Seit einem Jahrhundert bringt der Weltgebetstag Frauen auf der ganzen Welt zusammen – im Gebet, im Einsatz für Gerechtigkeit und in ökumenischer Verbundenheit. 2027 feiert die Bewegung ihr 100-jähriges Bestehen. 

Für Eva Glungler, Referentin der Wirkstatt evangelisch und zuständig für den Weltgebetstag in Bayern, ist das Jubiläum weit mehr als ein Blick zurück. Im Interview mit sonntags spricht sie über die Bedeutung des Jubiläums, die Planungen für das Festjahr, den Einsatz für Frauenrechte und die Frage, wie der Weltgebetstag auch künftig Menschen begeistern will.

"Generationen von Frauen haben den Weltgebetstag getragen"

Frau Glungler, was bedeutet Ihnen das 100-jährige Bestehen des Weltgebetstags?

Eva Glungler: 100 Jahre Weltgebetstag bedeuten für mich vor allem 100 Jahre engagierte Frauen, die Verantwortung übernommen haben – oft ehrenamtlich, mit großer Kreativität, Ausdauer und Herzblut. Generationen von Frauen haben den Weltgebetstag getragen, vorbereitet, Menschen zusammengebracht und sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Würde aller Menschen eingesetzt. Darauf können wir mit großer Dankbarkeit zurückblicken.

Gleichzeitig ist das Jubiläum kein Anlass, sich zurückzulehnen. Wir erleben weltweit, dass demokratische Räume kleiner werden, Frauen- und Menschenrechte unter Druck geraten und antifeministische Bewegungen an Einfluss gewinnen. Gerade deshalb bleibt der Weltgebetstag aktuell: Er schafft Räume, in denen Menschen willkommen sind, einander zuhören, Unterschiede aushalten und sich gegenseitig ermutigen. Gebet und Handeln gehören bei uns zusammen – das macht unsere starke ökumenische Gemeinschaft aus.

Wie soll das Jubiläumsjahr gefeiert werden?

Ab Herbst bieten wir als Wirkstatt evangelisch ein umfangreiches Fortbildungsprogramm für haupt- und ehrenamtliche Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an. Außerdem ermutigen wir Gemeinden, Dekanate und Regionen, sich auf die Spuren des Weltgebetstags vor Ort zu begeben und das Jubiläum mit eigenen Veranstaltungen, Konzerten, Aktionen und kreativen Ideen zu gestalten. Unser Wunsch ist, dass 2027 zu einem echten Feier- und Festjahr wird.

"Bereichernd, Teil dieser weltweiten Gemeinschaft zu sein"

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?

Ich freue mich darauf, auf vielfältige Weise das zu feiern, was Hoffnung macht: im Gottesdienst, in der Musik, beim gemeinsamen Essen und in vielen Begegnungen. Gerade dort spüre ich immer wieder, wie bereichernd es ist, Teil dieser weltweiten Gemeinschaft zu sein.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Weltgebetstag in den kommenden Jahren?

Wir möchten auch künftig Menschen für diese weltweite Bewegung begeistern und zeigen, dass hier Menschen unterschiedlicher Generationen, Konfessionen und Kulturen willkommen sind. Jede und jeder kann anknüpfen – sei es über Musik, das Interesse an anderen Ländern und Kulturen, Theologie, ökumenische Zusammenarbeit, internationale Begegnungen oder den Einsatz für Frauen- und Mädchenrechte.

Niemand braucht besondere Vorkenntnisse. Man kann einfach kommen, zuhören, mitsingen oder mitdiskutieren. Vor Ort entsteht daraus oft weit mehr als einzelne Gottesdienste. Es wachsen Netzwerke, Freundschaften und ökumenische Zusammenarbeit. Viele bleiben über Jahre gemeinsam an Themen dran und entwickeln daraus neue Ideen für ihre Gemeinden oder Regionen.

Die Spendenbereitschaft vieler Organisationen geht zurück. Wie geht der Weltgebetstag mit dieser Entwicklung um?

Der Weltgebetstag ist eine internationale Bewegung mit deutschlandweiten Strukturen. Im Deutschen Komitee überlegen wir gemeinsam, wie wir Menschen weiterhin für unsere weltweite Solidaritätsarbeit begeistern können. Unsere Erfahrung ist: Wer den Weltgebetstag kennt und sieht, welche Projekte weltweit durch die Kollekten unterstützt werden, fördert diese Arbeit oft sehr gerne.

"Ich nehme eine große Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung wahr"

Wie erleben Sie die Solidarität von Frauen heute – auch im digitalen Raum?

Ich nehme eine große Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung wahr. Gleichzeitig wird Solidarität heute herausgefordert – durch gesellschaftliche Polarisierung, Hass im Netz und antifeministische Kampagnen, die gezielt versuchen, Frauen gegeneinander auszuspielen oder Stimmen einzuschüchtern.

Der digitale Raum bietet enorme Chancen. Frauen können sich nicht nur vor Ort, sondern deutschland- und weltweit vernetzen, Wissen teilen und sich gegenseitig stärken. Gleichzeitig erleben insbesondere Frauen, die sich öffentlich engagieren oder für Gleichberechtigung eintreten, überdurchschnittlich häufig digitale Gewalt und Anfeindungen.

Deshalb ist Solidarität heute vielleicht wichtiger denn je. Sie bedeutet, Unterschiede anzuerkennen, marginalisierte Stimmen bewusst einzubeziehen und gemeinsam für eine Gesellschaft einzutreten, in der alle Menschen frei und ohne Angst leben und ihre Meinung äußern können. Der Weltgebetstag versteht sich seit 100 Jahren als Teil einer solchen solidarischen Bewegung – über Ländergrenzen, Konfessionen und kulturelle Unterschiede hinweg.