Wohnungslosigkeit wird zunehmend zu einem Problem älterer Menschen. Der Anteil der Hilfesuchenden ab 50 Jahren ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stetig gestiegen. 

Lag er 2004 noch bei 21,3 Prozent, gehörten 2024 bereits 27,1 Prozent der erfassten Klientinnen und Klienten zu dieser Altersgruppe. Das geht aus dem neuen Statistikbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hervor.

Auch unter den akut wohnungslosen Menschen wächst der Anteil Älterer. 2014 waren 18,2 Prozent der Betroffenen mindestens 50 Jahre alt, zehn Jahre später waren es 23,8 Prozent. Die BAG W geht davon aus, dass sich diese Entwicklung angesichts des demografischen Wandels, zunehmender Altersarmut und brüchiger Erwerbsbiografien fortsetzen wird.

Wohnungslosigkeit verfestigt sich im Alter

Besonders deutlich zeigt der Bericht, wie schwer es älteren Menschen fällt, die Wohnungslosigkeit wieder zu überwinden. Von den wohnungslosen Klient:innen ab 50 Jahren sind 38,2 Prozent bereits länger als ein Jahr ohne eigene Wohnung. Bei den Menschen ab 60 Jahren leben 19 Prozent seit mehr als fünf Jahren in Wohnungslosigkeit.

Ältere Betroffene erreichen das Hilfesystem zudem häufig erst spät. Nur knapp ein Drittel von ihnen nimmt innerhalb der ersten beiden Monate nach Beginn der Wohnungslosigkeit Hilfe in Anspruch. Bei den 25- bis 49-Jährigen sind es 40 Prozent.

Die Hälfte der älteren Klient:innen und Klienten war bereits mehrfach wohnungslos. Wer im höheren Alter seine Wohnung verliere oder wohnungslos bleibe, finde sehr viel seltener wieder heraus, folgert die BAG W. Gründe dafür seien gesundheitliche Einschränkungen, geringe Einkommen, Schulden, fehlender barrierefreier Wohnraum und schwindende soziale Netzwerke.

Miet- und Energieschulden als häufigster Auslöser

Eine zentrale Rolle spielen finanzielle Probleme. Bei 23,5 Prozent der Über-50-Jährigen waren Miet- oder Energieschulden der wichtigste Auslöser für den drohenden oder bereits eingetretenen Wohnungsverlust. In der Altersgruppe zwischen 25 und 49 Jahren lag dieser Anteil bei 18,9 Prozent, bei den Unter-25-Jährigen bei 11,2 Prozent.

Jede zweite hilfesuchende Person über 50 ist nach eigenen Angaben überschuldet. Rund 20 Prozent verfügen über keinerlei Einkommen. Besonders groß ist das Risiko bei älteren Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit: Von ihnen haben knapp 28 Prozent kein Einkommen. Nach Einschätzung der BAG W geraten sie besonders häufig in eine Lücke zwischen fehlendem Rentenanspruch und mangelndem Zugang zu Sozialleistungen.

Auch der Bezug einer Rente schützt nicht zuverlässig vor Wohnungsnot. Niedrige Altersbezüge, steigende Wohn- und Energiekosten sowie bereits angesammelte Schulden könnten sich zu einer existenzbedrohenden Belastung verbinden, heißt es in dem Bericht. Neben finanziellen Schwierigkeiten spielen bei älteren Menschen auch Konflikte im Wohnumfeld, Trennung, Krankheit und der Tod eines Partners oder einer Partnerin eine wichtige Rolle.

Alt, krank und unzureichend versorgt

Wohnungslosigkeit und gesundheitliche Probleme verstärken sich häufig gegenseitig. Ältere wohnungslose Menschen leiden besonders oft unter chronischen Erkrankungen, psychischen Problemen, Suchterkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Das gleichzeitige Auftreten mehrerer Erkrankungen sei eher die Regel als die Ausnahme, schreibt die BAG W.

Bei rund 16 Prozent der erfassten Über-50-Jährigen liegt ein Schwerbehindertenausweis vor. Rund 14 Prozent sind nicht oder nur eingeschränkt krankenversichert. Jede vierte Person dieser Altersgruppe hatte in den sechs Monaten vor der Erhebung keinen Kontakt zu einer Ärztin oder einem Arzt – trotz des überdurchschnittlich hohen Behandlungsbedarfs.

Zugleich passen die bestehenden Hilfesysteme häufig nicht zu den Lebenslagen der Betroffenen. Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste seien vielfach nicht auf Menschen mit Wohnungslosigkeit, Suchterkrankungen oder psychischen Problemen eingestellt. Der Wohnungslosenhilfe wiederum fehlten oft Ausstattung und Personal, um Pflegebedürftigkeit, schwere Mehrfacherkrankungen oder eine Versorgung am Lebensende aufzufangen.

Die BAG W sieht deshalb erhebliche Lücken auch in der palliativen und hospizlichen Begleitung wohnungsloser Menschen.

Fast jeder vierte ältere Obdachlose ohne soziale Kontakte

Hinzu kommt die soziale Isolation. 13,2 Prozent der Über-50-Jährigen im Hilfesystem geben an, keinerlei soziale Kontakte zu haben. Unter den älteren Menschen, die unmittelbar auf der Straße leben, trifft das sogar auf 23,3 Prozent zu. Insgesamt sind 87,3 Prozent der älteren Klientinnen und Klienten alleinstehend.

Kontakte zu Partner:innen, Kindern, Verwandten, Freund:innen oder Bekannten nehmen im Alter deutlich ab. Etwas häufiger als jüngere Menschen pflegen Ältere dagegen Beziehungen zu Selbsthilfeorganisationen, Nachbarschaften, Vereinen oder Kirchengemeinden. Solche niedrigschwelligen Kontakte könnten zur letzten verbliebenen sozialen Einbindung werden, heißt es in dem Bericht.

Auch Familien und Erwerbstätige betroffen

Über den Altersschwerpunkt hinaus zeigt die Statistik, wie unterschiedlich die Menschen sind, die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe aufsuchen. 28 Prozent aller erfassten Klient:innen verfügten zu Beginn der Hilfe über keinerlei Einkommen. Unter akut wohnungslosen Menschen unter 25 Jahren waren es sogar 42,7 Prozent.

Zugleich lebten 12,8 Prozent der Hilfesuchenden überwiegend von eigener Erwerbstätigkeit. Zehn Jahre zuvor hatte dieser Anteil noch bei 8,2 Prozent gelegen. Arbeit allein schützt demnach angesichts hoher Mieten und prekärer Beschäftigung nicht zuverlässig vor Wohnungsnot.

Alarmierend ist auch die Lage von Familien. Von den hilfesuchenden Haushalten mit Kindern waren 43 Prozent akut wohnungslos. Mehr als die Hälfte kam vorübergehend bei Bekannten, Verwandten oder Partner:innen unter. 14 Prozent lebten in Notunterkünften, knapp vier Prozent gänzlich ohne Unterkunft.

Statistik ist keine Gesamtzahl der Wohnungslosen

Für den Bericht stellten 248 Einrichtungen und Dienste freier Träger insgesamt 45.026 anonymisierte Datensätze aus dem Jahr 2024 zur Verfügung. Rund 73 Prozent der erfassten Personen waren akut wohnungslos. Die übrigen waren unter anderem unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht, lebten in unzumutbaren Verhältnissen oder nahmen aus anderen sozialen Gründen Hilfe in Anspruch.

Die 45.026 Datensätze dürfen jedoch nicht als Gesamtzahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland verstanden werden. Die Erhebung bildet vor allem die Klientel der teilnehmenden Einrichtungen freier Träger ab. Menschen, die ausschließlich kommunal untergebracht sind und keine weitergehende Hilfe erhalten, werden nicht vollständig erfasst. Aus fünf Bundesländern lagen überhaupt keine Daten vor.

Dennoch macht die langfristige Auswertung eine Entwicklung deutlich: Die Wohnungslosenhilfe wird künftig mehr ältere, gesundheitlich belastete und pflegebedürftige Menschen versorgen müssen. Die BAG W fordert deshalb mehr Prävention und Schuldnerberatung, eine engere Zusammenarbeit von Wohnungslosen-, Alten-, Pflege- und Gesundheitshilfe sowie mehr bezahlbaren, barrierefreien Wohnraum. Ohne solche Veränderungen dürfte für immer mehr Menschen die Rente nicht nur den Ruhestand, sondern auch ein wachsendes Risiko des Wohnungsverlusts bedeuten.