Als ich als Jugendlicher so langsam begriff, was mit mir "los war", war die literarische Welt noch erstaunlich klein. Ich bin Jahrgang 1979. Auf der Suche nach queeren Vorbildern – das Wort queer kannte ich damals noch nicht –, stieß ich literarisch gerade mal auf Dorian Gray, Professor Aschenbach und seinen Tadzio. Queere Literatur erschien wie ein schmaler Nebenarm der Weltliteratur – bedeutend, aber versteckt. Internet hatte ich mit 13 Jahren noch nicht – und ich war auch nicht gerade mutig.

Queere Literatur ist längst kein Randphänomen mehr

Zum Glück ist die Lage heute anders! Denn queere Literatur ist längst kein Randphänomen mehr. Sie erzählt von Liebe und Verlust, von Familie und Identität, von Religion, Alter, Freundschaft, Migration und vor allem gibt sie Hoffnung! Schwule "Helden" müssen am Ende des Romans nicht mehr sterben. Queere Literatur darf vom ganz normalen Menschsein erzählen, aus Perspektiven, die im klassischen Kanon über Jahrzehnte kaum vorkamen. Halten wir kurz inne: Was für ein Fortschritt!

Genau hier setzt "Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm" an. Die Autorinnen und Autoren – Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller – zeigen, dass queere Literatur weder Genre noch Nische ist, sondern eine andere Art, auf Literatur zu schauen. Sie fragen: Was macht einen Text eigentlich queer? Die Figur? Die Autorin? Oder die Erfahrung, gegen gesellschaftliche Normen anzuschreiben?

Besonders gelungen ist ihnen der Spagat zwischen Literaturgeschichte, literarischer Analyse und ganz konkreten Lesetipps. Ihr Sammelwerk führt zu bekannten Stimmen ebenso wie zu Autorinnen und Autoren, die einige Leserinnen und Leser vermutlich erst entdecken werden.

Lust aufs Lesen statt literarische Belehrung

Dabei ist Marlon Brand eine treibende Kraft hinter dem Werk. Einige kennen ihn längst als leidenschaftlichen Literaturvermittler. Sein Instagram-Auftritt und insbesondere seine Plattform "Books are Gay as Fuck" gehören inzwischen zu den spannendsten Orten für queere Literatur. Dort empfiehlt er Bücher mit ansteckender Leidenschaft, ordnet Neuerscheinungen ein und macht genau das, was Literaturkritik im besten Sinne leisten sollte: Lust aufs Lesen.

Dabei ist dieses Buch vor allem durch seinen Ton besonders: Weder will es uns belehren noch missionieren. Stattdessen lädt es alle ein – auch nicht-queere Menschen –, queere Literatur zu entdecken. Denn gute Literatur erweitert immer den Blick auf die Welt – unabhängig davon, wen ihre Figuren lieben.

"Und jetzt queer!" ist wirklich kein Nachschlagewerk im klassischen Sinn, obwohl es als Orientierung hervorragend funktioniert. Vielmehr ist es ein Wegweiser, der zeigt, wie groß, bunt, widersprüchlich und überraschend Literatur sein kann.

Thomas Mann und Oscar Wilde waren nur der Anfang

Ich hätte mir ein solches Buch als Sechzehnjähriger gewünscht. Damals hätte es mir gezeigt, dass Thomas Mann und Oscar Wilde nur der Anfang sind. Heute zeigt es einer neuen Generation, dass sie zwischen Hunderten Stimmen wählen kann – laut, leise, poetisch, politisch, romantisch oder radikal.

Wer wissen möchte, wie vielfältig Literatur wirklich sein kann, sollte dieses Buch lesen. Wer bereits queere Literatur liebt, findet Inspiration. Wer sie noch nicht kennt, findet einen wunderbaren Einstieg.

Marlon Brand, Bianca-Maria Braunshofer, Jasmina El-Bouamraoui, Tobi Schiller (2026): Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm, Leykam Buchverlag: Wien, 240 Seiten, 25,50 Euro.

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