Sie malt, ist überhaupt unglaublich kreativ und sprudelt immer vor Ideen. "Meist hab' ich sofort mindestens drei Ideen", sagt die 52-Jährige aus Sachsen schmunzelnd. Christiane Z. hat Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), was sie lange nicht wusste: "An meinem 49. Geburtstag erhielt ich die Diagnose."
Wie immer, wenn man endlich weiß, was mit einem los ist, machte sich auch bei Z. zunächst Erleichterung breit. Sie erhielt ein Medikament. Das linderte Symptome, unter denen sie jahrzehntelang litt. Besonders zu schaffen machte ihr Depressivität als Folge ihrer unbekannten Störung. Mit dem Wissen darum, was mit ihr los ist, begann sie, sich zu verändern. Was Menschen irritierte, die sie jahrelang mit unbehandelter ADHS kannten. "Freundschaften zerbrachen", berichtet die Sächsin, die als Technische Assistentin an einer Uni arbeitet.
ADHS bei Erwachsenen: Die Diagnose bringt Erleichterung
Christiane Z. setzt sich seit ihrer Diagnosestellung intensiv mit ADHS auseinander. Zu unbekannt sei, dass auch Erwachsene an der Störung leiden können, die gemeinhin bei Jungs diagnostiziert wird: "Mein Bruder, Arzt, sagte, als ich ihm von meinem Verdacht erzählte, dass ich niemals ADHS hätte." Ihr eigener Verdacht kam auf, als ihre beiden Söhne die Diagnose erhielten. Daraufhin las Christiane Z. ein Fachbuch:
"Darin wurde eine ADHS-Mutter beschrieben, ich hab' mich hundertprozentig wiedererkannt."
Das Schlimmste war all die Jahre, dass durch die Störung ständig alles zugleich zu viel und zu wenig für sie war. Ihr Gehirn hungerte nach Stimuli. Eine ADHS-bedingte Reizfilterschwäche führte gleichzeitig dazu, dass Christiane Z. von Eindrücken überflutet wurde. Diese massive Ambivalenz führte schon im Jugendalter zu chronischer Erschöpfung und später zu einem Burnout. Seit sie weiß, was sie hat, kann sich Christiane Z. Strategien erarbeiten, um mit den Symptomen besser umzugehen.
Bis zur vier Prozent aller Erwachsenen hätten ADHS, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik aus Aschaffenburg. Nach ihren Erkenntnissen wird nur ein Bruchteil aller Erwachsenen diagnostiziert und behandelt.
ADHS-Diagnose: Lange Wartezeiten und unseriöse Angebote
Bei wem der Verdacht aufkommt, der muss oft lange auf einen Diagnosetermin warten. Inzwischen werde zwar viel über ADHS bei Erwachsenen aufgeklärt, erklärt Neuy-Lobkowicz: "Aber wir haben kaum Psychiater, die sich damit beschäftigen und sich für Diagnostik und Behandlung zuständig fühlen." Ein Jahr Wartezeit auf einen Diagnosetermin sei keine Seltenheit.
Zugleich gebe es unseriöse Diagnostikangebote. So offeriert ein Medizinisches Versorgungszentrum in Hessen freie ADHS-Testungen für fast 650 Euro für Selbstzahler und Privatversicherte. "Ich erlebe derzeit dauernd, dass Psychologen oder sogar Ergotherapeuten und Heilpraktiker so etwas anbieten", kritisiert Neuy-Lobkowicz. Meist sei das Geld aus dem Fenster geworfen, weil kein Facharzt aufgrund solcher Diagnosen Medikamente verschreiben dürfe.
Ein bereits 2019 verfasstes "Positionspapier ADHS bei Erwachsenen", das der Verband "ADHS Deutschland" mit Psychiatern von vier deutschen Universitätskliniken herausgab, weist darauf hin, dass Menschen mit ADHS häufig an weiteren psychischen Störungen litten. Symptome verschlimmerten sich, würden nicht oder falsch behandelt.
ADHS im Erwachsenenalter wird häufiger erkannt
Roberto D'Amelio von den Universitätskliniken des Saarlands geht davon aus, dass bis zu zwei Millionen Bundesbürger von ADHS betroffen sind. "Die Zahl der diagnostizierten Fälle nahm in den vergangenen Jahren deutlich zu", sagt der Psychologe. Das liege aber nicht primär daran, dass das Phänomen ADHS heute häufiger als früher sei, sondern dass ADHS im Erwachsenenalter besser erkannt werde. "Manche Betroffene hatten über Jahrzehnte Schwierigkeiten, ohne dass dies mit ADHS in Verbindung gebracht wurde", erläutert er.
Lange Wartezeiten auf Therapien seien problematisch, sagt D'Amelio:
"Eine stark gestiegene Nachfrage trifft auf eine noch relativ begrenzte Zahl spezialisierter Angebote."
ADHS-Spezialambulanzen für Erwachsene könnten kaum Neupatienten aufnehmen. Dies wiederum liege daran, dass eine seriöse Diagnostik nicht mit einem Fragebogen erledigt ist. Untersucht werden müsse die aktuelle Symptomatik, die Entwicklung seit der Kindheit sowie die Auswirkungen in unterschiedlichen Lebensbereichen. Eine Differenzialdiagnostik sei unabdingbar.