Argentinien ist die Heimat des 2025 verstorbenen Papst Franziskus und gilt bis heute als eines der katholisch geprägten Länder Lateinamerikas. Doch hinter diesem Bild vollzieht sich seit Jahren ein tiefgreifender Wandel.

Die katholische Kirche bleibt zwar die größte Religionsgemeinschaft, verliert aber kontinuierlich Mitglieder und gesellschaftliche Bindungskraft. Gleichzeitig wachsen evangelische Kirchen, und immer mehr Menschen verzichten ganz auf eine religiöse Zugehörigkeit.

Dieser Wandel zeigt sich besonders deutlich in den verfügbaren Umfragen. Während eine CONICET-Erhebung von 2008 noch einen katholischen Bevölkerungsanteil von rund 76,5 Prozent auswies, kam eine Untersuchung der Universidad de San Andrés 2019 nur noch auf 59 Prozent.

Gleichzeitig stieg der Anteil konfessionsloser Menschen deutlich an. Die unterschiedlichen Zahlen machen auch deutlich: Je nach Studie und Methode variieren die Ergebnisse erheblich.

Der Staat bevorzugt die katholische Kirche – ohne Staatsreligion

Argentinien besitzt seit 1955 keine Staatsreligion mehr. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit. Dennoch nimmt die katholische Kirche eine Sonderstellung ein: Der Staat ist nach der Verfassung verpflichtet, sie zu unterstützen, und sie verfügt über einen besonderen rechtlichen Status. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Katholizismus offizielle Staatsreligion wäre.

Diese Konstruktion spiegelt die Geschichte des Landes wider. Der Katholizismus wurde während der spanischen Kolonialzeit zur prägenden Religion und bestimmte über Jahrhunderte Kultur, Bildung und Politik. Seine historische Dominanz erklärt bis heute viele gesellschaftliche Strukturen – auch wenn die religiöse Wirklichkeit längst vielfältiger geworden ist.

Evangelische Kirchen gewinnen an Bedeutung

Von diesem Wandel profitieren vor allem evangelische Gemeinden. Besonders Pfingstkirchen haben seit den 1980er-Jahren erheblich an Zulauf gewonnen und sind heute in nahezu allen Regionen des Landes vertreten.

Nach neueren Erhebungen bezeichnen sich rund 15 Prozent der Bevölkerung als evangelisch oder protestantisch. Ältere Quellen nennen dagegen deutlich niedrigere Werte zwischen zwei und neun Prozent.

Für protestantische Kirchen ist Argentinien deshalb längst kein Randgebiet mehr. Während die katholische Kirche Mitglieder verliert, wachsen viele evangelische Gemeinden durch persönliche Glaubensformen, intensive Gemeindearbeit und soziale Netzwerke vor Ort.

Glaube bleibt wichtig – Institutionen verlieren Vertrauen

Der Rückgang kirchlicher Bindung bedeutet nicht automatisch den Verlust des Glaubens. Laut der Umfrage der Universidad de San Andrés glauben weiterhin drei Viertel der Argentinier:innen an Gott. Gleichzeitig besucht nur eine Minderheit regelmäßig Gottesdienste.

Viele Menschen beschreiben ihre Religiosität als persönliche Beziehung zu Gott – unabhängig von kirchlichen Institutionen. Schon die CONICET-Studie von 2008 stellte fest, dass viele ihren Glauben "auf eigene Weise" leben.

Hinzu kommt religiöse Vielfalt. Argentinien beherbergt die größte jüdische Gemeinde Lateinamerikas sowie bedeutende muslimische Gemeinschaften. Im Nordwesten des Landes verbinden sich katholische Traditionen zudem mit indigenen Glaubensvorstellungen wie dem Pachamama-Kult. Diese Vermischung zeigt, dass Religion in Argentinien nicht nur eindimensional verläuft, sondern häufig verschiedene Traditionen miteinander verbindet.

Mehr Vielfalt statt Ende der Religion

Die eigentliche Entwicklung in Argentinien lautet deshalb nicht Säkularisierung gegen Religion. Vielmehr verliert die katholische Kirche ihre jahrhundertelange Monopolstellung.

Religiöses Leben wird pluraler, individueller und stärker von persönlichen Entscheidungen geprägt. Gerade evangelische Kirchen profitieren davon – während der Katholizismus zwar kulturell prägend bleibt, seine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit jedoch einbüßt.