Es geht aufwärts! Der Nachrichtensprecher im Radio meldet es: Alle Kurven gehen wieder nach oben, die Statistiken zeigen es deutlich: Wir haben die Krisen überwunden. Die tiefen Täler sind durchschritten. In der Zeitung lese ich, dass ein großes weltweites Fest der Völkerverständigung geplant wird. Die Nationen haben nach den Jahren der Aufrüstung, der Kriege und Abgrenzung erkannt, wie wichtig der Frieden für die Welt ist. Den radikalen Parteien laufen die früheren Anhänger in Scharen davon. Der Wirtschaft, den Städten und Kommunen geben die positiven Prognosen einen Boost. Das Stimmungsbarometer ist umgeschwungen. Die Menschen atmen auf. Kaum noch vorstellbar, wie verzweifelt alle bis vor kurzem waren. Wir haben es geschafft!

Guten Morgen, vielleicht haben Sie jetzt gerade gedacht: Die spinnt ja wohl komplett. Wo lebt die denn? Oder Sie haben sich zumindest kurz gefragt, ob Sie selbst eventuell etwas Entscheidendes verpasst haben. Nein, natürlich waren das keine aktuellen Meldungen. Leider. Die Nachrichten klingen sehr, sehr anders und die Stimmung… naja. Aber ich mache manchmal dieses Gedankenexperiment mit anderen und mir selbst, heute mit Ihnen: Können wir uns im Moment überhaupt noch vorstellen, dass wir irgendwann einmal solche Nachrichten hören werden?

Es fällt schwer sich vorzustellen, wann, ob überhaupt wir das fühlen werden: Durchatmen… geschafft! Meine Oma hat mir einmal erzählt: Als sie nach dem Krieg, und ohne dass schon alles gut gewesen wäre, in einem Schaufenster wieder Feinstrumpfhosen zu kaufen sah, habe sie in dem Moment gespürt: Jetzt geht‘s aufwärts! Solche Momente meine ich. An solche Gedanken trauen sich viele gar nicht mehr heran. Daran, dass der Berg überwunden werden kann. Ich habe manchmal den Eindruck: Solche Gedankenspiele erscheinen total naiv und peinlich, ja, fast unanständig. Weil sie die Lage nicht ernst nehmen könnten. Weil wir doch davon ausgehen: Das ist ja eben kein Berg mehr, der überwunden werden kann. Das ist ein dunkles, endloses Tal, ein ewiger Tunnel, aus dem wir nie wieder herauskommen. Der Krisenmodus wird unser Alltag, für immer, jetzt und allezeit.  

Ich merke: Da regt sich mein Verstand in mir – Jedes Tal, jeder Tunnel hat einmal ein Ende! Vor allem regt sich meine christliche Hoffnung, so herausgefordert sie durch die ganzen Krisen auch ist: Stopp! Nein, das kann doch nicht alles sein.

Denn sähen wir uns tatsächlich nur noch in den dunklen Tälern, im Tunnel, wie in einem Abwärtsstrudel der Krisen, dann… ja, dann würde eigentlich alles sinnlos: Kein Grund mehr, um gegen Krisen anzukämpfen. Es wäre nutzlos, nach guten Lösungen zu suchen. Die Politik bräuchte keine Verhandlungen mehr zu führen und die Kirchen könnten dicht machen: Wegen Hoffnungslosigkeit dauerhaft geschlossen. Dann müssten wir uns ergeben in Selbstmitleid und Verbitterung und würden kapitulieren vor jenen Parteien und Unheilspropheten, die genau diese Gefühle gerade befeuern. Es scheint in diesen Zeiten oft redlicher, solche düsteren Gedanken zu formulieren. Finstere Zukunftsprognosen lassen sich leichter besprechen als helle, lichte. Aber ob das der richtige Weg ist? 
Vielleicht stellt sich also weniger die Frage, ob man von einer guten Zukunft her denken DARF, sondern ob man gerade, wenn wir das mit der Hoffnung ernst nehmen, in diesen Zeiten von ihr her denken MUSS. Wenn Claudia Koreck singt: "Ich habe Hoffnung, I got hope", dann klingt hindurch: Doch, doch, sie weiß schon um die Krisen, aber was sie auch erlebt: "die Welt an sich ist schön".

Auftrag: Licht und Salz sein

Jesus sagt:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13-16)

Ihr seid Salz und Licht. Diese schönen Worte gehören zur Bergpredigt, eine Art Grundsatzprogramm, das Jesus den Menschen mitgibt. Vom Berg aus, weil ihn so viele sehen und hören wollten. Ihnen allen sagt er zu, Salz und Licht zu sein. Nicht nur ein paar Auserwählten. Und heute hören das ganz viele Menschen in den Gottesdiensten.

Bei den Bildern geht sofort das Kopfkino los, damals wie heute. Letzte Woche ging mir spontan das Salz aus - wie fad Kartoffeln schmecken können! Salz würzt, gerade indem es den Geschmack eines Gerichts erst so richtig hervorbringt. Zu Jesu Zeiten war Salz kostbar. Man brauchte es, um Lebensmittel haltbar zu machen und rieb Opfertiere damit ein. Na ja, und Licht, das ist klar: Licht macht das Dunkel hell, es gibt Orientierung, reduziert Gefahr, weil man sie rechtzeitig sieht, es lindert Angst. Zu biblischen Zeiten waren die Nächte halt wirklich noch zappenduster, anders als bei uns. Darum: Licht war und ist ein Segen. Oft haben die Menschen damals von Gott als "Licht" gesprochen. Und von Jesus. Was der nun in der Bergpredigt sagt, ist also ganz schön außergewöhnlich: Ihr seid´s - das Licht. Wir sind es wechselseitig.

Kurt Marti, das licht:
der sagt ich bin
sagt uns ihr seid
der sagt ihr seid
sagt uns ich bin
das licht der welt 

Alle, die zu Jesus kommen, die ganz Normalen und die super Eifrigen, Alte, Junge, Männer, Frauen, Kinder sind Salz und Licht. Die Zusage wird damit zum Auftrag: Seid es bitte auch! Leuchtet! Stellt euer Licht nicht unter einen Scheffel! Da wäre es nicht nur unsichtbar, die Flamme würde sogar ersticken. Ihr könnt, ihr sollt salzen: Holt den Geschmack aus dem Leben hervor, werdet nicht fad und müde. Salz und Licht: Das heißt: Seid wahrnehmbar im dunklen Einerlei, gebt dem Leben Würze und funkelt heraus in dieser Welt leuchtet für die Welt und die anderen Menschen. Cover them in sunshine. Hüllt sie ein in Sonnenschein!

Salz und Licht 2026

Salz und Licht. Eine Zusage und ein Auftrag, die bis heute an uns weitergegeben werden: Wie salzen und leuchten wir denn so? Gar nicht so leicht zu beantworten. Mahnerinnen und Warner sein – so haben wir den Auftrag häufig verstanden. Also: Probleme benennen, Licht auf die Missstände werfen, den Finger in die Wunde legen. Im alten Israel galten nur Unheilspropheten als die echten! Salz musste brennen in den Augen und in den Wunden. Falsche Propheten haben dagegen über gesellschaftliche Sorgen hinweggeschaut, um es sich gemütlich in der Zeit einzurichten. Bloß kein Aufruhr. Wie fades, abgestandenes Salz.

Mein Eindruck: Wir sind weit, weit davon entfernt, es uns gerade allzu gemütlich einzurichten. Viele fühlen sich ja eher im dunklen Tunnel und in finsteren Tälern, sind oft missmutig, wütend, verzweifelt, besorgt. Man wälzt Probleme, spricht mit allen darüber, die Medien berichten davon. Keine Frage: Es ist total wichtig, auch seine Sorgen und Probleme mit anderen zu teilen. Sich etwas von der Seele zu reden. Zu viel davon führt allerdings zu einem neuen Problem: "Co-Rumination" nennen es amerikanische Forscher: Ruminare heißt Wiederkäuen. Wie die Kühe. Eine Studie hat ergeben: Wenn wir mit anderen pausenlos, wieder und wieder nur noch über das Schlechte und Misslingende sprechen, dann hilft das nicht mehr, sondern im Gegenteil: die Stimmung wird immer schlechter, alle werden immer pessimistischer. Wie ein fader, trauriger Einheitsbrei erscheint das Leben. Richtig hell wird’s in der Seele nicht mehr, eher Dämmerlicht oder ganz duster. Und ich soll Salz und Licht sein… 

Vielleicht braucht es jetzt also etwas Anderes. Wenn wir als Christinnen und Christen heute Salz und Licht sein wollen, wenn wir heute sichtbar und spürbar werden sollen in der allgegenwärtigen Düsternis, dann sind wir nun vielleicht die, die vom Licht am Ende des Tunnels erzählen, die das Gute und Gelingende ausleuchten und anstrahlen. Wir sollten uns und andere wieder auf den Geschmack am Leben und an dieser Welt bringen. Ich glaube, es braucht gerade eine Flut von Hoffnungsvollem und Zuversichtlichem, das wir in diese Welt tragen. Vom guten Ende her denken. Mehr Gedankenexperimente wagen: So stelle ich mir unsere Welt nach den Krisen vor. So können wir darauf hinwirken.

Ich weiß, der Grat ist furchtbar schmal: Denn keiner will naiv erscheinen, blauäugig, schon gar nicht zynisch oder weltvergessen. Christinnen und Christen, die Kirche und ihr Bodenpersonal wollen ganz bestimmt nicht in den Verdacht geraten, dass sie Sorgen übergehen oder geringachten würden. 

Weder darf die Hoffnung die Probleme kleinreden, noch dürfen die Probleme die Hoffnung vergessen lassen. Neben allen Sorgen hat auch das Gute und Schöne seine Berechtigung. Es ist nicht weniger echt, es ist nicht weniger wahr als das Schlechte. Und – das ist entscheidend - wenn wir uns wieder mehr dem Guten, dem Gelingenden und Hoffnungsfrohen zuwenden, dann bringt das was. Das wirkt: Wer aus Hoffnung und Zuversicht heraus lebt, der bekommt wieder Kraft, die Probleme zu bewältigen. Wir brauchen wieder Halt und Tritt im Abwärtsstrudelgefühl. Momente, in denen ich Boden unter den Füßen spüre. Vielleicht auch Gottes Hand spüre, die mich auffängt und mir dann, wie zu Kinderzeiten, Räuberleiter gibt. Damit ich Fuß fassen und den Weg aufwärts antreten kann. 

Mascha Kaleko, die Dichterin, hat den Abwärtsstrudel des Nationalsozialismus miterlebt. Und mit dem Licht wieder einen Weg nach oben gefunden. 

Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort. – 
Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle,
Das trug wie eine Welle mich hinfort.
Und Licht ergoß sich über jede Stelle,
Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. -
Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Nun schließ ich sie so bald nicht wieder zu.

Aus und auf gutem Grund

Wer Licht und Salz sein will, der sollte aus allem, was uns so sehr nach unten zieht, wieder Wege in die Zukunft freiräumen. Wir könnten wieder vielmehr von Möglichkeiten erzählen und Hoffnungsgeschichten. Probleme gehören ernstgenommen, aber anstatt sie ewig zu wälzen, wäre es hilfreich, dann vor allem über ihre Lösungen nachdenken. Das ist übrigens keine billige Vertröstung, kein christliches Wolkenkuckucksheim. Denn schauen wir uns um: wir erleben jetzt schon ganz viel Salz und Licht. Es gibt also sehr gute Gründe in und jenseits dieser Welt, zuversichtlich zu sein. Es lohnt sich, mehr Salz und Licht in dieses Leben zu bringen. Ich nenne Ihnen nur fünf Gründe und Sie finden bestimmt noch mehr.  

Erstens: Wir und die Menschen vor uns haben Erstaunliches geschafft. Und auch wenn nicht immer alles perfekt läuft – so grundsätzlich würde kaum jemand darauf verzichten wollen: Bildung, Verkehr, Medizin, Sozialwesen. Manchmal, wenn ich etwa in die U-Bahn springe, packt mich ein Staunen: Eigentlich verrückt, dass es so etwas Komplexes unter der Erde gibt. Ich wüsste nie, wie man solche Schächte baut! Also wir dürften mehr staunen. So wie Kinder: "Wow, was haben wir Menschen für krasse Ideen gehabt? Mehr wie die Kinder werden, das hat Jesus uns ja übrigens auch aufgetragen. Vielleicht ist das gemeint. Salz- und Licht-Staunen: Wow, unser Leben funktioniert ganz schön gut. Das hält.

Zweitens, so schlimm Krisen sind, sie machen auch oft kreativ. Ich habe gleich eine Melodie dazu im Ohr: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" vom Dichter Paul Gerhardt. Die Geschichte hinter seinen Liedern bewegt mich immer wieder. Paul Gerhardt ist im 30jährigen Krieg aufgewachsen, hat Frau und fast alle Kinder verloren. Eine persönliche Megakrise. Er hätte alles Recht gehabt, sich zu vergraben, sich mitreißen zu lassen im traurigen Strudel abwärts. Aber nein. Paul Gerhardt schreibt und dichtet. Er schreibt sich die Welt nicht naiv schön. Gerhardt schreibt vielmehr Licht- und Salz-Lieder, mit allem Mut der Welt, die das Wunderbare der Schöpfung besingen und das Gute, das er nicht vergessen will. Genau so geben sie ihm und vielen anderen bis heute Kraft. 

Ein dritter Grund für Zuversicht: Im Nahbereich läuft es! Fragt man Menschen, wie es ihnen geht, dann ergeben alle Studien: Die Weltlage macht Angst, aber im privaten und nahen Umfeld geht’s vielen ziemlich gut. In den Dörfern, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften gibt es viel Zusammenhalt: Nach den Unwettern Mitte Juli in Franken haben so viele geholfen. Schulprojekte: machen wir! Es braucht Spenden: klar gebe ich etwas! Man sieht sofort die Ergebnisse. Das steigert die Zufriedenheit und macht Lust auf mehr und vor allem auf Zukunft. Übrigens: Jesus war in seinem Leben ganz ähnlich unterwegs: Er zog von Dorf zu Dorf, suchte sich Unterstützerinnen und Freunde. Er hat viele praktische kleine Lösungen gefunden und am Ende eine weltweite Gemeinschaft gestiftet.

Viertens: Es geschieht total viel Schönes und Gutes! Davon kommt im Verhältnis betrachtet nur viel zu wenig in den Nachrichten vor. Ich wette: Sie haben sofort Beispiele im Kopf: Das Miteinander und die Fröhlichkeit auf Festen. Jugendliche verbringen ihre Freizeit damit, Kindern Schwimmen beizubringen. Oder Ihnen geht einfach im Supermarkt das Herz auf, weil Sie freundlich angelacht werden. Meistens gibt man das ja dann auch weiter, beim Spaziergang, in der U-Bahn. Das sind "Salz und Licht"-Momente, wie ein kleines stillschweigendes Einverständnis: Geht doch! Allen Krisen zum Trotz. Ich lasse mir neuerdings gegen Abwärtsstrudelgefühle täglich gute Nachrichten in mein Postfach schicken. Salz-und-Licht-Nachrichten. Die lassen mich wieder Tritt fassen in aller Verzweiflung: Zum Beispiel haben Europas Badeseen top-Wasser-Qualität. Oder diese Meldung hier: Das Vertrauen in echte Nachrichten bleibt stabil… Oder dies hier:

Vogelgezwitscher

Nur sechs Minuten Vogelgezwitscher am Tag zu hören, führt dazu, dass wir Stress abbauen, unsere Angst gelindert und das allgemeine Wohlbefinden deutlich gesteigert wird. Und noch viel mehr. 

Doch, es gibt sie, die guten Nachrichten! Warum sollten dann nicht die wahr werden können, die ich Ihnen ganz am Anfang in unserem Gedankenexperiment erzählt habe? Dass wir irgendwann sagen: Wir haben es geschafft. Wir haben die tiefen Täler durchschritten, den Tunnel durchwandert.

Mein fünfter Grund ist nicht von dieser Welt: Für mich ist das die Verheißung, die ich aus der christlichen "guten Nachricht", dem Evangelium, in Herz und Seele mit mir trage: Gottes Licht IST in der Welt, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Auch wenn oder gerade, weil die Welt im Dunklen gefangen scheint. In allem düsteren Abwärtstaumel gibt mir dieses Versprechen Boden unter den Füßen und Lichtstrahlen in meine Seele. Daher entspringt er, mein unbedingter Wille, hoffnungsfroh zu bleiben. Und anderen etwas davon weiterzugeben. 
"Und jetzt stell dir vor, jemand sagt über dich, du bist das Salz dieser Erde und du bist ihr Licht. Ohne dich geht es nicht, wir brauchen dich, du bist wichtig, wie Salz und Licht.

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörer:innen immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.