Unter dem Titel "Minor Keys", also Tonarten in Moll, subtil und zurückgenommen, setzt die Biennale 2026 in diesem Jahr auf die leisen Töne. Ursprünglich hatte das Konzept für die Hauptausstellung im zentralen Gebäude in den Giardini die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh entwickelt. Kouoh war Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt und wurde als erste afrikanische Frau zur künstlerischen Leiterin einer Kunstbiennale von Venedig berufen. Doch wenige Wochen vor der Eröffnung verstarb sie überraschend im Alter von 57 Jahren. Ihr Team setzte das Ausstellungskonzept um und machte die Biennale di Venezia 2026  damit zu ihrem Vermächtnis.

Biennale Venedig und "Minor Keys" 2026

Ziel des Konzepts ist eine Rückbesinnung auf den natürlichen Lebensraum. Die Kuratorinnen und Kuratoren vertrauen auf die Kraft der Kunst, neue Relationen, Möglichkeiten und Chancen zu eröffnen. Die gigantische Ausstellung zeigt das Werk von rund 110 Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt.

Die Idee basiert ganz stark auf Musik und Gefühl, Nuancen und Emotionen. Den Kurator*innen geht darum, expressiv und kraftvoll zu sein, ohne zu schreien. "Take a Breath. Exhale. Drop Your Shoulders. Close Your Eyes", heißt es im Katalog als Einstieg und Anweisung an die Besucher. Das hört sich an wie eine Meditation, aber tatsächlich sind viele Kunstwerke eher Zustände, die eine längere Betrachtung einfordern.

Kuratorin Koyo Kouoh gab der Biennale 2026 ein deutliches Profil

Kouoh hat ein deutliches Profil hinterlassen. Ein enger Weggefährte erklärte, sie sei eine Kuratorin gewesen, die wie eine Dirigentin arbeitete. Kouoh war sehr vielfältig, sie entwickelte Ideen, organisierte Teams, strukturierte Prozesse und sicherte zugleich die Finanzierung großer Projekte. Als Frau in einer männlich dominierten Domäne habe sie sich all diese Fähigkeiten aneignen müssen. Darüber hinaus gründete sie mit RAW Material Company eine wichtige Plattform für zeitgenössische Kunst und kulturelle Debatten in Dakar.

Sie besaß jene seltene analytische Distanz, die vielen fehlt. Ihre zentrale Idee war, dass der Mensch wichtiger ist als die Kunst. Künstlerinnen und Künstler sind für Kouoh keine Werkzeuge, sondern Partner.

Von der kuratorischen Gesamtkomposition ist allerdings in der Biennale nicht allzu viel zu sehen. Vielleicht liegt es an den über 110 beteiligten Künstler*innen. Viel eher scheint es jedoch, dass die kollektive Umsetzung dazu führte, dass die Kurator*innen sich aufteilten und damit keinen wirklichen roten Faden entwickeln konnten. Viele Bereiche wirken so, als stünden sie unter dem Zwang, möglichst viele Positionen und Themen abzubilden. Gleichwohl gibt es einige sehr starke Arbeiten, die alles überstrahlen und den Ton setzen.

Szenografie der Ausststellung der Biennale 2026 setzt auf Ökologie

Beachtenswert an der Biennale 2026 ist die Szenografie. Für die Gestaltung setzten die Macher auf Nachhaltigkeit und Naturfarben. Die tiefen Blautöne der hölzernen Wände und Panele geben der Ausstellung einen ruhigen Rahmen. Auch die konsequente Verwendung von Pappe verleiht der Ausstellung einen besonderen Charakter. Wiederverwendbare Materialien, modulare Architekturen und ein reduzierter Ressourceneinsatz gehören zu den auffälligen Merkmalen der Schau. Die Biennale ist damit sicherlich eine der nachhaltigsten großen Ausstellungen, die in Venedig bislang konzipiert wurden.

Auffällig ist auch, dass viele eingeladenen Künstlerinnen und Künstler nicht aus dem Westen kommen und nicht zum sogenannten globalen Kunstsystem zählen. Handwerkliche Praktiken stehen deshalb stark im Vordergrund: Es gibt Arbeiten aus Ton, Stoffe, Stickereien und textile Installationen. Immer wieder wird mit Müll und bereits vorhandenen Materialien gearbeitet. Die Ausstellung wertet damit Wissensformen auf, die im westlichen Kunstkanon lange als Kunsthandwerk marginalisiert wurden.

Religion und Glaube auf der Biennale

Religionsgemeinschaften und Glaubenswelten spielen auf der Biennale 2026 in Venedig eine herausgehobene Rolle. Kader Attia hat mit "Whispers of Trace" einen Raum geschaffen, der mehrere Videos zeigt, die Ausdrucksformen des Glaubens wiederspiegeln. Der Raum wird von dicken Seilen strukturiert, an denen Spiegelscherben kleben. Jeder Spiegel stellt die Frage an die Besucher: Wie gehen wir mit unserem Glauben um?

In den "Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi" befindet sich ein Kräutergarten, in dem die Installation "Das Ohr ist das Auge der Seele" zu sehen ist, inspiriert vom Leben und Vermächtnis der Heiligen Hildegard von Bingen. Diese verstand Klang als Wissen, als Brücke zwischen Körper und Welt, Mikrokosmos und Makrokosmos. Mit einem Soundwalk haben verschiedene Komponisten und Musiker einen Klangraum geschaffen, der zu Achtsamkeit und Zuhören einlädt.

Beeindruckend auch die Arbeit von Alfredo Jaar. In seinem Kunstwerk "The End of the World" hat er einen kleinen Quader aus seltenen Erden wie Kobalt, Kupfer, Nickel, Lithium, Mangan und Coltan erstellt. Er steht in einem Raum, der in rotes Licht getaucht ist. Das wirkt zugleich opulent und aggressiv. Die Arbeit verweist auf die Schöpfung, den Abbau globaler Rohstoffketten und die oft unsichtbaren sozialen und ökologischen Kosten der Energiewende.

Im ägyptischen Pavillon lädt Armen Agop zu einer Reise vom Immateriellen zum mystisch Unsichtbarene ein. Er hat wunderbare einfache Skulpturen geschaffen, die die Zeit verstreichen lassen und den Raum zu einem Ort der Kontemplation, Meditation und Reflexion transformieren. 

 

Biennale Venedig 2026
Biennale Venedig 2026: Performance im deutschen Pavillon.

Florentina Holzinger provoziert und begeistert das Publikum

Wie immer setzt die Biennale in Venedig auch auf performative Formate. In vielen Pavillons im Giardini finden zu einer bestimmten Zeit Aktionen statt. Dann sammeln sich die Besucher in langen Schlangen und stehen an für diese Mini-Events.

Die Österreicherin Florentina Holzinger zeigt mit ihrem Team eine der stärksten Arbeiten der gesamten Schau. "Sea World Venice! heißt ihre Performance. Holzinger entscheidet sich für eine fast kirchliche Inszenierung. Wie ein Schaukasten steht ein Becken mit Wasser im Eingangsbereich des österreichischen Pavillons. Darin steht eine nackte Frau mit Atemmaske, bewegungslos und aufgerichtet wie eine Christusfigur. In einem anderen Raum befindet sich ein großes Wasserbecken. In regelmäßigen Abständen fährt eine Performerin mit einem Motorboot im Kreis, zunächst langsam, dann immer schneller. Schließlich schlagen die Wellen über den Rand des Beckens und benetzen das Publikum.

Holzinger zeigt weibliche Nacktheit einerseits als artistische Meisterleistung, andererseits ist es Ausdruck einer Selbstermächtigung des Raums. Ihre Performerinnen spielen mit heteronormativen Erwartungen, stellen Macht infrage und bewegen sich zwischen drastischer Körperlichkeit, Humor und Spektakel. Gemeinschaft und Unterhaltung nehmen der Inszenierung den Schrecken und dämpfen zugleich mögliche moralische Einwände.

Fortress: Stille und Schreie im niederländischen Pavillon

Eine andere Performance wird im niederländischen Pavillon geboten: Der Eingangsbereich ist fest verschlossen mit einem Rolladen, der unter lautem grummeln hinaufgezogen wird. Etwa hundert Menschen betreten den Raum, der als "Fortress" bezeichnet wird. Der Rollladen schließt sich wieder, die Gäste sind eingeschlossen. Es wird still. Dann ertönt ein Schrei.

Eine Performerin wird die nächsten 25 Minuten Begriffe in den Raum werfen, laut, klar, unerbittlich. Es ist eine atemberaubend kraftvolle Inszenierung über Erschöpfung, Mut und Liebe. "Love yourself", ruft sie. "Love the flowers." "Love the landscape." Immer wieder: "Love."

Besonders beeindruckend wird die Inszenierung, als die Rollläden herabgelassen werden und der Raum vollständig in Dunkelheit versinkt. Die Performerin schreit weiter: "Help Yourself", "Love Yourself", "Smile" und wieder "Help". Es ist eine Performance zwischen Wahnsinn und Aggression, die an Gewalt erinnert und zugleich den Geist in Aufruhr versetzt. Die absolute Dunkelheit verstärkt die Wirkung. Eine intensive Erfahrung, die ohne jede technische Verstärkung auskommt und die Besucher emotional berührt zurücklässt.

 

Biennale Venedig 2026
Biennale Venedig 2026: The Fortress

Kunst wird politisch gelesen

Wer nach drei Tagen durch die Giardini und das Arsenale, durch Pavillons und besondere Orte geschlendert ist, der hat nicht nur unglaubliche Orte gesehen, sondern einen großen Erfahrungsschatz. Die Biennale von Venedig schafft es immer wieder, sich neu zu erfinden und ungewöhnliche Positionen zu verhandeln. Deutlich wird, dass Kunst heute wieder stark politisch gelesen wird. 

Schon zu Beginn der Biennale gab es Proteste und Boykottaufrufe gegen einzelne nationale Beteiligungen. Demonstrationen und politische Interventionen begleiteten die Eröffnung. Nur mit Mühe gelang es den Organisatoren, die Wogen wieder zu glätten und den Kunstbetrieb aufrecht zu erhalten.

Bitter ist hingegen, zu sehen, wie die Biennale innerlich zu erodieren scheint, weil immer mehr mächtige private Institutionen und Staaten die einzigen Akteure sind, die große Kunstprojekte überhaupt noch finanzieren. So entsteht stellenweise der Eindruck, dass manche Kunstwerke und ganze Ausstellungsbereiche weniger aus einer kuratorischen Notwendigkeit hervorgegangen sind als aus finanzieller Schlagkraft.

Wie die Biennale immer mehr von Sponsoren beeinflusst wird

Besonders deutlich wird dies an einigen nationalen Präsentationen, die wie Imagekampagnen wirken und mit Kunst kaum noch etwas gemein haben. Das Emirat Katar etwa investiert seit Jahren massiv in seine internationale Kulturpolitik. Das stellt die traditionelle Rolle der Kuratorinnen und Kuratoren als unabhängige Instanz für die Bewertung und Vermittlung von Kunst zunehmend infrage.

Und dennoch gelingt dieser Biennale etwas Bemerkenswertes. Trotz aller Widersprüche, trotz aller politischen Konflikte und strukturellen Schwächen bleibt die Erinnerung an jene Arbeiten, die nicht schreien müssen, um gehört zu werden. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke von Minor Keys: in der Überzeugung, dass Kunst nicht lauter sein muss als die Welt, um sie zu verändern.