Der Premierenabend bietet mehr als eine reine Dichterlesung: Röhlin liest ausgewählte Abschnitte, während die Illustrationen von Jan Reiser auf eine Leinwand projiziert werden, sodass Bild und fränkischer Sprachklang unmittelbar zusammenwirken. Im Anschluss folgt ein Podiumsgespräch mit Autor Karl-Heinz Röhlin, Illustrator Jan Reiser und Verleger Herbert Wittel vom Regensburger Verlag "bunte hunde" (munda), bei dem Entstehung, Motivation und das Zusammenspiel von Bild und Wort beleuchtet werden.
Vom Vortrag zur Übersetzung: Wie der Brandner nach Franken kam
Karl-Heinz Röhlin, geboren 1951, ist im fränkischen Raum kein Unbekannter: Als ehemaliger Regionalbischof für den Kirchenkreis Ansbach-Würzburg und früherer Leiter des Pastoralkollegs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern prägte er lange das kirchliche Leben der Region und machte sich zugleich als Buchautor einen Namen. Die Geschichte des Brandner Kasper begleitete ihn schon lange, etwa durch Verfilmungen und Freilichtbühnen wie die Kreuzgangspiele Feuchtwangen oder das Bergwaldtheater Weißenburg.
Den Anstoß zur eigenen Übersetzung gab ein Zufall: Bei der Vorbereitung eines Vortrags zum Thema "Humor als Lebenshilfe" stieß Röhlin auf ein Buch von Axel Hacke über Heiterkeit in schwierigen Zeiten, das dem Brandner Kasper zehn Seiten widmet. "Daraufhin habe ich mir den Text noch einmal besorgt und war neu begeistert", erinnert sich Röhlin. So reifte die Idee, den Stoff in fränkische Mundart zu übertragen.
Als ein Zeitungsbericht über Röhlins Vortrag erschien, meldete sich der Regensburger Verlag und fragte an, ob er die Erzählung ins Fränkische übertragen wolle – Röhlin sagte begeistert zu. Als Textgrundlage diente ihm der rund zehnseitige Urtext von Franz von Kobell, der 1871 in den "Fliegenden Blättern" erschien; illustriert wurde die Übertragung mit den 2006 entstandenen Zeichnungen von Jan Reiser. Kobell, ein renommierter Mineralogieprofessor und leidenschaftlicher Jäger, hatte mit seiner oberbayerischen Erzählung eine der bekanntesten Figuren der regionalen Literatur geschaffen: lebensnah, eigensinnig und von unerschütterlichem Humor. In Röhlins Fassung gewinnt dieser Stoff nun einen fränkischen Eigenklang.
Die sprachliche Nuancierung: Vom "Boandlkramer" zum "Gnochnnmoo"
Eine Übertragung aus dem Oberbayerischen ins Fränkische verlangt mehr als das wörtliche Austauschen von Begriffen – gefragt ist die passende dialektale Klangfarbe. Am schwersten fiel Röhlin die Suche nach dem richtigen Wort für den Tod: "Am schwierigsten oder geknobelt habe ich am längsten beim Boandlkramer. Im bayerischen Text ist das der Boandlkramer – Boandl sind die Knochen, Kramer ist der Händler. Aber im Fränkischen ist ‚Knochenhändler‘ einfach nicht stimmig, das sagt man so nicht." Auch ‚Sensenmann‘ schied aus, da Jan Reisers Zeichnungen die Figur ohne Sense zeigen – als mageren, klapprigen Gesellen mit glasigen Augen. "In Abstimmung mit dem Verleger bin ich dann auf den ‚Gnochnmoo‘ gekommen", erklärt Röhlin.
Auch andere Begriffe mussten den fränkischen Ton treffen: Aus dem oberbayerischen Lockinstrument "Rehfieber" wurde das "Pfeiferle". Besondere Aufmerksamkeit schenkte Röhlin der Figur des Heiligen Petrus, der im Text als "Bordner" (steht für "Pförtner") erscheint. Röhlin vergleicht ihn mit einem Werksportier: "Der Pförtner saß früher in der Fabrik im Pförtnerhäuschen, hat den Schlüssel und bestimmt, wer rein darf und wer nicht. An dem muss man vorbei." Im Stück führt dieser Himmels-Pförtner zudem eine genaue Liste darüber, wer wann im Paradies "anzutanzen" hat.
Bei der Übertragung stellte sich die Frage, ob auch die Geografie angepasst werden sollte – etwa indem man das Geschehen vom Tegernsee an fränkische Seen verlegt. Röhlin und sein Verleger diskutierten dies, entschieden sich aber bewusst dagegen.
Der Grund liegt in der historischen Verwurzelung: Der Plot ist eng mit dem Tiroler Freiheitskampf verwoben, jener Epoche, in der Bayern an der Seite Napoleons gegen Tirol kämpfte und in der Brandner Kasper seine beiden Söhne verlor. Eine Verlegung nach Franken hätte dieses Fundament zerstört. Zudem zeigt die Rezeptionsgeschichte, dass die Erzählung unabhängig vom Ort wirkt – ob in München, Stuttgart, Hamburg oder Leipzig. "Das liegt daran, dass im Brandner Kasper universelle menschliche Grundfragen angesprochen werden", betont Röhlin. "Das Thema Leid, Krieg, Trauer, Tod und Zuversicht – das sind existenzielle Fragen der menschlichen Existenz, die jeden Menschen berühren."
Mehr als eine heitere Gaunerei: Die theologische Tiefe des Stoffes
In der populären Wahrnehmung wird der Brandner Kasper oft darauf reduziert, wie ein cleverer Almbauer dem Tod ein Schnippchen schlägt: Er macht den Gnochnmoo mit Kirschgeist betrunken, betrügt ihn beim Kartenspiel und ergaunert sich weitere Lebensjahre. Für den Theologen Röhlin greift dieses Bild jedoch zu kurz.
"Diese Schlitzohrigkeit ist sozusagen nur das Vorletzte", führt Röhlin aus. Im Kern berühre das Volksschauspiel tiefste religiöse und menschliche Lebensthemen: Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der trotz des Todes seiner Frau und seiner Söhne seine Lebensfreude bewahrt und dem Leben wie dem Tod mit Witz, List und Gelassenheit begegnet. Darin liegt seine zeitlose Kraft – er lädt dazu ein, eigene Quellen von Lebensmut zu entdecken und Humor als Ressource im Umgang mit der Endlichkeit zu begreifen.
Die eigentliche Wende vollzieht sich im Blick auf das Jenseits: Als der Brandner durch das Himmelstor "ins Paradies naischauen" darf, erfährt er eine radikale Horizonterweiterung – er sieht dort seine geliebte Frau und seine gefallenen Söhne in einer Herrlichkeit wieder, die alle menschlichen Vorstellungen übersteigt. "Das hat er nicht erwartet und vorher vielleicht auch gar nicht so geglaubt", erläutert Röhlin. Der vermeintliche Gauner erfährt so eine tiefe Versöhnung mit dem Sterben. Theologisch berührt die Erzählung damit ein religiöses Urmotiv: die Sehnsucht nach dem Paradies, die sich von der Schöpfungserzählung über die biblische Eschatologie bis zu Islam und Hinduismus zieht. Der Brandner Kasper verwebt diese religiöse Hoffnung mit volkstümlicher Sprache und unnachahmlichem Humor.
Auf Bildungsreise: Das Buchprojekt in der Erwachsenenbildung
Nach der Auftaktveranstaltung am 2. Oktober in Neuendettelsau bleibt es nicht bei klassischen Autorenlesungen: Das Buchprojekt wird Teil einer Reihe von Veranstaltungen der kirchlichen Erwachsenenbildung. Passend zum Ende des Kirchenjahres im Oktober und November, wenn Vergänglichkeit, Volkstrauer, Tod und Ewigkeit im Fokus stehen, geht Röhlin gemeinsam mit seiner Frau Ruth auf Lesereise: Er trägt den fränkischen Text vor, während sie das Programm am Klavier musikalisch begleitet. Im Anschluss stehen der Austausch mit dem Publikum sowie Fragen der Trauerbewältigung, des Umgangs mit Schicksalsschlägen und der Entdeckung eigener Quellen des Lebensmutes im Mittelpunkt.
Das Ehepaar Röhlin gastiert im Herbst an folgenden Orten: am Mittwoch, 14. Oktober, um 19 Uhr beim Evangelischen Bildungswerk im Beringerhaus in Ansbach; am Dienstag, 27. Oktober, um 15 Uhr bei der Erwachsenenbildung in Neuendettelsau; am Freitag, 30. Oktober, um 19 Uhr bei einer Bildungsveranstaltung in Kornburg; am Donnerstag, 12. November, um 19 Uhr im Mesnerhaus in Feucht; am Dienstag, 17. November, um 17.30 Uhr im Bildungshaus Eckstein in Nürnberg; sowie am Freitag, 20. November, im Evangelischen Gemeindehaus am Kirchplatz in Roth.