Wer von Wikipedia wissen will, was es mit dem Erntedankfest auf sich hat, stößt in der bekanntesten Internetenzyklopädie interessanterweise auf zwei Sätze, die just vor einem Jahr auf sonntagsblatt.de zu lesen waren. Sie lauten: "Das Fest soll verdeutlichen, dass der Mensch die Schöpfung Gottes nicht unter Kontrolle hat. Denn der Mensch ist der Bibel zufolge selbst Teil der Schöpfung."

Die halbe Wahrheit des Erntedanks

Das ist gewisslich wahr. Aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Wahr sind die beiden Sätze, weil es wahr ist, dass wir als Menschen gut daran tun, uns hin und wieder daran zu erinnern, dass nichts, was wir haben, was wir machen und was wir sind, selbstverständlich ist. Wir verdanken uns nicht uns selbst. Weder unsere Eltern noch unsere Großeltern noch unsere Urahnen sind unsere Schöpfer. Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Und niemand vermochte ihn bisher auszuloten. Der Anfang unseres Daseins liegt ebenso im Dunkel wie sein Grund. Wo die Wissenschaft stammelt, beginnen die großen Mythen zu reden, allen voran die biblische Urgeschichte in den ersten elf Kapiteln der Genesis.

Mensch, Universum und die Suche nach Sinn

Wir, Homo sapiens, sind irgendwann in diesem All zu Bewusstsein gelangt und fragen uns seither, was es mit uns und der Welt auf sich hat. Wir sind winzig. Das Universum ist riesig. Und es ist keine Gebrauchsanweisung dabei. Wissenschaft, Philosophie und Religion suchen so leidenschaftlich wie verzweifelt seit Jahrtausenden, die fehlende Gebrauchsanweisung aus der Natur der Dinge herauszulesen, um der Natur durch Aufklärung und Kultur ihren Schrecken zu nehmen. Alle Kultur weiß von der Zweischneidigkeit aller Dinge. Sie weiß darum, dass die Natur zwar unsere Lebensgrund­lage ist, uns aber eines Tages das Leben nehmen wird. Nichts ist zwiespältiger als die Natur. Man könnte Mutter Natur geradezu eine Meisterin des zärtlich-brutalen Doublebinds nennen. Und natürlich gilt dasselbe auch für die Kultur. Messer sind eine großartige Erfindung. Man kann damit Äpfel schneiden oder sie anderen Menschen in den Rücken rammen.

Carl Sagan und die Demut vor der Schöpfung

Apropos Äpfel. Es gibt einen großartigen Satz des großartigen US-amerikanischen Naturwissenschaftspopularisierers Carl Sagan, in dem wunderbar zum Ausdruck kommt, wie gering unser Weltwissen ist, wie wenig Grund wir trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts haben, uns für Schöpferinnen und Schöpfer zu halten und wie demütig uns all das machen müsste. "Wenn du wirklich einen Apfelkuchen backen willst", sagte Carl Sagan, "musst du erst das Universum erfinden.

Weil Kultur und Technologie nicht nur erhebend, also nicht nur Beethovens Neun­te, sondern auch zerstörerisch, also auch Nine Eleven sind, gehen der technologische und der kulturelle Fortschritt von je her mit Kultur- und Technologiekritik einher. Zum Beispiel in der bereits erwähnten biblischen Urgeschichte. Zugleich geht die Einsicht in den zwiespältigen Charakter jeder Bebauung der Schöpfung kraft kulturtechnologischer Gewalt mit einer großen Versuchung einher — und zwar mit der Versuchung der Naturverklärung und der Naturverehrung. In der Geschichte der Philosophie spiegelt sich das in den beiden Antipoden René Descartes und Jean-Jacques Rousseau nieder.

Das Erntedankfest als Naturdank

Weil der Herrschaftsauftrag des göttlichen Schöpfers an das von Anfang an moralisch minderbegabte Menschengeschlecht die Schöpfung immer wieder in Teufels Küche bringt, liegt es deshalb immer wieder nahe, in den behaglichen Schoß von Mutter Natur zu flüchten, die weniger destruktionsverdächtig scheint als der augenscheinlich ungute gewaltaffine alte Vatergott aus Genesis 1. Und so kommt es, dass das Fest des Erntedanks faktisch als Fest des Schöpfungsdanks oder besser gesagt als Fest des Naturdanks gefeiert wird

Der Mensch als Natur- und Kulturwesen

Dass aber der Mensch die Schöpfung eben nicht nur bewahren, sondern auch bebauen soll, also nicht nur ein Naturwesen, sondern auch ein Kulturwesen ist, gerät angesichts der augenfälligen schöpfungszerstörerischen Schattenseiten aller Kultur ebenso leicht aus dem Blick, wie der Schöpfungsdank selektiv schwachsichtig dazu neigt, die Augen vor den Schattenseiten der Natur zu verschließen. So sehr wir die Natur in hochkulturellen Hochzeiten der Zivilisation zumal im Outdoor- oder Strandurlaub oder im berüchtigten Bett im Kornfeld als freundliche, lust- und lebensintensitätssteigernde Natur genießen, so wenig sollten wir uns darüber hinwegtäuschen, dass fast jeder moderne Naturgenuss eine Frucht kultureller Naturbeherrschung ist. Erst durch den zivilisatorischen Sieg über die Natur konnte aus der Feindin Natur eine Freundin werden. Man sollte sich aber keine Illusionen machen. Die Freundin kratzt und beißt noch immer. Und sie zeigt nicht nur im Abenteuerurlaub nach wie vor ihre Klauen.

Die eigentliche Botschaft des Erntedankfestes

Das Erntedankfest erinnert daher, wenn es achtsam und reflektiert begangen wird, an beides. An Natur und Kultur. Es erinnert daran, dass uns dank der Schöpfung Gottes nicht nur das Lebensentscheidende, sondern auch das Leben selbst zufällt. Das Erntedankfest erinnert daran, dass uns die Schöpfung geschenkt ist. Aber es erinnert eben auch daran, dass wir in der Schöpfung nur überleben können, wenn wir die Schöpfung schöpferisch und schöpfungsdienlich bebauen und ihrer Schattenseiten Herr werden. Und natürlich erinnert es die irdischen Schöpfer auch daran, wie leicht die Schöpfung durch ihre Schöpfungen aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Wenn das Erntedankfest nur ein Naturverehrungsfest wäre, wäre das Erntedankfest jedenfalls kein Erntedankfest und kein christliches Fest. Außerdem wären wir als bloße Naturbewahrer und Naturgenießer, die weder säen noch ernten würden, längst nicht mehr da — zumal in einer gefallenen Welt, die nicht mehr der Garten Eden ist und nie mehr der Garten Eden sein wird.

Die biblische Sicht auf die Natur

Niemand, der die biblische Urgeschichte wirklich aufmerksam liest, dürfte jedenfalls angesichts der ersten Kapitel der Bibel guten Gewissens auf die Idee kommen, einer undialektischen Naturromantik nachzuhängen. Die alttestamentlichen Schöp­fungs­erzählungen halten uns vielmehr schonungslos vor Augen, dass das Verhältnis des Homo sapiens zur Natur, zu sich selbst, zu seinen Mitgeschöpfen und zu Gott verflucht ist, seit sich dieser Homo sapiens am Baum der Erkenntnis vergriffen und überhoben hat.

Leben jenseits von Eden

Eine der illusionslosesten Weisheiten der hebräischen Bibel lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Leben jenseits von Eden ist Kampf. Mal mehr, mal weniger. Und weil es so ist und Natur ohne Kultur die Hölle wäre, kann Erntedank nie nur Naturdank sein. Wäre Erntedank vor allem Naturdank, dann müsste das Lied Nummer 334 des bayerischen Gesangbuchs ehrlicherweise auch eine Strophe haben, die etwa so beginnt: "Danke für alle Metastasen, danke für meinen Hirntumor." Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob er eine solche Strophe als angemessene Ausdrucksform christlichen Vorsehungs- und Gottvertrauens akzeptieren könnte. 

Aus meiner Frömmigkeitssicht sind Hirn- und andere Tumoren eher der lebendige tödliche Beweis dafür, dass Natur eben auch Scheiße ist und ohne Kultur eine noch viel größere Scheiße wäre. Dass Kleinkinder an Krebs sterben, deutet darauf hin, dass etwas in der Schöpfung faul ist und zum Himmel schreit. Zu hoffen bleibt nur, dass dieser Himmel hoffentlich weiß, warum es überhaupt so etwas wie nichtmenschenverursachtes Leid in der Schöpfung eines gütigen und allmächtigen Gottes gibt.

Erntedank zwischen Agrarromantik und Moderne

Doch zurück zum Erntedank. So dekorativ sich die kirchliche Erntedankästhetik in jedem goldenen Oktober ausnimmt, so archaisch, arglos und ergänzungs-, ja modernisierungsbedürftig wirkt sie mitunter. Denn Menschen ernten ja nicht nur die Früchte des Feldes, sondern Gott sei Dank auch die Früchte ihrer Medizintechnologie. Im Grunde müssten sich die Altarräume der Kirchen an Erntedank also in Operationssäle oder Teilchenbeschleuniger verwandeln oder zumindest die verniedlichende erfahrungsferne Agrarromantik ein wenig kontrastierend konterkarieren: beispielsweise durch einen gigantischen hochtechnologischen Harvester der Marke Fliegl Gigant. Jeder, dem so ein Monstrum auf einer schmalen Landstraße schon einmal begegnet ist, weiß, worum es sich dabei handelt: um die furchteinflößende hochgezüchtete Version jener guten alten Pflugscharen nämlich, zu denen die Schwerter bekanntlich werden sollen.

Die Wirklichkeit moderner Landwirtschaft

Aufgrund seiner Größe ist so ein maschineller Flieglsaurus rex natürlich nur schwer in einen Altarraum zu befördern. Er würde nicht einmal durch das Hauptportal der Nürnberger Lorenzkirche passen. Trotzdem wäre die brutale Realitätskonfrontation mit Schöpfungstechnologie an Erntedank zweifellos schöpfungstheologisch heilsam. Dafür bräuchte es aber genau genommen keinen Fliegl Gigant. Ein Kanister nichtbiologisches Spritzmittel würde genügen. Auch der würde die Dialektik des Erntedanks zwischen der Wunschwelt kleinbäuerlicher Bioidyllen und der Glyphosatwirklichkeit industrieller Massenproduktion sichtbar machen, die all die dankend in Kauf nehmen, die bei ALDI mangels alternativer materieller Möglichkeiten zur Bückware greifen.

Die Segnungen der Kultur

Übrigens würde ich zwischen Spritzmittel und Kürbis auch noch eine Packung Penicillin platzieren, um — wohlwissend um antibiotikabelastetes Fleisch — auch noch andere lebenserhaltende und lebensrettende Segnungen der Kultur in den Blick zu rücken. Wenn Erntedankfeiern, die nun einmal außerhalb des Garten Edens stattfinden, den Befehl zur Bewahrung und zur Bebauung der Schöpfung widerspiegeln, dann sollten sie davon mit Früchten zeugen, die nicht nur bio, sondern auch antibiotisch sind. Bio allein wird zum Überleben nicht reichen. Zumal nicht jenseits von Eden, wo die Lage laut Gottes Wort in Genesis 3 wie folgt aussieht: "Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.

Das, nicht das endzeitliche Paradies, ist die Welt, in der Christinnen und Christen das Erntedankfest feiern. Gott sei Dank ist gegen diese verfluchte Welt das Kraut der Kultur gewachsen, das freilich seinerseits Widerhaken, Stacheln, Zähne und Krallen hat.

Eine persönliche schöpfungstheologische Vision

Wäre ich der göttliche Schöpfer, würde ich also sagen — und hätte es sogar in die biblische Urgeschichte schreiben lassen: "Siehe, es ist sehr gut, dass der Mensch nach dem Sündenfall nicht nur zu einem einem verfluchten Wesen geworden ist, sondern noch immer und notgedrungen erfinderisch sogar in höherem Maß als zuvor fähig ist, sich die verfluchte Erde und die verfluchte Natur untertan zu machen! Siehe, es ist sehr gut, dass der Mensch nicht nur das Ungute erntet, das er gesät hat, sondern noch immer auch Gutes säen und Gutes ernten kann! Siehe, es ist sehr gut, dass die Geschöpfe Gottes Erntedank feiern und und so ihrem Schöpfer dafür danken, dass er sie weder ohnmächtig einer zwiespältigen Natur noch einer zwiespältigen Kultur überlassen hat!"

Das Abendmahl als Vollendung des Erntedanks

Ach ja, und eins noch: Bei keiner Erntedankfeier sollte die Feier des Heiligen Abendmahls fehlen. Denn das Abendmahl ist die edelste Gestalt des Erntedanks. In Brot und Wein verbinden sich nicht nur Natur und Kultur, sondern auch die Schöpfung und ihr Schöpfer, der sie eines Tages von all ihren Zwiespältigkeiten erlösen wird.

Gott sei Dank.