"Ich bin gar nichts", erzählt die 1928 in Riga geborene Gisela Tenso bei einem Zeitzeugengespräch Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung. "Ich bin nicht da aus Riga und ich bin nicht einheimisch hier aus Nürnberg. In der Luft hänge ich irgendwie … entwurzelt, total entwurzelt." Ab 1939 musste ihre Familie immer wieder umsiedeln, 1945 wurde diese noch vor der Ankunft der Roten Armee in Lodsch getrennt und floh über Berlin und Quedlinburg nach Westen. Nach Kriegsende erhielt die Familie eine Zuzugsgenehmigung für Kulmbach, dann ging es weiter nach Fürth und Nürnberg, wo Gisela Tenso ab 1960 lebte. Wirklich angekommen ist sie jedoch nie.
Ein Schicksal, das sie mit vielen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg teilt. Mit ihrer Geschichte beschäftigt sich die Sonderausstellung "Neuanfänge - Heimatvertriebene in Bayern" des Hauses der Bayerischen Geschichte, die noch bis zum 15. Oktober in der Norishalle direkt neben dem Nürnberger Stadtarchiv zu sehen ist.
Wohnungsnot und Mangel nach dem Krieg
"Die Menschen wurden relativ gleichmäßig verteilt. Teilweise sind sie dorthin gezogen, wo bereits Verwandte oder Freunde waren", erzählt Archivleiter Arnold Otto. Die Ankunft der vielen Menschen in einer Zeit, die geprägt war von Wohnungsnot und Mangel nach dem Krieg, wurde nicht von allen Einheimischen positiv aufgenommen.
"Wenn Familien über ausreichend Wohnraum verfügten, wurden Menschen dort einfach einquartiert. War das zum Beispiel auf einem Bauernhof, mussten die Neuankömmlinge dort oft unter prekären Bedingungen mitarbeiten."
Die Wohnverhältnisse bei den Zugezogenen waren in der Regel dürftig. Viele wohnten in sogenannten Nissenhütten. "Das Wort Nissen bezieht sich in diesem Zusammenhang nicht auf die Bauweise dieser Hütten mit Wellblechdächern, sondern auf den Befall mit Läusen und Krankheiten, der in den schlecht isolierten Behausungen immer wieder vorkam", weiß Otto.
Widerstand gegen Flüchtlinge
Widerstand gegen die Heimatvertriebenen zog sich durch alle sozialen Schichten. "Dabei richtete sich der Protest manchmal weniger gegen die konkrete Einquartierung von Menschen, als gegen Maßnahmen wie die Lastenausgleichszahlung", erzählt Otto. In deren Rahmen mussten Menschen, denen Vermögen oder Immobilien geblieben waren, einzahlen, damit unter anderem Vertriebene finanziell unterstützt werden konnten.
Auch wenn die Integration der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler eine mühevolle und nicht selten schmerzhafte Angelegenheit war, gibt es Erfolgsgeschichten. Eine der liebsten ist für Arnold Otto die Unternehmensgründung der Firma Klira im mittelfränkischen Bubenreuth. Ursprünglich war es eine Geigenbauerfirma aus dem Sudetenland, die sich nach der Umsiedlung 1949 auf Zupfinstrumente verlegt hatte. Für die Familie Klier sei der Neustart vergleichbar mit einem heutigen Startup gewesen, sagt Otto.
"Aber was sie an Wissen hatten, konnte ihnen niemand wegnehmen."
So baute die Familie ihr Unternehmen Stück für Stück wieder auf und erlangte weltweite Bekanntheit. "Bevor Firmen wie Fender oder Gibson große Erfolge hatten, sind Weltgrößen wie Elvis Presley oder die Beatles nach Bubenreuth gepilgert, um sich dort ihre E-Gitarren anfertigen zu lassen."
Migration prägte Identität Nürnbergs
In den verschiedensten Branchen leisteten Firmen von Heimatvertriebenen Beiträge zum Wirtschaftsaufschwung der 1950er und 60er Jahre. So stellte die Firma Phönix in Konstein Glaswaren her, Kunert in Immenstadt Nylonstrümpfe oder Ernst Müller in Barbing bei Regensburg Back- und Puddingpulver.
Ein wichtiger Teil der Ausstellung sind auch die Stimmen von Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen bei Flucht, Vertreibung und Migration berichten. Mit einigen von ihnen, wie mit Gisela Tenso aus Riga, hat Stadtarchiv-Mitarbeiterin Viola Wittmann gesprochen. Zusammen mit ihrer Kollegin Alexandra Edzard stellt sie die Interviews im Rahmen einer Lesung am 19. September vor. "Wir bleiben dabei nicht nur bei den Heimatvertriebenen, sondern wagen einen Brückenschlag durch die Jahrzehnte hin zu Gastarbeitern und Flüchtlingen", erklärt Wittmann. Migration sei schließlich prägend für die Identität der Stadt Nürnberg.