Dabei ging es nicht darum, die Orgel möglichst modern und universell spielbar zu machen. Im Gegenteil: Die Restauratoren wollten ihre Eigenheiten zurückgewinnen. Eine der wichtigsten ist die mitteltönige Stimmung von 1663.

Was zunächst nach einer trockenen Spezialität des historischen Orgelbaus klingt, verändert das Hörerlebnis grundlegend. Die heute übliche gleichschwebende Stimmung macht alle Tonarten problemlos spielbar, nimmt dafür aber in Kauf, dass Quinten leicht schweben und große Terzen nicht vollkommen rein sind. Die historische Mitteltönigkeit setzt andere Prioritäten: In acht zentralen Tonarten entstehen besonders reine, schwebungsfreie große Terzen. Wer dagegen in entlegenere Tonarten ausweicht, muss mit ausgesprochen rauen Intervallen rechnen – der berühmten "Wolfsquinte".

Für die Musik des Barock war das kein Fehler, sondern Teil ihrer Sprache. Komponisten vor Johann Sebastian Bach, etwa Frescobaldi oder spanische Meister, konnten solche harten Klänge bewusst einsetzen. "Wenn solche Sachen hart sind, da zuckt der Hörer zusammen", erklärt Morath. Und genau das sei der Punkt: Der Zuhörer merke, dass etwas anders ist und müsse sich fragen, was dahintersteckt.

Damit wird aus einem historischen Stimmungssystem plötzlich ein dramaturgisches Werkzeug. Ein rauer Klang kann Spannung erzeugen, Schmerz ausdrücken oder eine theologische Zuspitzung markieren.

Die Faszination des reinen Klangs

Morath geht bei der Wirkung des Instruments noch weiter. Er spricht von der "Faszination des reinen Klangs". Die Schwebungsfreiheit bestimmter Intervalle werde vom menschlichen Gehör unmittelbar wahrgenommen. In einer von Dauerbeschallung geprägten Gegenwart könne dieser reine Klang geradezu regenerierend wirken. "Der reine Klang ist einfach etwas Heilsames", sagt Morath.

Und dann ist da noch das historische Material selbst. Gut 60 Prozent der Pfeifen sind original erhalten. Einige Pfeifenreihen und die Oberwerkswindlade reichen sogar bis 1597 zurück. Rekonstruiert wurden außerdem die kurze Oktave im Bass und die Keilbälge. Zusammen mit dem vergoldeten Prospekt ergibt sich ein Instrument, das in dieser Form in Süddeutschland ausgesprochen selten ist.

Wie außergewöhnlich das Ergebnis ist, zeigt die Reaktion des mailändischen Orgelvirtuosen Professor Lorenzo Ghielmi. Er bescheinigte dem Instrument absolute Weltklasse und kündigte an, selbst ein Konzert in Aufkirchen spielen zu wollen. Morath gibt seine Reaktion begeistert wieder: "Das ist gigantisch gut geworden, es ist geradezu umwerfend!"

Für die Zuhörer dürfte vor allem die Transparenz des Klanges entscheidend sein. Die Obertöne lassen barocke Polyphonie besonders plastisch hervortreten. Und auch Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, etwa von Arvo Pärt, kann auf dem historischen Instrument eine besondere Wirkung entfalten.

Für die Organisten bedeutet die Rückkehr zum historischen Zustand allerdings auch eine Herausforderung. Nicht jedes Repertoire lässt sich auf einer mitteltönig gestimmten Orgel problemlos spielen. Die acht reinen Tonarten verlangen eine bewusste Auswahl der Stücke, die kurze Oktave im Bass eine andere Spieltechnik. Die nebenamtlichen Organisten in Aufkirchen stellen sich dieser Herausforderung dennoch mit Begeisterung. Unterstützt werden sie dabei durch spezielle ostfriesische Choralbücher.

Eine Einschränkung bleibt dabei ausgerechnet für das Zusammenspiel mit modernen Instrumenten aus: Die Orgel besitzt die Standard-Stimmtonhöhe von 440 Hertz. Damit kann sie problemlos mit Posaunenchören, Streichern und anderen Ensembles zusammenspielen.

Die Rettung des Instruments war nicht nur eine fachliche, sondern auch eine finanzielle Kraftanstrengung. 485.000 Euro kosteten die Restaurierung der Orgel und die Sanierung der Empore insgesamt. Zuschüsse des Landeskirchenamts gab es nicht. 57.000 Euro kamen über Stiftungsmarketing, hinzu kamen öffentliche Mittel und ein Darlehen über 125.000 Euro. Den größten Anteil aber trug die Bevölkerung: 230.000 Euro wurden durch private Spenden aufgebracht.

So ist die restaurierte Orgel am Ende nicht nur ein Denkmal des historischen Orgelbaus. Sie erzählt auch von einem Dorf, das sein Instrument nicht aufgeben wollte. Von einem Kirchenpfleger, der 24 Jahre lang daran festhielt. Von Fachleuten, die einen anderen Weg einschlugen. Und von vielen Menschen, die mit ihren Spenden dafür sorgten, dass aus einem fast verstummten Instrument wieder ein klingendes Stück Geschichte werden konnte.

Am 4. Oktober wird Landesbischof Christian Kopp die Orgel wiedereinweihen. Danach soll sie nicht nur im Gottesdienst erklingen. Orgelführungen, Fachsymposien und Konzertreihen sind geplant. Aufkirchen bekommt damit etwas zurück, das fast verloren gegangen war: seine Stimme – und ein Klangdenkmal, das weit über den kleinen Ort am Hesselberg hinaus Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürfte.

Rainer Schülein im Inneren der Orgel.
Rainer Schülein im Inneren der Orgel.