Die vorläufige Liederliste für das neue Evangelische Gesangbuch sorgt für Diskussionen. Mehrere evangelische Theolog:innen und kirchliche Influencer:innen kritisieren, dass darin auch Lieder von Autor:innen vertreten sind, deren öffentliche Positionen sie als diskriminierend oder nicht mit den Werten der evangelischen Kirche vereinbar ansehen.
Die Gesangbuchkommission weist nun darauf hin, dass die Liste ausdrücklich vorläufig sei und einzelne Lieder noch aus der Auswahl genommen werden könnten. In einer Stellungnahme gegenüber dem Sonntagsblatt betont die Kommission, dass die veröffentlichte Liederliste Teil eines mehrstufigen Auswahl-, Erprobungs- und Prüfungsverfahrens sei.
"Sie stellt keine Entscheidung über die endgültige Aufnahme einzelner Lieder dar", heißt es. Erst im nun folgenden Verfahrensschritt würden Entstehungs- und Wirkungskontexte einzelner Lieder sowie die Biografien und öffentlichen Positionierungen ihrer Urheber:innen vertieft geprüft.
Dabei würden die geäußerten Sorgen "sehr ernst genommen". Die Rückmeldungen flössen systematisch in das Verfahren ein. Nach Abschluss der ethischen Prüfung könnten Lieder bestätigt, eingeordnet oder auch wieder aus der vorläufigen Auswahl gestrichen werden.
Kritik an umstrittenen Autor:innen
Auslöser der Debatte ist ein gemeinsamer Instagram-Beitrag des evangelischen Contentnetzwerks Yeet. Darin äußern sich mehrere Theolog:innen und kirchliche Content-Creator kritisch zur vorläufigen Liederliste.
Kritisiert wird unter anderem, dass darin Lieder von Autor:innen vertreten sind, deren öffentliche Äußerungen oder theologischen Positionen als queerfeindlich, diskriminierend oder ausgrenzend bewertet werden. Genannt werden beispielsweise der katholische Theologe Johannes Hartl sowie Künstler:innen und Bands aus der internationalen Lobpreisszene.
Die Theologin Sarah Vecera stellt dabei weniger einzelne Lieder als den Auswahlprozess infrage. Entscheidend sei nicht nur, welches Lied als unproblematisch gelte, sondern auch, "wessen Verletzung in dieser Kirche überhaupt als Verletzung zählt". Sie kritisiert, dass Betroffene stärker in den Entscheidungsprozess hätten einbezogen werden müssen.
Auch Pastor Quinton Ceasar verweist auf die prägende Wirkung gemeinsamer Lieder. Was Gemeinden sängen, forme ihr theologisches Selbstverständnis. Deshalb sei die Auswahl keine bloße Geschmacksfrage, sondern berühre den Kern kirchlicher Glaubenspraxis.
Gesangbuch soll kein Schauplatz von Spaltung werden
Die Debatte berührt damit eine grundsätzliche Spannung: Ein evangelisches Gesangbuch soll unterschiedliche Frömmigkeitstraditionen abbilden und möglichst vielen Menschen einen Zugang zum gemeinsamen Singen ermöglichen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wo Grenzen erreicht sind, wenn bestimmte Positionen als ausgrenzend oder verletzend wahrgenommen werden.
Der Theologe Gereon Terhorst warnt in den Instagram-Post davor, das Gesangbuch zum Schauplatz einer weiteren kirchlichen Spaltung werden zu lassen. Die evangelische Kirche sei weder in ihrer Frömmigkeit noch in ihren theologischen Überzeugungen ein homogener Raum. Die aktuellen Diskussionen zeigten vielmehr die gesellschaftlichen Konflikte, die auch innerhalb der Kirche sichtbar würden.
Bei der Auswahl müsse es deshalb die Bereitschaft geben, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Nicht jedes Lied müsse dem eigenen Profil entsprechen, schreibt Terhorst. Gleichzeitig werde es Entscheidungen geben, die nicht allen gefallen würden – etwa bei Fragen nach gendergerechter Sprache oder dem Umgang mit bestimmten theologischen Vorstellungen.
Gesangbuchkommission verweist auf ethische Prüfung
Nach Angaben der Gesangbuchkommission folgt auf die bisherige musikalische und theologische Auswahl nun die vertiefte ethische Prüfung. Hierfür seien Kriterien entwickelt worden, die den Umgang mit belasteten Biografien sowie möglicherweise diskriminierenden oder verletzenden Inhalten transparent machen sollen.
In den weiteren Prozess werden den Angaben zufolge unter anderem die Fachstelle Sexualisierte Gewalt der EKD, die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), das Netzwerk Inklusive Kirche, die KLAK sowie weitere Fachverbände einbezogen.
Für September ist zudem ein Fachtag mit verschiedenen Expert:innen geplant. Auch Rückmeldungen aus Gemeinden und der Öffentlichkeit sollen ausgewertet werden.
Veröffentlichung erst 2028/29
Für das neue Evangelische Gesangbuch wurden nach Angaben der Kommission mehr als 17.000 Liedvorschläge gesichtet. Rund 1.200 Titel bilden derzeit die Grundlage für die weitere Bearbeitung. Im endgültigen Stammteil sollen etwa 600 Lieder erscheinen.
Über die endgültige Liederliste soll erst nach Abschluss des Prüfungs- und Beteiligungsverfahrens entschieden werden. Die Veröffentlichung des neuen Evangelischen Gesangbuchs ist für 2028/2029 geplant.