La Victoria, zwei Tage vor Sylvester, kurz nach 20 Uhr: Hochsommerabend in einem chilenischen Armenviertel mit vielen Menschen auf der Straße. Ein junger Musiker hat die Idee, zu einem Song für sein Social-Media-Portal ein Video zu produzieren. Dafür spricht er drei Mädchen auf der Straße an und lädt sie ein, spontan zu seiner Musik zu tanzen. 

Viele Passantinnen und Passanten bleiben stehen und schauen zu. Niemand achtet auf den Pickup, der auf die Gruppe zufährt. Plötzlich – ohne jede Warnung – beginnen Männer aus dem Fahrzeug heraus mit Schnellfeuerwaffen auf zwei kolumbianische Jugendliche zu schießen. Die Beiden sind sofort tot. Acht Personen werden durch die Schüsse verletzt, darunter die 13jährige Mayra Castillo, eines der drei tanzenden Mädchen. Alle Versuche, ihr Leben zu retten, bleiben vergeblich. Noch in der Nacht erliegt sie ihren Verletzungen.

Chile: Hilfe für Kinder und Jugendliche


Nicht nur für ihre Familie, sondern auch für die Kinder und Jugendlichen aus dem Zentrum Nuestra Señora de la Victoria und alle Nachbarn ist der Tod von Mayra ein Schock, der bis heute nachwirkt. Die sensible, vor Energie sprühende 13jährige verbrachte seit dem Kindergarten jede freie Minute in diesem kirchlichen Projekt im Südwesten von Santiago. Valentina Campos, Direktorin des Kinder- und Jugendzentrums, und ihre Kollegin Rosani Lagos - im Team verantwortlich für Stadtteilarbeit - erfahren noch in der Nacht von dem Blutbad. 

Sie wissen sofort, was jetzt auf dem Spiel steht. Zunächst begleiten sie Mayras Familie während der bangen Stunden im Hospital, anschließend in die Gerichtsmedizin und dann bei der Beisetzung ihrer Tochter. Die Zeremonie auf dem Friedhof gerät zu einem Aufbäumen und Protest der Menschen aus La Victoria gegen die Gewalt im Viertel und die immer brutaler ausgetragenen Revierkämpfe rivalisierender Drogengangs.

Mayras Eltern bitten inständig darum, dass es bei der Beerdigung ihres Kindes trotz der aufgeheizten Stimmung zu keinen Ausschreitungen kommt. Denn bereits unmittelbar nach den tödlichen Schüssen hatten Carabineros, Chiles uniformierte Polizei, mit Tränengas und Wasserwerfern aufgebrachte Nachbarn angegriffen. Die protestierten spontan gegen die fehlende Sicherheit im Viertel und warfen der Polizei vor, vor den schwer bewaffneten Narko-Kriminellen kapituliert zu haben oder - noch fataler - gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. 

Deshalb gerät die Beisetzung von Mayra zu einem Hochrisikoevent mit Polizei-Spezialeinheiten, was jedoch eine Gruppe junger Männer aus einer der La Victoria-Gangs nicht daran hindert, mit viel Macho-Gehabe ostentativ Präsenz zu zeigen.

Nachbarschaft und Selbstorganisation in Chile

Mit wachsender Beklemmung beobachten Valentina Campos, Rosani Lagos und ihre Kolleginnen und Kollegen den Transformations-Prozess der legendär rebellischen Población La Victoria, die seit ihrer Entstehung aus einer Landbesetzung 1957 für Selbstorganisation und Nachbarschafts-Solidarität und während der Pinochet-Jahre für den mutigen Widerstand gegen das Regime bekannt ist. 

Für internationale Aufmerksamkeit sorgte vor allem der Tod des aus Frankreich stammenden Pfarrers von La Victoria, André Jarlan, der im September 1984, während eines Protests gegen das Militär-Regime, von chilenischen Polizisten erschossen wurde. Etwas mehr als vier Jahrzehnte später sagt Rosani Lagos über die aktuelle Entwicklung im Stadtteil: 

"Es ist, als ob wir ungebremst in einer Achterbahn sitzen würden, in der die Kurven immer enger und die Abstürze immer steiler werden."  

Dieses Gefühl des Verlusts von Sicherheit und Ohnmacht angesichts der schleichenden Übernahme der Kontrolle über das vertraute Viertel durch kriminelle Gangs, die durch den Drogenverkauf und andere schwere Straftaten über sehr viel Geld verfügen, ist auch für andere in sozialen Brennpunktvierteln der 6,5 Millionen-Menschen-Metropole Santiago engagierte kirchliche Initiativen zu einer der größten Herausforderung geworden. 

Verlust von Sicherheit und Gefühl der Ohnmacht

Die Ursachen für die massive Zunahme von Gewalt sind hochkomplex und vielschichtig: "Eine verhängnisvolle Rolle spielte sicher Corona mit dem monatelangen Eingeschlossen-Sein", ist José Horacio Wood, Direktor des Kindernothilfe-Österreich-Partners Fundación ANIDE, überzeugt: "Kinder und Jugendliche hatten fast zwei Jahre lang keine Möglichkeit, mit Gleichaltrigen außerhalb ihrer Familien zusammen zu sein. 

Sie erlebten den ständigen Stress zuhause und in der Nachbarschaft – aber auch den brutalen Kampf um das tägliche Über-die-Runden-Kommen." Covid führte dazu, dass Nachbarn öffentliche Räume ab März 2020 nicht mehr gemeinsam nutzen konnten. Dafür übernahmen Gangs fast überall in den dichtbesiedelten Armenvierteln der großen chilenischen Städte die Kontrolle über Straßen und Plätze – und gaben sie seither nicht wieder aus der Hand.

Pandemie sorgte für Anstieg von Drogenkonsum

Während der Pandemie stieg der Konsum von Drogen besorgniserregend an, mit immer dichteren Kuriernetzwerken und ausgefeilten Techniken der Haus-zu-Haus-Belieferung nach Online-Bestellung. "Und natürlich wird um diese Märkte und das viele Geld, das hier verdient wird, mit allen Mitteln gekämpft", so José Horacio Wood. Dass sich internationale kriminelle Kartelle wie das berüchtigte Tren de Aragua-Syndikat aus Venezuela festgesetzt haben und mit lokalen Gangs teils konkurrieren teils kooperieren, hat zu einer Brutalisierung der Kämpfe um Territorien, Märkte und Macht beigetragen - und zu einer immer massiveren Bewaffnung dieser Banden. Die Liquidierung der beiden Jugendlichen aus Kolumbien, die auch Mayras Leben kostete, war Teil eines solchen Machtkampfes.

In La Victoria und den Nachbarvierteln sind es vor allem zwei Gangs, Guatón Cristian und Los Joselos, die als eine Art Franchise-Unternehmen des Tren de Aragua-Syndikats mit einem neuen Geschäftszweig und Produkt die Lage eskalieren:

"Wir beobachten mit wachsender Verzweiflung", erklärt Rosani Lagos, "wie mit La Cera, einer neuen Billigdroge, das Einstiegsalter in den harten Drogenkonsum immer weiter absinkt und die Folgen für Kinder und Jugendliche immer verheerender werden!" 

 

La Cera ist die neue Billigdroge in Chile

La Cera - auf deutsch: Wachs - hat nichts mit Kerzenromantik zu tun, sondern ist ein Abfallprodukt der berüchtigten Pasta Base, einem Grundstoff für die Kokainherstellung: "Dieses Teufelszeug kostet pro Dosis nur 500 Pesos (0,48 Euro), die Wirkung hält 40 Sekunden an und spätestens beim dritten Mal kommst du davon nicht mehr los", schildert die Sozialarbeiterin ihre Gespräche mit 13- und 14Jährigen, die von La Cera abhängig sind: 

"Wir haben so etwas in all den Jahren noch nie gesehen: Innerhalb weniger Wochen magern die Kids bis auf die Knochen ab, können sich kaum aus eigener Kraft auf den Beinen halten und entwickeln eine unglaubliche Aggressivität, um Geld für Nachschub zu beschaffen." 

Für das Team dieses 1970 von Engagierten aus der gleichnamigen christlichen Basisgemeinde Nuestra Señora de la Victoria gegründeten und von Kindernothilfe Österreich unterstützten Kinder- und Jugend-Zentrums ist das Geschäft mit La Cera, so Rosani Lagos: "Die chilenische Fentanyl-Epedemie für Arme!".

Familien sind zerrüttet

Aber es sind nicht nur Jugendliche, die in die Fänge der Wachs-Händler geraten, sondern "immer öfter auch junge Frauen, viele von ihnen Mütter, mit katastrophalen Folgen für die Kinder", ergänzt Alicia Meneses, eine der Vorschulerzieherinnen aus dem Team: "Wenn am Nachmittag schon die Allerkleinsten nicht mehr aus der Kinderkrippe abgeholt werden, wissen wir, was sich in den Familien für Dramen abspielen." Noch funktionieren Notfallnetze, springen Großmütter oder Nachbarinnen ein: "Die Großmütter sind die stillen Heldinnen dieser Tragödie", sagt Alicia Meneses, "und für die Kinder und unsere Arbeit unverzichtbare Verbündete!"

Mit der La Cera-Schwemme und dem spielend leichten Zugang auch zu anderen harten Drogen haben sich in und um La Victoria herum weitere Abgründe aufgetan: "Zu unserer neuen Realität", erläutert Rosani Lagos, "gehören klandestine Bordelle, betrieben von Leuten aus venezolanischen und kolumbianischen Gangs, in denen ganz oft junge Frauen, die als Geflüchtete nach Chile kamen, gezwungen werden, sich zu prostituieren." 

Und obwohl die Nachbarschaft Bescheid weiß, sorgt ein Klima der Angst und die Erfahrung, dass die Polizei selbst nach ganz konkreten Hinweisen nichts unternimmt, um einzugreifen und sich den schwer bewaffneten Kriminellen entgegen zu stellen, für eine fatale Abwärtsspirale. Die Präsenz der Gangs, Waffen und Geld verändern auch die Optik des historischen Armenviertels: Einige Häuser wirken wie Festungen - mit Außenkameras und Starkstrom führenden Drähten auf den Mauern. In den Straßen stehen immer mehr teure, aufgemotzte Autos. 

Und sogar die großflächigen Wandmalereien, deren markante Bildsprache immer schon einen Teil des widerständigen La Victorias ausmachte, greifen die Geschichten der Gangs und ihrer bewaffneten Kämpfe auf.

Macho-Kultur mit Verheißung von Macht

"Diese Macho-Kultur mit der Verheißung von Macht und schnellem Geld ist auf morbide Art und Weise attraktiv" räumt Rosani Lagos ein. Besonders anfällig, um in die Fänge einer der Gangs zu geraten, so beobachtet es das Team des Nuestra Señora de la Victoria-Zentrums, sind Jungs mit einem niedrigen Selbstwertgefühl, die für sich weder eine schulische noch eine berufliche Perspektive sehen: 

"Wenn bereits 14jährige am helllichten Tag auf der Straße mit ihren Waffen herumfuchteln", sagt Rosani, "ist das wie ein Adrenalin-Kick: Macht zu haben, um andere Menschen einzuschüchtern". Dazu passt ein makabrer Todeskult: Immer wieder bekommen sie und ihre Kolleginnen von den Jugendlichen zu hören: "Wenn ich erschossen werde, ist es dann eben so, aber vorher will ich noch richtig einen draufmachen und gut leben!"

Chiles neue, seit dem 11. März amtierende Rechtsaußen-Regierung unter dem Pinochet-, Trump- und Milei-Bewunderer José Antonio Kast hat in diesen sechs Monaten nach Meinung von José Horacio Wood alles getan, um Öl ins Feuer zu gießen: 

"Mit ihrer Rasenmäher-Sparpolitik trifft es den chronisch unterfinanzierten Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besonders hart. Ich spreche", so Wood, "von Programmen zur Drogenprävention, zur Therapiearbeit mit Kindern, die Opfer von Gewalt wurden und von der öffentlichen Unterstützung der pädagogischen Arbeit mit Mädchen und Jungen aus Lebensbedingungen von Armut und extremer Armut, also genau denen, die hier in La Victoria leben!" Und jüngste Entscheidungen wie die 25prozentige Kürzung des gesetzlichen Mindestlohns für über 65-Jährige und das Einfrieren dieser Mindestbezüge für alle anderen werden die Existenzprobleme derjenigen mit den niedrigsten Einkommen weiter verschärfen. 

"Und das bei gleichzeitigen massiven Steuer-Reduzierungen auf Gewinne, die Unternehmen und Konzerne zahlen", fügt Wood hinzu. 

Ideologisch eingerahmt wird diese knallharte neoliberale Agenda von der Schul-, Kultur- und Bildungspolitik der neuen Regierung: "Als erstes haben sie das Fach Staatsbürgerkunde abgeschafft", empört sich Pablo Cantillana, Lehrer im Nuestra Señora de la Victoria-Team, "und jetzt geht es um das Entkernen der Lehrpläne in Geschichte, Philosophie und Spanisch. Diese Regierung will, dass Kinder, die in prekär ausgestattete öffentliche Schulen gehen, weil sich ihre Eltern keine teuren Privatschulen leisten können, mit Schmalspur-Unterricht abgespeist werden, so wie das auch unter Pinochet Praxis war."

Chile und die Zivilgesellschaft

Doch schon das Militärregime unterschätzte die Widerstandskraft der Zivilgesellschaft in La Victoria, erinnert Rosani Lagos: "Jetzt, 36 Jahre nach dem Ende der Diktatur" ist sie überzeugt, "geht es erneut darum, Widerstand zu leisten! Wir tun das mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, indem wir Werte des Guten-Miteinanders, des Respekts, des Füreinander-Einstehens leben und immer wieder neu einüben!" Was dem Team dabei zugute kommt, ist, dass fast alle in La Victoria aufgewachsen und hier zu Hause sind: "Wir sind Teil dieser Nachbarschaft", sagt die Kindergärtnerin Alicia Meneses, "die Menschen wissen, dass sie sich selbst in den dunkelsten Momenten auf uns verlassen können." Und, fügt sie fast trotzig hinzu: "dass wir uns niemals damit abfinden werden, dass die Gewalt zum Normalzustand wird!".

Eines ihrer Instrumente nennen sie Conversatorios – frei übersetzt: Nachdenk- und Gesprächsrunden, ein neu geschaffenes Format, um mit professionellem therapeutischem Beistand altersgerecht mit Kindern und Jugendlichen über Trauer und Verlust zu sprechen, aber auch das gewaltfreie Lösen von Konflikten einzuüben. Wie lassen sich Beziehungen untereinander verbessern, wie ist es möglich, zu streiten, ohne sich zu verletzen? 

Wie Umgehen mit Wut, mit Angst? Und ganz wichtig: Wie können wir uns gegenseitig schützen und auf Gefahrensituationen aufmerksam machen? Aber auch das Sich-Erinnern – und angemessene Orte und Formen dafür – sind entscheidend: So entschied das Projektteam gemeinsam mit den Jugendlichen und den Eltern, in La Victoria ein Zeichen für mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit zu setzen und ein Abiturs- und Hochschul-Vorbereitungsprogramm mit und für junge Leute aus dem Viertel aufzubauen. Eingeschrieben haben sich inzwischen 35 Jugendliche. Der Name ist Programm: "Pre-Universitario Mayra Castillo".