Wer Social Media nutzt, kennt das Gefühl: Die Zeit vergeht wie im Flug. Warum Scrollen das Zeitempfinden verändert, hat Psychologie-Professor Zhuanghua Shi von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München erforscht. Shi leitet am Lehrstuhl für Neuro-Kognitive Psychologie das Multisensory Perception Lab. 

Mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sprach er darüber, warum sogar ein ausgeschaltetes Smartphone auf dem Schreibtisch Aufmerksamkeit bindet und wie digitale Dauerreize die Erinnerungen beeinflussen, wie sich Abhilfe für gestresste Gehirne schaffen lässt und was er für Jugendliche empfiehlt.

Herr Shi, warum vergeht beim Scrollen die Zeit gefühlt viel schneller?

Zhuanghua Shi: Zeit ist kein Sinn wie Sehen oder Hören. Um zu wissen, wie lange etwas gedauert hat, müssen wir der Zeit aktiv Aufmerksamkeit schenken. Es ist wie eine innere Uhr, die nur tickt, wenn wir auf sie achten. Wenn ein schneller, selbstgesteuerter Strom unsere ganze Aufmerksamkeit bindet, können wir nicht mehr die Minuten zählen, und sie verschwinden leise. In unseren Experimenten empfanden Menschen, die in ihrem eigenen Tempo durch Bilder scrollten, eine ganze Minute als nur etwa dreißig Sekunden.

Warum vom Scrollen so wenig im Gedächtnis bleibt

Und warum wird, wie Ihre Forschung zeigt, aus all diesen Eindrücken keine reiche Erinnerung?

In einem Feed werden wir überflutet: Dutzende Clips, jeder anders. Das Gehirn kann das nicht alles behalten, also tut es, was es immer tut: Es mittelt, behält das Wesentliche und wirft das Detail weg. Bei Äpfeln klappt das, weil Äpfel sich wirklich ähneln. Aber mitteln Sie hundert völlig verschiedene Beiträge - etwa TikTok-Videos -, dann bleibt etwas, das Sie nicht mehr benennen können: ein vager Eindruck, irgendeine Zeitlang irgendwas gemacht zu haben. Der Aufwand des Scrollens zahlt sich nicht in Erinnerungen aus, die man festhalten kann.

Sie sagen: Unsere Aufmerksamkeit bleibt noch am Smartphone haften, auch wenn wir es weggelegt haben. Was bedeutet das für unsere Konzentration im Alltag?

Aufmerksamkeit hat keinen Ausschalter. Es gibt ein gut belegtes Phänomen, den Aufmerksamkeitsrückstand: Wenn wir die Tätigkeit wechseln, bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit noch einige Minuten bei der vorherigen Sache. Man legt das Handy weg und spricht mit einer Kollegin, aber das Gehirn scannt im Hintergrund weiter nach dem nächsten Wisch.

Wie der Smartphone-Sog in den Alltag hineinwirkt

Was macht das mit unserem Verhalten?

Scrollen trainiert einen bestimmten Rhythmus. Es bringt dem Gehirn bei, jede Sekunde ein neues, überraschendes Ereignis zu erwarten. Hört man auf, läuft diese Erwartung ins Leere. Diese Unruhe und der Drang nachzuschauen entstehen, weil unsere innere Vorhersage-Maschine auf eine Belohnung wartet, die nicht kommt. Im Alltag heißt das: weniger Geduld für alles Langsame. Ein Buch, eine Besprechung oder ein Gespräch, das nicht alle paar Sekunden eine Pointe liefert, fällt schwerer. Und es kommt aus einer Richtung, die die meisten unterschätzen.

Aus was für einer Richtung?

Das Handy muss nicht einmal in der Hand sein. Studien zeigen: Allein die Anwesenheit eines Handys auf dem Tisch, ausgeschaltet und stumm, senkt messbar die Aufmerksamkeit bei einer einfachen Aufgabe. Das Gehirn weiß, dass das Gerät da ist, und richtet sich immer wieder darauf aus, unterhalb der bewussten Wahrnehmung. Es ist, als stünde jemand still hinter Ihnen, während Sie arbeiten. Sie drehen sich nicht um, können die Person aber auch nicht ganz ignorieren.

Warum das Handy in einen anderen Raum gehört

Lässt sich etwas an dieser unbewussten Ablenkung ändern?

Dieser Zustand ist reversibel. Zehn, zwanzig Minuten einer durchgehenden Tätigkeit mit nur einem Fokus nachzugehen holt einen meist heraus. Man kämpft gegen einen Schwung, nicht gegen einen Dauerzustand an. Aber das Handy stumm zu schalten oder das Display nach unten zu drehen reicht nicht. Was hilft, ist Distanz. Wenn man sich wirklich konzentrieren muss, gehört das Handy in einen anderen Raum.

Muss man sich dazu aktiv entscheiden?

Das ist ein kleiner Stups an sich selbst, ein Nudge. Die Idee: Solche Kämpfe gewinnt man nicht mit Willenskraft, sondern indem man leise die eigene Umgebung umräumt, so dass die gute Entscheidung einfach wird. Das Handy in den Nebenraum zu legen, kostet nur ein paar Sekunden mehr Mühe. So wird Konzentriertbleiben zum Weg des geringsten Widerstands. Auch das Handy aus dem Schlafzimmer herauszuhalten hilft.

"Jugendliche verschätzen sich systematisch"

Was können Ihre Erkenntnisse für die junge Generation bedeuten, die mit Smartphones aufwächst?

Wir haben das Alter nicht direkt untersucht, ich stütze mich auf die Entwicklungsforschung. Für Kinder und Jugendliche zählen die Erkenntnisse doppelt. Erstens reift die Selbstkontroll-Maschinerie des Gehirns bis in die frühen Zwanziger. Sie sind also am wenigsten dafür gerüstet, den Sog zu spüren und sich selbst herauszuziehen. Zweitens, und das ist das Warnsignal: Misst man, wie lange Jugendliche tatsächlich am Handy sind, verschätzen sie sich systematisch. Und diese Fehleinschätzung kann eine problematische Nutzung begünstigen. Wer die Zeit nicht spürt, kann sie nicht steuern.

Sollten soziale Medien für Jugendliche verboten werden, wie es nun auch das Vereinigte Königreich für Unter-16-Jährige plant?

Bei der Verbotsdiskussion sollte man zwei Dinge trennen. In der Frage, ob soziale Medien eine psychische Krise bei Jüngeren verursachen, ist die Forschung umstritten. Forschende sind sich uneins, ob es einen realen oder nur einen winzigen Effekt gibt. Ein pauschales Verbot allein darauf zu stützen, fände ich heikel. Beim Design hingegen sind unsere Belege solide: Wir können zeigen, dass freies Scrollen das Zeitgefühl verbiegt, im Verhalten und im Gehirn. Wenn man handeln will, würde ich beim messbaren Design ansetzen.

Was soziale Netzwerke weniger fesselnd machen könnte

Sie würden soziale Medien nicht pauschal verbieten, sondern politisch-ethisch auf die Änderung bestimmter Design-Eigenschaften drängen?

Genau - etwa den Endlos-Scroll oder das Autoplay stoppen, ebenso Likes verbergen. Eine Jugendversion ohne algorithmischen Feed, mit Zeitanzeigen und verpflichtenden Pausen beim Scrollen setzt dort natürliche Haltepunkte, wo das Design sie wegkonstruiert hat. Das wäre die Art von Eingriff, die unsere Befunde stützen.

Als Gegenmittel zur digitalen Reizüberflutung empfehlen Sie Spaziergänge. Warum reichen 20 Minuten aus, um das Gehirn wieder zu erden?

Die 20 Minuten sind meine Hochrechnung - eine plausible, denn zwei Forschungslinien treffen sich dort. Zum einen ist belegt, dass man 15 bis 20 Minuten braucht, um sich ganz auf etwas Neues einzulassen. Zum anderen ist bewiesen, dass schon 20 Minuten draußen die Aufmerksamkeit wiederherstellen. Und ein Spaziergang entfaltet sich kontinuierlich - im Tempo der Welt, nicht in unserem - und hält die Aufmerksamkeit sanft nach außen. Eine solche weiche Faszination bindet sie gerade genug, aber so leicht, dass sie sich erholen kann. Darum stellt ein Spaziergang im Park die Konzentration stärker wieder her als durch eine laute Straße. Vor allem gilt: Das Gegenmittel zur Erschöpfung darf nicht das Handy sein.