Wenn am 5. März 2027 weltweit Frauen in Kirchen, Gemeindehäusern und Wohnzimmern zusammenkommen, feiern sie ein besonderes Jubiläum: Der Weltgebetstag wird 100 Jahre alt. Was 1927 als gemeinsames ökumenisches Gebet von Frauen aus den USA und Kanada begann, hat sich zu einer der größten christlichen Basisbewegungen der Welt entwickelt. Heute reichen sich am ersten Freitag im März Frauen in mehr als 150 Ländern symbolisch die Hände und beten für Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität. Allein in Deutschland beteiligen sich Jahr für Jahr rund 800.000 Menschen.

Geschichte des Weltgebetstags

Die Geschichte des Weltgebetstags ist zugleich eine Geschichte gelebter Ökumene. Schon früh schlossen sich Frauen aus China, Indien, Polen oder Syrien der Idee eines weltweiten Gebets an. Die Anliegen waren stets aktuell: Frieden, gesellschaftliche Teilhabe und die Lebenswirklichkeit von Frauen. 

Bis heute wird die Gottesdienstordnung für den zentralen Gottesdienst jedes Jahr von Frauen aus einem der Partnerländer vorbereitet. Dabei fließen kulturelle Traditionen, Glaubenserfahrungen und politische Herausforderungen in die Liturgie ein. Themen wie Kolonialismus, Krieg, Armut, Umweltzerstörung oder die Rechte von Frauen finden so ihren Weg in die Aufmerksamkeit einer weltweiten Öffentlichkeit.

Wegen des hundertjährigen Jubiläums wurde die Liturgie für 2027 vom Internationalen Komitee verfasst. Anders als gewohnt liegt der Schwerpunkt daher nicht auf einem bestimmten Land, sondern auf der Weltgebetstags-Bewegung. Im Fokus stehen das Lied der Hanna (1 Sam 2,1-10) und das Magnificat (Lk 1,39-55).

Gründerin des Mütterdienstes: Antonie Nopitsch 

Ein wichtiger Teil der Weltgebetstags-Geschichte wurde in Franken geschrieben. 2026 erinnert ein besonderes Jubiläum an eine Frau, ohne die der Weltgebetstag in Deutschland vermutlich nicht dieselbe Bedeutung erlangt hätte: Antonie Nopitsch, Gründerin des Bayerischen Mütterdienstes mit Sitz in Stein bei Nürnberg, wäre am 3. August 2026 125 Jahre alt geworden.

Die Sozialpädagogin Nopitsch erkannte früh die Kraft der internationalen Gebetsbewegung. 1949 verschickte sie von Stein aus erstmals die Gottesdienstordnung des Weltgebetstags deutschlandweit. Mit ihrem Massenversand schuf sie die Grundlage dafür, dass sich Gemeinden im ganzen Land beteiligen konnten. In den schweren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war dies weit mehr als eine organisatorische Leistung. Die Beteiligung deutscher Frauen am Weltgebetstag wurde zu einem Zeichen der Versöhnung und der Wiederannäherung an die internationale Gemeinschaft.

Weltgebetstag in Deutschland

Der Weltgebetstag ist vor allem auch eine Geschichte einer breiten ökumenischen Frauenbewegung, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt. Bereits 1947 hatten britische, amerikanische und deutsche Frauen im zerstörten Berlin gemeinsam den ersten ökumenischen Weltgebetstag in Deutschland gefeiert. Ein Jahr später kamen russische und französische Frauen hinzu. In einer Zeit tiefer politischer und gesellschaftlicher Gräben setzte die Bewegung damit ein starkes Friedenssignal.

Lange Zeit war der Weltgebetstag eher eine protestantische Bewegung. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) kamen viele katholische Frauen hinzu. Heute ist der Weltgebetstag eine starke ökumenische Bewegung, die von der Basis getragen wird. 

Hundert Jahre nach ihrer Gründung versteht sich die Bewegung noch immer als Stimme für Frauen weltweit. Angesichts wachsender Einschränkungen von Frauenrechten, politischer Repressionen und sinkender Fördermittel für zivilgesellschaftliche Initiativen ist der Weltgebetstag eine wichtige Plattform, um Projekte für Frauen und Mädchen rund um den Globus zu unterstützen. 

Jubiläum wird 2027 gefeiert

Im Jubiläumsjahr fördert das deutsche Komitee nach eigenen Angaben rund 100 Projekte. Beispiele reichen von Gesundheitsangeboten für Frauen in Nepal über Frauenrechtsarbeit in Burkina Faso bis zur Unterstützung indigener Frauen in Argentinien. Diese Projekte können nur finanziert werden, wenn die Spenden der Teilnehmerinnen auch künftig weiter fließen.

Gefeiert wird das Jubiläum auch in Deutschland: Die zentrale Festveranstaltung findet am 11. September 2027 im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg statt. Zudem wird der Weltgebetstag mit einer Sonderbriefmarke gewürdigt, die voraussichtlich am 1. März 2027 erscheint. Das Motiv steht noch nicht fest.

Hundert Jahre Weltgebetstag sind damit nicht nur Anlass für einen Blick zurück. Die Bewegung versteht ihr Jubiläum ausdrücklich als Auftrag für die Zukunft: Frauen weltweit zu vernetzen, für Frieden einzutreten und den Blick auf die Lebenswirklichkeit anderer zu richten. Oder, wie es das Jubiläumsmotto formuliert: "Für Gerechtigkeit und Frieden – 100 Jahre Weltgebetstag.

Kunstwerk von Shams Saad

Das Jubiläum inspirierte die libanesischen Künstlerin Shams Saad zum Titelbild "River of Prayer" (Der Strom des Gebets). Das Bild zeigt Frauen aus aller Welt, die jeweils unterschiedliche Kulturen und Regionen repräsentieren, vereint im Gebet. 

Saad erläutert: "Im Zentrum des Bildes fließt ein Fluss, der den Heiligen Geist, den Frieden und die fortwährende Gegenwart Gottes symbolisiert. Der Fluss umgibt die Frauen sanft und verbindet sie zu einem Körper und einem Geist. Ihre Haltung ist erhoben im Gebet und ihre Gesichter spiegeln Glauben, Hoffnung und Widerstandsfähigkeit wider."