Die Debatte um das neue Evangelische Gesangbuch geht in eine neue Runde. Nachdem zuletzt mehrere evangelische Theolog:innen und kirchliche Influencer:innen die vorläufige Liederliste kritisiert hatten, meldet sich nun die Vereinte Evangelische Mission (VEM) mit einer ausführlichen Stellungnahme zu Wort.

Die internationale Gemeinschaft von 39 Kirchen aus Afrika, Asien und Deutschland wirft der Gesangbuchkommission vor, internationale und dekoloniale Perspektiven im bisherigen Auswahlprozess weitgehend ausgeblendet zu haben. Gerade weil das neue Gesangbuch eine ganze Generation prägen werde, müsse die Vielfalt der weltweiten Kirche stärker berücksichtigt werden.

Kritik geht über einzelne Lieder hinaus

Anders als die bisherigen Kritiker:innen richtet die VEM ihren Blick nicht in erster Linie auf einzelne Lieder oder deren Autor:innen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wer überhaupt an den Entscheidungen beteiligt war.

Ein Gesangbuch sei mehr als eine Sammlung von Liedern, heißt es in der Stellungnahme. Es zeige, "wer dazugehört". Deshalb reiche es nicht aus, Lieder aus der weltweiten Ökumene aufzunehmen.

Menschen, die selbst Erfahrungen mit Ausgrenzung machten, müssten bereits an der Entstehung der Liedauswahl beteiligt werden – und nicht erst im Nachhinein gehört werden.

Warnung vor ausgrenzenden theologischen Positionen

Zugleich äußert die VEM deutliche Kritik an einzelnen, allerdings nicht namentlich genannten Autor:innen der vorläufigen Liederliste. Deren öffentlich vertretene Theologie berühre sich nach Auffassung der Organisation mit rechten und nationalistischen Strömungen.

Genannt werden unter anderem Familien- und Gesellschaftsbilder, die keinen Platz für Vielfalt ließen, sowie eine Ablehnung queerer Lebensweisen. 

Die Organisation betont jedoch ausdrücklich, dass es ihr nicht darum gehe, einzelne Personen an den Pranger zu stellen. Vielmehr erkenne sie Muster wieder, die ihre Mitgliedskirchen aus kolonialen und nationalistischen Erfahrungen kennen.

VEM verweist auf eigene dekoloniale Erfahrungen

Die Vereinte Evangelische Mission versteht ihre Kritik ausdrücklich aus ihrer eigenen Geschichte heraus. Seit ihrer Neustrukturierung 1996 arbeiten Mitgliedskirchen aus Afrika, Asien und Deutschland nach eigenen Angaben gleichberechtigt zusammen. 

Diesen jahrzehntelangen Prozess dekolonialen Lernens sieht die Organisation als Erfahrungsschatz, den auch die evangelische Kirche in Deutschland nutzen könne. Deshalb fordert die VEM die Gesangbuchkommission auf, ihre Arbeitsweise zu überdenken und internationale Stimmen künftig stärker einzubeziehen.

Gesangbuchkommission kündigte bereits weitere Prüfung an

Die Gesangbuchkommission hatte nach der ersten öffentlichen Kritik gegenüber sonntags bereits erklärt, dass die veröffentlichte Liederliste ausdrücklich vorläufig sei. Einzelne Lieder könnten im weiteren Verfahren noch gestrichen werden.

Nach Angaben der Kommission werden nun Entstehungs- und Wirkungskontexte der Lieder sowie die Biografien und öffentlichen Positionierungen ihrer Urheber:innen vertieft geprüft. In diesen Prozess sollen unter anderem die Fachstelle Sexualisierte Gewalt der EKD, die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, das Netzwerk Inklusive Kirche sowie weitere Fachverbände einbezogen werden.

Mit der Stellungnahme der VEM erhält diese Debatte nun eine weitere Dimension: Erstmals meldet sich eine internationale evangelische Kirchengemeinschaft zu Wort und verbindet die Diskussion um einzelne Lieder mit grundsätzlichen Fragen nach Beteiligung, Macht und der Repräsentation der weltweiten Kirche im neuen Gesangbuch.