Sechs Wochen nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela rückt der Wiederaufbau in den Mittelpunkt. Die internationale Soforthilfe läuft weitgehend aus – doch für Hunderttausende Betroffene beginnt jetzt erst die schwierigste Phase. Denn die Naturkatastrophe traf ein Land, das schon zuvor unter einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise litt.

Die beiden Erdbeben vom 24. Juni zählen zu den schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte in Venezuela. Mehr als 6.000 Menschen kamen ums Leben, Zehntausende wurden verletzt, zahlreiche Menschen gelten weiterhin als vermisst. Über 58.000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Besonders betroffen sind die Hauptstadt Caracas sowie die Bundesstaaten La Guaira und Carabobo.

Wiederaufbau unter schwierigen Bedingungen

Der Wiederaufbau wird durch die angespannte Lage im Land zusätzlich erschwert. Venezuela leidet seit Jahren unter Hyperinflation, Stromausfällen, einem maroden Gesundheitswesen und einer weitgehend zusammengebrochenen Infrastruktur. Millionen Menschen haben das Land verlassen, darunter zahlreiche Ärzt:innen, Handwerker:innen und Lehrkräfte, die nun beim Wiederaufbau fehlen.

Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Anfang des Jahres brachten US-Spezialkräfte den amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro bei einer Militäroperation in ihre Gewalt und verschleppten ihn und seine Ehefrau in die Vereinigten Staaten. Während die USA ihr Vorgehen mit Strafvorwürfen gegen Maduro begründeten, werteten die venezolanische Regierung und zahlreiche Staaten die Aktion als Verletzung der staatlichen Souveränität Venezuelas. Auch diese Entwicklungen belasten die ohnehin geschwächten staatlichen Strukturen.

Kirchengemeinden bleiben vor Ort

Während viele internationale Hilfsorganisationen ihre Nothilfe inzwischen beendet haben, setzen kirchliche Partner auf langfristige Begleitung. Gemeinsam mit dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) unterstützen evangelische Gemeinden und soziale Einrichtungen besonders betroffene Familien.

So dient das Gemeindezentrum der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde San Miguel in Caracas als Zufluchtsort für Jugendliche. Kinder werden in provisorischen Zeltschulen unterrichtet und mit Schulmaterial sowie Mahlzeiten versorgt. Suppenküchen bereiten täglich warme Essen für Menschen in Notunterkünften zu. Darüber hinaus finanzieren die Partner medizinische Hilfen wie Rollstühle oder Prothesen und begleiten traumatisierte Kinder und Erwachsene psychologisch und seelsorglich.

Auch die evangelisch-lutherische Gemeinde in Valencia versorgt Erdbebenopfer mit Lebensmitteln, Kleidung und anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Im Straßenkinderheim Casa Hogar "Amor, Fe y Esperanza" leben inzwischen zusätzlich Kinder, die durch das Erdbeben ihre Eltern verloren haben.

Hilfe über Monate und Jahre

Für Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, beginnt die eigentliche Herausforderung erst jetzt. "Nach wenigen Wochen verschwindet eine Katastrophe meist aus den Schlagzeilen. Für die betroffenen Familien beginnt dann jedoch erst der lange Weg zurück in ein normales Leben", sagt er. Die Partnerkirchen blieben an der Seite der Menschen, auch wenn andere Hilfsorganisationen ihren Einsatz beendet hätten.

Ähnlich sieht es Arno Erdmann, Vorsitzender der evangelischen Gemeinde San Miguel in Caracas. "Die Menschen brauchen nicht nur Lebensmittel oder Baumaterial. Sie brauchen Menschen, die bleiben", sagt er. Erst eine verlässliche Begleitung über Monate und Jahre ermögliche es vielen Betroffenen, neues Vertrauen zu fassen und Schritt für Schritt in den Alltag zurückzufinden.