Rund 3,8 Millionen Menschen waren in der ersten Wiesnwoche auf dem Oktoberfest. Polizei und Stadt ziehen eine insgesamt positive Bilanz. Das Sicherheitskonzept habe sich bewährt, die Stimmung sei überwiegend friedlich. Doch eine andere Bilanz erzählt von Situationen, die in der großen Gesamtstatistik kaum sichtbar werden: 185 Mädchen und Frauen suchten in der ersten Woche Hilfe beim Safe Space der Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*". 2025 waren es zum gleichen Zeitpunkt 197 Fälle. 

Die Gesamtzahl ist damit leicht gesunken. Gleichzeitig gibt es eine Entwicklung, die die Organisatorinnen mit Sorge beobachten: 19 Frauen und Mädchen suchten Hilfe, nachdem sie körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt hatten. Im Vorjahr waren es zwölf. In elf Fällen ging es um körperliche beziehungsweise Partnerschaftsgewalt, in acht um sexualisierte Gewalt. 

Eine Wiesn mit Millionen Besucher:innen kann insgesamt friedlich verlaufen und gleichzeitig können einzelne Menschen dort Gewalt erleben. Beides widerspricht sich nicht. Genau deshalb lohnt sich der Blick hinter die Gesamtbilanz. Denn "friedlich" sagt wenig darüber aus, wie sicher sich einzelne Besucher:innen fühlen oder was sie auf dem Fest tatsächlich erleben. 

Dabei ging es im Safe Space längst nicht nur um Gewalt. In 49 Fällen hatten Besucherinnen ihre Freund:innen, Partner:innen oder Angehörigen verloren. 32 Frauen brauchten Unterstützung für einen sicheren Heimweg z.B. weil sie sich allein nicht sicher fühlten oder nicht mehr orientiert waren. Auch psychische Krisen spielten eine Rolle. 13 Mal war eine solche Krise Anlass für einen Beratungskontakt. Hinzu kamen unter anderem der Verdacht auf K.-o.-Tropfen, Alkoholmissbrauch oder ganz praktische Nothilfe wie die Ausleihe von Kleidung. Insgesamt leistete das Team in den 185 Fällen 445 konkrete Hilfeleistungen. 

Sichere Wiesn: Empfehlungen für Frauen

Gerade beim Thema Heimweg stellt sich eine gesellschaftliche Frage: Was können Besucherinnen selbst tun und wo beginnt die Verantwortung der anderen? 

Natürlich können praktische Vorkehrungen helfen. Die "Sichere Wiesn" empfiehlt unter anderem, wichtige Telefonnummern und die Hoteladresse zusätzlich aufzuschreiben und vorab einen Treffpunkt zu vereinbaren. Doch solche Hinweise dürfen nicht zu einer Botschaft werden, nach der Frauen selbst dafür verantwortlich sind, Übergriffe zu verhindern. Die "Sichere Wiesn" formuliert es deshalb deutlich: "Sicherheit ist ein Recht – kein Privileg." 

Das gilt auch für ein Volksfest. Das Oktoberfest verfügt über ein umfangreiches Sicherheitskonzept. Polizei, Rettungsdienste und weitere Einsatzkräfte sind auf dem Gelände präsent. Gleichzeitig braucht Sicherheit auch etwas, das sich nicht technisch planen lässt: Zivilcourage. Schon im vergangenen Jahr berichtete die Münchner Polizei von zahlreichen Fällen, in denen Unbeteiligte die Polizei verständigten oder sich als Zeug:innen für Strafanzeigen zur Verfügung stellten. Eine konkrete Zahl dazu nennt die Polizei allerdings nicht. 
 
Auch deshalb gibt es auf der Wiesn Projekte, die Zivilcourage fördern sollen. Das von Condrobs initiierte WiesnGentleman-Projekt will Besucher dafür sensibilisieren, hinzuschauen und einzugreifen, wenn jemand bedrängt, belästigt oder in einer schwierigen Situation ist. 2025 kam das Team nach eigenen Angaben auf 440 Interventionen und unterstützte dabei 279 Menschen direkt. 

Das Projekt macht damit etwas sichtbar, das in der klassischen Wiesn-Bilanz kaum auftaucht: Sicherheit entsteht nicht nur durch Polizei und Sicherheitsdienste, sondern auch dadurch, dass Besucher Verantwortung füreinander übernehmen. 

Sichere Wiesn: Hilfe auf der Wiesn

Der Safe Space der Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" befindet sich im Servicezentrum auf der Theresienwiese hinter dem Schottenhamelzelt, Eingang "Erste Hilfe". Das Angebot ist kostenlos und an allen Wiesntagen geöffnet. 

Dort bekommen Mädchen und Frauen Hilfe in Not- und Krisensituationen – unabhängig davon, ob sie Gewalt erlebt haben, ihre eigene Gruppe verloren haben oder Unterstützung für einen sicheren Heimweg brauchen. Außerdem gibt auch die App "SafeNow" mehr Sicherheit beim Feiern auf der Wiesn.