Es war langfristig als erneuter Patenkind- und Sponsorenbesuch in Nepal bei der Blütenherzen Kinderhilfe geplant: Mit den 25 Heimkindern in der Millionenmetropole Kathmandu Fußball und Frisbee spielen, singen, feiern, Gitarre und Schwimmunterricht geben, Regale und Matratzen kaufen – so wie seit vier Jahren.

Doch dann kam alles anders.

Ich war noch bei Kirchengemeinden in Thailand unterwegs. Auch dort: gemeinsam Gottesdienste feiern, Glauben und Leben feiern. Dann kamen die ersten Bilder der Todeswelle in Nepal. Eine gigantische, tödliche Sturzflut hatte große Zerstörungen angerichtet. Berichtet wurde von einem Gletscher- und Felsabbruch im Himalaya und einer gewaltigen Flutwelle aus Eis, Schlamm und Fels, die Menschen, Häuser und Reisplantagen mit sich riss.

Am nächsten Tag ging mein Flug nach Kathmandu.

Herzliche Begrüßung am Flughafen, im Heim bei den Kindern – doch überall herrschte eine bedrückende Stimmung. Es gab nur ein Thema: das Desaster in den Tälern nahe der nepalesisch-chinesischen Grenze. Fernsehen, Social Media: überall die Schreckensbilder der gewaltigen Sturzflut und ihrer Folgen.

Nepal, ohnehin eingeklemmt zwischen seinen großen Nachbarn Indien und China, stand vor einer Katastrophe, deren Ausmaß sich auch in Kathmandu nur schwer begreifen ließ.

Aber nur zu posten: "Betet für Nepal!" – das reicht uns nicht.

Wir müssen etwas tun, sammeln, planen, hinfahren. Das war der feste Entschluss der Heimleiterin Prajola und mir. So viele Menschen hatten ihre Angehörigen verloren, ganze Existenzen waren zerstört. Das Nötigste zusammenpacken und hinfahren.

Freunde aus Deutschland sagten Spenden zu, auch die Verantwortlichen in Deutschland stimmten sofort zu.

Ein erster Besuch im Katastrophengebiet

Gleich am Montag fuhren wir los. Durch gute Kontakte konnten wir mit einem Regierungsfahrzeug bis ans Ende einer bisher beliebten Route im Galchi-Dhading-Tal fahren.

Bis hierher und nicht weiter.

Immer noch waren Straßen überschwemmt, überall sahen wir zerstörte Brücken. Überlebende saßen traumatisiert vor den Resten ihrer Häuser. Männer zeigten uns, was übrig geblieben war. Hier fehlten zahlreiche Häuser. Die Menschen redeten, aber der Schrecken, die Monsterwelle gesehen zu haben, davongekommen zu sein und zugleich liebe Menschen zu vermissen, war ihnen unbeschreiblich ins Gesicht geschrieben.

Und die Luft war erfüllt von Leichengeruch.

Wir standen sprachlos im zu Beton gewordenen Schlamm, hatten Tränen in den Augen.

Von Hilfsmaßnahmen war hier kaum etwas zu sehen. Ab diesem Punkt waren die Menschen weitgehend auf sich selbst gestellt. Noch näher an der tibetischen Grenze, wo die Zerstörung noch viel gewaltiger war und die Flut alles mitgerissen hatte, waren Hubschrauber im Einsatz. Die Piloten flogen bis zur Erschöpfung.

Ein Sanitätsauto stand auffällig lange da. Wir fragten nach. Im Auto lag ein Opfer, so hieß es. Räucherstäbchen brannten. Dieses Opfer konnte aus einem Bus im Schlamm geborgen werden. Viele andere Menschen aus dem Bus wurden noch vermisst.

Wir verharrten unten am breiten, braunen Todesfluss eine Weile. Niemand sprach.

Oben an der Straße sprach ich eine Mutter mit ihrem Kind an.

"Das war mein Shop", sagte sie traurig.

Die Welle hatte auch hier oben an der Straße alles bis in eine gewisse Höhe zerstört. Unten im Keller war alles wie einbetoniert.

Wir unterstützten die Frau mit dem, was wir dabei hatten, und versprachen, wiederzukommen.

Unterwegs sahen wir in den sozialen Medien weitere Bilder und Berichte: Ein Schulleiter hatte seine Schüler rechtzeitig evakuiert. Ein Militärangehöriger hatte Familie, Besitz, Grund und Boden verloren. Wir sahen, wie die Militärpolizei einen Überlebenden nach Tagen bergen und in einen Jeep bringen konnte.

"Wir wollen helfen"

Zurück in Kathmandu machten wir uns sofort an die Planung: Spendenaufrufe, Bilder, Kontaktpersonen ins Boot holen.

Gott sei Dank gingen Spenden von lieben Freunden ein. Unser Projekt, unsere Motivation bekamen Flügel, Aufwind.

Wasserfilter, Kleidung und Decken wurden nun in einer anderen Region benötigt. Die Heimleiterin verbrachte Stunden mit Telefonaten. Alle verfügbaren Wasserfilter in der Region wurden zusammengeordert. Sie ließ ihre Kontakte in der Hauptstadt spielen.

Ein gecharterter Bus wurde mit Hilfsgütern gefüllt. Weitere Helfer aus der Krankenhausbranche und aus dem Medien- und Filmbereich kamen dazu.

Alle anderen Vorhaben mit den Kindern oder zur Erholung fielen aus. Wir wollten helfen.

Erneut ging es eine Stunde durch den Straßendschungel von Kathmandu. Nur Kairo und Teheran sind schlimmer, denke ich mir, und wundere mich über die dennoch völlig entspannten Verkehrsteilnehmer.

Die Stimmung wird wieder gedrückt, als wir eine weitere Flutregion im Gajuri-Dhading-Distrikt erreichen.

Schon bald versammeln sich etwa 100 Dorfbewohner bei der von der Regierung etwas oberhalb der verwüsteten Dorfstraße errichteten Zeltstadt.

Es ist ein überaus herzlicher Empfang.

Wir leeren gemeinsam den Bus, verteilen Wasserflaschen und Kleidung. Familien werden registriert und notiert. Der Reihe nach verteilen wir nun die Wasserfiltersysteme – hergestellt in Nepal.

Dann fällt auf einmal der Name Maya Nepali. Maya bedeutet Liebe. Und Nepali ist klar.

Ich gehe ihr nach und sage ihr, wie wunderbar ich ihren Namen finde.

"Das ist meine Mutter. Ich heiße Shanti Nepali." Shanti bedeutet Frieden.

Ich muss sie einfach umarmen und habe Tränen in den Augen.

Drei Menschen mit Kisten in den Händen
Shanti und Maya Nepali.

Oh ja, Gott, schenke Liebe und Frieden für Nepal. Für die vielen trauernden Familien, die Verletzten, die zerstörte Natur.

Schenke Hilfe und offene Herzen, hilfsbereite Hände, die helfen, anpacken und spenden.

Mein Herz bleibt in Nepal

Ich muss weiter, um im Partnerprojekt in Kenia die Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen zu leiten. Aber diesmal nur sehr ungern.

Mein Herz ist hier: bei den Kindern, bei den Trauernden, bei denen, die helfen wollen, zusammenstehen, teilen und schon wieder lächeln. Ein Wunder.

Und vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal zu einer Trekking-Tour, zu der eigentlich Touristen aus aller Welt in das so beliebte Nepal reisen. Aber ich musste einfach helfen.

Das bin ich meinem Gott, meinem Glauben, meiner Kirche und den wunderbaren Menschen schuldig. Meine Pläne, Ideen und Lieder können warten.

Auch weiterhin wird das Kinderheim in die Flutgebiete fahren und nach und nach Hilfsgüter dorthin bringen.

Vielen Dank, wenn ihr die Menschen in Nepal unterstützen wollt:

Blütenherzen Kinderhilfe e.V.
IBAN: DE888505010002320025045
Stichwort: Fluthilfe Nepal