Auf dem Boden im Predigerseminar liegen quer durcheinander: Ein Elefant, ein Kamel, ein Hund, eine Katze und noch ein paar mehr Spielzeugtiere. Dass das Vikariat (die Weiterbildung zur Pfarrerin nach dem Theologiestudium) manchmal ein bisschen anders funktioniert als andere Ausbildungen, wusste ich schon, aber heute geht das Ganze nochmal auf eine andere Stufe: "Wenn Seelsorge ein Tier wäre, welches würdest Du wählen?" Bitte, was?!
Aber damit nicht genug: In den nächsten Tagen suchen wir nach biblischen Bildern und Geschichten für unser Seelsorgeverständnis: Eher Emmausjünger oder David mit der Harfe? Eher Blindenheilung oder Hochzeit zu Kanaa? Und irgendwann in dieser Kurswoche sitzen wir da auch mit einer schönen Auswahl von Dingen, die ich eigentlich gern zum Wertstoffhof bringen würde - Flaschendeckel, Papiermüll, Plastiktüten – und sind freundlich eingeladen, auch daraus unser persönliches Bild von Seelsorge zu gestalten.
Ich finde, man kann sich absolut zurecht über diese Methodik lustig machen – aber trotzdem würde ich sie heute selber anwenden, wenn ich mit Menschen darüber reden will, wie sie mit anderen Menschen Gespräche über Trauer, Scham und Schuld führen können. Ich würde sie nicht mit wissenschaftlichen Definitionen zuschütten, nicht mit theologischen Abhandlungen traktieren und auch nicht mit empirischen Erhebungen zur Wirksamkeit von 1:1 Gesprächen.
Ich würde sie fragen: Was brauchst Du denn, wenn Du traurig bist? Welches Gefühl kannst Du für Dich nur schwer in Worte fassen? Bei welcher biblischen Geschichte spürst Du diese Mischung aus Sehnsucht und Hoffnung, die Dich wissen lässt: Ich bin nicht alleine?
Seelsorge ist keine Therapie, aber sie hilft. Seelsorge ist kein Gespräch unter Freundinnen, aber ich bin trotzdem keine weiße Wand, wenn Du mit mir redest. Seelsorge weiß am Ende nicht die Lösung, aber das Problem fühlt sich anders an. Seelsorge kostet nichts, aber sie ist unendlich wertvoll.
Meine Erfahrungen als Klinikseelsorgerin
Ich arbeite jetzt seit einem guten Jahr als Klinikseelsorgerin. Ich betreue mehrere psychosomatische Kliniken und ein Hospiz. Mein Respekt vor dieser Arbeit war riesig und ist es immer noch. Ich werde oft mit den Unterschieden zwischen Therapie und Seelsorge konfrontiert, weil die Menschen, die mit mir sprechen, fast immer auch Gespräche mit Psychotherapeutinnen führen. Sie haben Diagnosen und Therapieziele.
Manche haben traumatisierende Erlebnisse zu verarbeiten oder kämpfen immer wieder gegen ihren Körper. Die Mütter aus der Mutter-Kind-Klinik sind erschöpft und hungrig nach Tipps und Ratschlägen, wie sie ihren Alltag endlich konfliktfreier gestalten können, ohne sich selbst mehr und mehr zu verlieren. Das Schwierigste für mich bei alldem ist es, die Vorstellung los zu lassen, irgendwas auch nur ansatzweise lösen zu können. Den einen Rat zu geben, das eine Wort zu sagen, die eine Perspektive, die alles ändert. Denn anders als in einer längeren Therapie treffe ich meine Gesprächspartner meistens nur ein einziges Mal.
Und tatsächlich, manchmal fällt dieser eine Satz auch. Aber nicht ich sag ihn, sondern mein Gegenüber: Immer dann, wenn wir zusammen ganz nah an diesem Schmerz sind, ganz nah an dem, was sich unlösbar anfühlt: "Ich hab es immer gut gemeint." Oder "Ich fühle mich nie ganz zu Hause." Und dann ist es still und laut gleichzeitig: Ganz still, weil das das Wichtigste war, was heute zu sagen war. Und ganz laut, weil ich merke, wie stark und laut und intensiv sich das grade anfühlt. Und dann gehen wir weiter am See entlang. Weichen einem Radfahrer aus, bleiben kurz an der Brücke stehen.
Ich muss das jetzt nicht ändern, denke ich, und Du auch nicht. So ist es jetzt. Manchmal fällt es mir schwer, diese Ohnmacht auszuhalten. Ich kann der Frau neben mir die Trauer um ihre verstorbene Tochter nicht nehmen. Aber das will sie auch gar nicht: "Wenn ich um meine Tochter trauere, bin ich ihr ganz nah. Ich spüre sie dann, so wie früher, als ich sie im Arm gehalten hab. Meine Liebe ist jetzt ganz in dieser Trauer."
Und ich denke an Maria unter dem Kreuz. Wie sie aushalten musste, dass jetzt alles anders ist. Wie sie geblieben ist und nicht alleine war. Seelsorge ist Sitzen unter dem Kreuz. Dort sitzen mit der leisen Hoffnung, dass da, wo der Schmerz ist, auch die Liebe ist, unverwundbar und ewig. Ich sitze mit den Menschen unter dem Kreuz, aber ich steh mit ihnen auch am offenen Grab, gleichzeitig. Ich muss dafür nicht nach hoffnungsvollen und klugen Sätzen suchen, ich muss auch nicht wissen, warum Gott das zugelassen hat. Ich muss nur sitzenbleiben und gleichzeitig dafür einstehen, dass wir Grund zur Hoffnung haben. Dass das Leben keine Heilung braucht um lebenswert sein zu dürfen. Und inzwischen glaube ich, dass es mich als Seelsorgerin dafür braucht.
Seelsorge ist Sitzen unter dem Kreuz
Keine KI, die alles kann und weiß. Kein Ratgeberbuch, keinen Psychologie-Podcast. Es braucht mich, mich selber mit meinen Fragen und Gefühlen, mit meiner eigenen Hoffnung. Ich bin jetzt grade – und dieser Begriff klingt so fromm, dass es mir schwerfällt, ihn zu benutzen – Zeugin der Auferstehung. Ich bin Maria von Magdala im Garten, wie sie den auferstandenen Jesus sieht und glaubt. Nicht versteht, aber glaubt. Ich bin Zeugin des Lebens. Keine bessere als andere, aber eine, die eben jetzt grade da ist.
Ich halte meinen Kopf hin für das Leben, für die Gnade, für den Trotz, dafür, dass es verdammt hart ist. Ich stehe für das Leben ein, das Dir so weh getan hat und ich glaube für Dich daran, dass sich das ändern wird. Das muss ich nicht sagen, denn diese Hoffnung, die ist Deine. Sie gehört Dir. Und ich werde sie hüten für Dich.