Bis zu 50 Prozent der Gebäude sollen bis 2035 in der evangelischen Kirche in Bayern aufgegeben werden. Auch Kirchen und Kapellen stehen zur Disposition. Doch wie können ehemalige Gotteshäuser zukünftig genutzt werden? Darüber informierte sich eine Gruppe des Evangelischen Bildungswerks Oberfranken-Mitte bei einer Studienreise in den Niederlanden, Deutschlands nordwestlichem Nachbar. Mitgeleitet wurde die Gruppe vom Theologen und Journalisten Günter Saalfrank. Hier lest ihr seinen Bericht.

Schlafen in der Kirche. Shoppen in einem Gotteshaus. Oder essen gehen in einem Sakralbau. Das ist in den Niederlanden schon seit längerem möglich. Bereits seit 1970 werden Kirchen dort umgenutzt. Bis 2020 haben mehr als 900 Gotteshäuser eine andere Aufgabe erhalten. Tendenz steigend. Zwei Momentaufnahmen aus dem Norden und Süden des Landes.

Beispiel Hoorn: In der 76.000 Einwohner-Stadt in Nordhollands dienen jetzt vier ehemalige Kirchen anderen Zwecken. Äußerlich wurde nichts verändert. Der Kirchturm steht weiter.  Im Inneren aber sind die Gotteshäuser zum Teil kaum wieder zu erkennen. Besonders eindrücklich die große Kirche, die 2022 zu einem Hotel umgestaltet wurde – mit passenden Namen Heaven (zu deutsch: Himmel). Auf den ehemaligen Emporen können Gäste nun in Zimmern himmlisch schlafen. Und das teils mit Blick auf die Buntglasfenster des früheren Sakralbaus.

Vom Gebetsraum zum Kreativort

Im Erdgeschoss ist ein Restaurant untergebracht. Dessen Besucher können durch eine eingezogene Glasdecke nach oben zu den Hotelgängen und Zimmertüren schauen.  Alte architektonische Elemente verschmelzen in dem Gebäude mit modernem Design.

Einen Steinwurf entfernt wurde eine Kapelle zu einem Kreativzentrum für Künstler umfunktioniert. Die ehemalige Inneneinrichtung ist ganz verschwunden. Wo früher um Gottes Geist gebetet wurde, weht jetzt ein Geist der Inspiration für kreative Köpfe.

In einem weiteren ehemaligen Gotteshaus sind noch Teile der bisherigen Ausstattung zu sehen. So blieb die Kanzel an ihrem angestammten Platz. Aus anderen Gegenständen ist eine große Theke entstanden. Die frühere Kirche dient nun als Event-Location. Ausstellungseröffnungen, Hochzeiten und andere Anlässe werden hier gefeiert.

Zwischen Tradition und neuer Nutzung

Geschäftiges Treiben herrscht in einer früheren reformierten Kirche. Eine Supermarkt-Kette hat dort eine Filiale errichtet. Menschen wuseln mit ihren Einkaufskörben herum. Ein für deutsche Verhältnisse ungewohnter Anblick.

Beispiel Dordrecht in Südholland. Von elf Kirchen im Zentrum der 123.000 Einwohner-Stadt werden noch sieben für Gottesdienste genutzt. Vier Sakralbauten dienen nun anderen Zwecken. In einem ehemaligen katholischen Gotteshaus war eine Zeitlang eine Disko unterbracht. Anschließend wurde es zu einem Wohngebäude mit Apartments umgebaut. Eine ehemalige Kirche wird nun als Museum verwendet, eine andere als Reisebüro und eine dritte als Geschäft für Küchenbedarf.

Auch wenn in beiden Städten das Äußere der ehemaligen Kirchen unverändert blieb, stimmte die neue Nutzung im Inneren die Besuchergruppe aus Oberfranken nachdenklich. Manches machte betroffen, stimmte traurig, sorgte für Erstaunen oder löste Kopfschütteln aus. Vor allem eine Frage blieb: Was passt wirklich in ein ehemaliges Gotteshaus? Welche Antwort darauf bei Umnutzungen zukünftig in Bayern gefunden wird, bleibt spannend.