Das Härteste sei anfangs gewesen, die Großmutter nackt zu sehen. "Auch für meine Oma war das schlimm", erzählt Martin Frank. Fünf Jahre lang pflegte der niederbayerische Kabarettist seine Großmutter sowie deren Schwester. Die Großmutter war nach einem Schlaganfall pflegebedürftig geworden, die Großtante dement. Auch wenn die fünf Jahre nicht leicht waren, sagt er heute: "Das war für mich eine Charakterschule."
Der heute 34-Jährige wurde mit 19 ein sogenannter Young Carer. Von denen gibt es weit mehr, als man denken könnte. Jüngst schätzte eine Studie aus dem April 2026 den Anteil von pflegenden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 10 und 22 Jahren auf gut sechs Prozent. Im Schnitt sitzen also in jeder Schulklasse zwei Young Carer. Überwiegend pflegten sie ihre eigenen Eltern.
Regelmäßige Auszeiten wichtig
Martin Frank wuchs auf einem Bauernhof auf. Seiner Familie deutete ihn aus, als es 2011 um die Frage ging, wer Oma nach dem Schlaganfall pflegen sollte. Alle anderen waren zu sehr in die Hofarbeit eingebunden. Der 19-Jährige kümmerte sich neben der Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten um seine Großmutter. Seine Ausbildungsstätte befand sich in der Nähe des Bauernhofs: "Ich konnte meine Oma zwischendurch auf Toilette bringen."
An diese intimen Pflegesituationen, erzählt Martin Frank, habe er sich rasch gewöhnt. Es musste eben sein. Wie belastend die Pflege psychisch war, merkte er erst Jahre später: "Ich bekam Neurodermitis." Die führte er zunächst auf die Desinfektionsmittel zurück. Nach vier Jahren starb die Großmutter, ein Jahr darauf die Großtante, der junge Mann kam nicht mehr mit Desinfektionsmitteln in Berührung, doch die Haut juckte weiter.
Auf der Schauspielschule begann er, sich intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und kam dahinter, dass die Neurodermitis ein Zeichen dafür war, wie stark ihn die Pflegesituation belastet hatte. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen rät der Kabarettist Young Carern, sich regelmäßig eine Auszeit zu gönnen: "Geschieht dies nicht, können auch junge Pflegende in einen Burnout schlittern."
Normale Hilfe oder Belastung?
Eva Schiffner aus dem unterfränkischen Hammelburg begann mit 13, sich um ihre neurologisch erkrankte Mutter zu kümmern. Später wurde auch ihr Vater schwer krank. Bis zu dessen Tod 2024 war die heute 27-Jährige für beide Eltern da. Manche Tage seien überbordend anstrengend gewesen, erzählt die Promovendin an der Uni Würzburg.
Um anderen Betroffenen zu helfen, engagiert sich die junge Frau seit Jahresbeginn für die Stiftung "An deiner Seite". Schiffner leistet für sie Aufklärungsarbeit und bietet anderen Young Carern an, sich durchschnittlich einmal im Monat mit ihr virtuell auszutauschen. Acht Young Carer nehmen an den Online-Meetings teil.
Die Pflegewirtin Sabine Wenzel-Geier vom Pflegestützpunkt im unterfränkischen Rhön-Grabfeld erklärt, es sei wichtig, zwischen normalen familiären Hilfeleistungen und belastendem Engagement zu unterscheiden. Werde ein Kind aufgefordert, hin und wieder mal mit der demenzkranken Oma Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, sei dies ein normaler sozialer Akt. Etwas anderes sei wes, wenn die pflegerische Verantwortung eines Jugendlichen so weit gehe, Papas Windeln zu wechseln und ihn im Intimbereich zu waschen.