Roter Buntsandstein, der in der Sonne warm aufleuchtet. Darunter der Main, der sich ruhig durch das Tal zieht. Und darüber – wie aus der Zeit gefallen – zwei Burgen, die mehr verbindet, als es auf den ersten Blick scheint: die Clingenburg in Klingenberg und die Henneburg bei Stadtprozelten. 

Zwei Orte, zwei Menschen, die sie mit Leben füllen: Jürgen Jung, der als "Ritter Roland" Geschichte erlebbar macht, und Petra Werthmann, die Besucher mit Leidenschaft durch die gewaltige Ruine der Henneburg führt.

Während in Klingenberg gerade 750 Jahre Stadtgeschichte gefeiert werden, führt der Blick mainabwärts zu einem weiteren Machtzentrum des Mittelalters – geprägt vom Deutschen Orden. Zusammen erzählen diese Orte nicht nur von Rittern und Mauern, sondern von wirtschaftlicher Stärke, politischem Einfluss und einer Region, die bis heute von ihrer Geschichte lebt.

Die Clingenburg: Wo Klingenbergs Geschichte beginnt

Wenn Jürgen Jung über "seine" Clingenburg spricht, dann beginnt alles mit einem scheinbar unscheinbaren Rohstoff: Ton. "Es gab eine Zeit, da war in jeder Bleistiftmine weltweit ein bisschen Klingenberger Ton", erzählt er. Dieser außergewöhnlich reine Ton machte Graphit geschmeidig – eine kleine Zutat mit globaler Wirkung.

Dass sich gleich mehrere Burgen rund um Klingenberg entwickelten, ist für Jung kein Zufall. Eine historische Karte aus dem Jahr 1592 zeigt gleich drei Anlagen, dazu eine mögliche frühmittelalterliche Ringwallanlage. Die Clingenburg ist die letzte sichtbare Zeugin dieser Zeit – und zugleich die wichtigste: Bereits um 1276, im Jahr der Stadtrechtsverleihung, stand sie als Machtzentrum über dem Main.

Der Verein Burglandschaft e.V., den Jung leitet, betreut heute über 100 Burgen und Schlösser im Spessart und Mainviereck. Sein Ziel: diese einzigartige Kulturlandschaft sichtbar machen. Und er geht dabei weit über klassische Denkmalpflege hinaus. In Rüstung, mit Schwert und Schild, taucht er als "Ritter Roland" selbst in das 13. Jahrhundert ein. "Das Mittelalter war nicht dunkel", sagt er. "Es war bunt, lebendig – und technisch viel weiter, als viele denken."

Diese Lebendigkeit spürt man auch auf der Clingenburg. Das romanische Tor, die mächtigen Mauern, der Blick über das Maintal – all das vermittelt eine Ahnung davon, warum dieser Ort einst so bedeutend war.

Blick auf die Clingeburg
Blick auf die Clingeburg.

Von der Clingenburg zur Henneburg: Ein Netzwerk der Macht

Die Geschichte der Clingenburg endet nicht an ihren Mauern. Sie reicht den Main hinunter bis zur Henneburg. Beide Anlagen verbindet ein Name: Konrad Kolbo, ein einflussreicher Gefolgsmann von Kaiser Friedrich Barbarossa. Als Mundschenk am Hof gehörte er zur Elite seiner Zeit – und ließ gleich mehrere Burgen errichten, darunter die Clingenburg, die Henneburg und die Kollenburg.

Die Burgen bildeten ein Netzwerk aus Macht und Kontrolle entlang des Mains. Während Klingenberg den nördlichen Bereich sicherte, entstand weiter südlich ein weiteres Bollwerk: die Henneburg – weithin sichtbar auf einem Bergsporn über Stadtprozelten.

Wer heute zur Henneburg hinaufsteigt, versteht sofort, warum Petra Werthmann von einer der schönsten Burgruinen Süddeutschlands spricht. Zwei Bergfriede, mächtige Mauern und geheimnisvolle Kasematten prägen das Bild.

"Das erste Gebäude war der Bergfried", erklärt sie. 25 Meter hoch, mit bis zu drei Meter dicken Mauern – ein Symbol von Sicherheit und Macht. Errichtet wurde er vermutlich zwischen 1160 und 1190, lange bevor die Burg 1253 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Die Henneburg: Machtzentrum des Deutschen Ordens

Der Deutsche Orden spielte hier eine zentrale Rolle: 1319 gelangte die Burg in seinen Besitz, und über mehr als 160 Jahre – bis 1483 – prägten die Ordensritter die Anlage. Sie nutzten sie nicht nur als Wohnort, sondern als strategischen Stützpunkt und Herrschaftssymbol im Grenzgebiet zwischen verschiedenen Territorien.

Werthmann beschreibt anschaulich, wie das Leben organisiert war: Unterkünfte im Palas, eine Zisterne für Wasser, schnelle Wege vom Wohnbereich in den Wehrturm. "Wenn Alarm war, waren die Ritter sofort einsatzbereit."

Doch 1483 verließ der Deutsche Orden die Burg – ohne sie zu zerstören. Sie wurde einfach aufgegeben. Was folgte, war ein langsamer Verfall: Bewohner der Umgebung nutzten die Steine als Baumaterial, Wind und Wetter taten ihr Übriges. Bereits 1704 wird die Henneburg erstmals als Ruine bezeichnet.

Petra Werthmann
Petra Werthmann auf der Henneburg.

Dass die Henneburg heute dennoch so eindrucksvoll erhalten ist, liegt auch am Engagement des Freistaats Bayern. Seit 1806 ist die Anlage staatliches Eigentum.

Schon König Ludwig I. ließ ab 1840 erste Sicherungsmaßnahmen durchführen – ein früher Schritt im Denkmalschutz. Später folgten größere Investitionen: 1979 bis 1985 umfassende Sanierung für rund 1,3 Millionen D-Mark sowie 2015 bis 2022 eine erneute Restaurierung für etwa 3,1 Millionen Euro. 

Dabei wurden Mauerkronen gesichert, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern – ein entscheidender Punkt, denn der Buntsandstein ist empfindlich: Er zieht Wasser, das im Winter gefriert und das Gestein sprengt.

Burgen als Erlebnisorte: Geschichte trifft Tourismus

Heute ist die Henneburg kein stilles Denkmal mehr, sondern ein lebendiger Ort. Petra Werthmann führt Besucher durch die Anlage, organisiert Kinderführungen und arbeitet mit lokalen Angeboten zusammen. "Wir wollen die Leute hierher bringen", sagt sie. "Geschichte erlebbar machen."

Ein besonderes Highlight ist der 3D-Bogenparcours rund um die Burg. Zwischen Bäumen und Felsen können Besucher mit Pfeil und Bogen auf naturgetreue Ziele schießen – eine moderne Freizeitaktivität in historischer Kulisse. "Wo hat man schon einen Bogenparcours an einer Burg?", fragt Werthmann und lacht.

Gleichzeitig bleibt die Nutzung ein Balanceakt. Denkmalschutz, Finanzierung und Infrastruktur stellen die Stadt immer wieder vor Herausforderungen. Die Burg gehört dem Freistaat, die Stadt ist Pächter – und muss abwägen zwischen Erhalt, Nutzung und Wirtschaftlichkeit.

Was Clingenburg und Henneburg verbindet, ist mehr als nur ihre Lage am Main. Es ist ein gemeinsames Kapitel mittelalterlicher Geschichte: geprägt von Macht, Handel und strategischem Denken.

In Klingenberg steht die Burg am Anfang einer Stadtgeschichte, die bis heute gefeiert wird. In Stadtprozelten erzählt die Henneburg vom Aufstieg und Rückzug eines mächtigen Ordens.

Und in beiden Fällen sind es Menschen wie Jürgen Jung und Petra Werthmann, die diese Orte lebendig halten. Sie zeigen: Burgen sind keine toten Steine. Sie sind Bühnen der Geschichte – und wer genau hinschaut, kann sie noch immer hören: das Klirren der Rüstungen, das Rufen der Wachen, das Leben einer längst vergangenen Zeit.