Seit Donnerstag, 30. Juli, wird in der Nürnberger St.-Jakobskirche pausenlos musiziert – und das soll so bleiben, bis Sonntagvormittag, 2. August, 9 Uhr. 72 Stunden am Stück, organisiert vom Verband evangelischer Posaunenchöre in Bayern (VEP), mit rund 1.800 bis 2.000 Bläser:innen aus mehr als 140 Chören.
Der bisherige Rekord für ununterbrochenes Posaunenchor-Musizieren liegt bei 24 Stunden, aufgestellt 2022 kurz vor dem Deutschen Evangelischen Posaunentag in Hamburg. "Das wusste ich vorher nicht. Sonst hätte ich wahrscheinlich einen Weltrekord mit 25 Stunden angemeldet", sagt VEP-Vizepräsident Thomas Engelbrecht selbstironisch – bevor seinem Verband stattdessen die dreifache Distanz bevorstand.
72 Stunden Musik – mit prominenter Unterstützung
Der logistische Aufwand ist beträchtlich: Damit der Übergang zwischen den Stücken nahezu nahtlos bleibt, spielen immer drei Gruppen 90 Minuten lang, ehe die nächsten drei übernehmen – ein Ablauf, der bis Sonntagmorgen 48 Mal wiederholt werden muss, choreografiert bis auf wenige Sekunden Übergabezeit. Die Schirmherrschaft hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder übernommen.
Die Türen der Jakobskirche stehen die gesamten drei Tage offen, Publikum ist jederzeit willkommen, der Eintritt ist frei. Dass zeitgleich das Bardentreffen in der Nürnberger Innenstadt stattfindet, ist kein Zufall: Man hofft, einen Teil von dessen Publikum in die Jakobskirche zu locken. Das große Finale ist für Sonntag, 9.30 Uhr, mit einem Festgottesdienst und gemeinsamem Musizieren aller Beteiligten geplant.
Hinter der Aktion steckt mehr als Rekordsucht. "Wir sind keine Einzelkämpfer, sondern eine unglaubliche Gemeinschaft, und wir werden oft unterschätzt", sagt Engelbrecht. Genau das ist der Kern einer Bewegung, die in Bayern seit 1865 existiert und die evangelischen Posaunenchöre zu einer der prägendsten musikalischen Strömungen des deutschen Protestantismus gemacht hat.
Warum Posaunenchöre mehr sind als Blasmusik
Der Name führt in die Irre: Ein Posaunenchor besteht keineswegs nur aus Posaunen, sondern ist ein mehrstimmiges Blechbläserensemble mit Trompeten und Flügelhörnern für die hohen Stimmen, Waldhörnern je nach Besetzung, Tenorhörnern, Baritonen und Euphonien für die Mittellage, Posaunen mit Zug und Tuben für den Bass.
Dass ausgerechnet dieses Instrument zum Namensgeber einer ganzen kirchenmusikalischen Bewegung wurde, ist eine evangelische Übersetzung: Das Wort "Posaune" stammt nicht aus der Bibel, sondern über das Altfranzösische von einem lateinischen Wort für ein Signal- oder Jagdhorn ab.
Erst Martin Luther brachte es in die Bibel hinein, als er in seiner Übersetzung ein griechisches und ein hebräisches Blasinstrument – Letzteres eher ein Widderhorn als ein Blechblasinstrument – konsequent mit "Posaune" wiedergab. So heißt es in Psalm 150 "Lobet ihn mit Posaunen", obwohl im hebräischen Urtext etwas ganz anderes gemeint war.
Der Name blieb trotzdem hängen und steht bis heute sinnbildlich für das Gotteslob mit Blechblasinstrumenten. Seit 2016 zählen die Posaunenchöre zum immateriellen Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission.
Von der Erweckungsbewegung bis heute
Die Ursprünge von Posaunenchören liegen im 19. Jahrhundert, mit Vorläufern etwa in der Herrnhuter Brüdergemeine; die eigentliche Bewegung entstand im Umfeld der evangelischen Erweckungsbewegung. Ihre Idee war damals ein Bruch mit der Kirchenmusik-Konvention: Nicht ausgebildete Musiker, sondern gewöhnliche Gemeindeglieder sollten musizieren und den Glauben aus den Kirchen heraus in die Öffentlichkeit tragen – über Herkunft und sozialen Status hinweg.
Ein Posaunenchor war damit von Anfang an mehr als ein Ensemble, sondern eine Bürgerbewegung. In Bayern gibt es Posaunenchöre seit 1865. Bis heute verstehen sie sich als "Dienstgruppen" der Kirchengemeinden, die Gottesdienste mitgestalten, bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen spielen, Gemeindefeste begleiten und diakonische Einsätze etwa in Altenheimen oder Krankenhäusern übernehmen.
Bayern als Posaunenchor-Hochburg
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern verfügt über eine außergewöhnlich große Posaunenchorlandschaft: Im VEP sind rund 850 Chöre mit etwa 15.000 Bläserinnen und Bläsern organisiert.
Der Verband mit Sitz in Nürnberg unterstützt sie durch Landesposaunenwarte, Fortbildungen und Seminare, Jungbläserarbeit, Notenmaterial, Chorleiter-Ausbildungen und gemeinsame Veranstaltungen – organisiert in Bezirken, die sich häufig an den Dekanatsstrukturen orientieren.
Eine besondere Stärke der Posaunenchöre ist ihr ehrenamtlicher Charakter: Die meisten Mitglieder sind keine professionellen Musiker:innen, beginnen oft schon als Kinder oder Jugendliche und bleiben dem Chor über Jahrzehnte verbunden.
So entstehen generationenübergreifende Gemeinschaften, in denen Jugendliche neben Rentner:innen spielen, Anfänger:innen von erfahrenen Bläsern lernen und ganze Familien über mehrere Generationen beteiligt sind. Gerade in ländlichen Regionen gehören Posaunenchöre häufig zu den stabilsten Gruppen im Gemeindeleben.
Vom Kirchenchoral bis zu Pop und Jazz
Lange verband man Posaunenchöre vor allem mit klassischen Kirchenchorälen und traditioneller Bläsermusik. Das Repertoire hat sich seither deutlich erweitert und reicht heute von Gospel über Pop-Arrangements, Filmmusik und Jazz bis zu moderner geistlicher Musik und Open-Air-Konzerten. Die bayerischen Landesposaunenwarte entwickeln deshalb regelmäßig neue Literatur und bieten Fortbildungen an, damit die Chöre musikalisch am Puls der Zeit bleiben.
Die vielleicht wichtigste Rolle der Posaunenchöre liegt nicht nur in der Musik, sondern in ihrer Funktion als sozialer Ort: Wer nicht regelmäßig einen Gottesdienst besucht, findet über eine Jungbläsergruppe, ein Konzert oder das gemeinsame Musizieren womöglich einen Zugang zur Kirche, den ihm die Predigt allein nicht verschafft hätte.
Genau das dürfte der eigentliche Ertrag des Nürnberger Weltrekordversuchs sein – ganz gleich, ob der Rekord am Ende offiziell anerkannt wird: Aufmerksamkeit für eine Gemeinschaft, die seit mehr als 160 Jahren das evangelische Leben in Bayern prägt, meist abseits der Schlagzeilen.