Knapp drei Millionen Euro Haushaltsvolumen, Personalverantwortung für rund 50 Mitarbeitende, dazu Digitalisierungsprojekte und diverse Bauvorhaben: In der freien Wirtschaft wäre Harald Dreyer Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens. Stattdessen managt der Diakon die Geschicke von vier evangelischen Gemeinden im Landkreis Dachau. Er ist damit eine von 14 Personen in der bayerischen Landeskirche, die als Geschäftsführer für eine oder mehrere Gemeinden verantwortlich sind, ohne Pfarrer zu sein. Für Dreyer ist es das Modell der Zukunft: "Der Pfarrer ist für die Menschen da, nicht für Excel-Tabellen", sagt der 50-Jährige.
Seit 2023 ist der gelernte Bürokaufmann, Fachwirt, Kranken- und Altenpfleger und Diakon als Verwaltungsleiter für die beiden Dachauer Gemeinden sowie Petershausen und Karlsfeld zuständig. Für ein Gebiet von 330 Quadratkilometern mit rund 13.000 Protestanten kümmert er sich um Stellenausschreibung, Einstellung und Vertragsgestaltung für alle Angestellten - Hausmeister, Pfarramtssekretärinnen, KiTa-Teams und Reinigungskräfte gehören dazu.
Unterstützt vom Münchner Kirchengemeindeamt plant er die Finanzhaushalte der Gemeinden und erstellt den Jahresabschluss. Er treibt die Digitalisierung der Pfarrämter voran. Und beim Thema Gebäudeplanung ist er derjenige, der sagt, welche Baumaßnahmen sich die Gemeinde leisten kann.
Warum Pfarrer Entlastung bei der Verwaltung brauchen
Was Harald Dreyer zufrieden macht: Wenn sowohl Pfarrpersonen als auch Ehrenamtliche ihre Zeit in die Gestaltung des kirchlichen Lebens stecken können, weil sie Finanzen & Co gut aufgehoben wissen bei einem Verwaltungsprofi wie ihm. "Laut Dienstordnung darf ein Pfarrer, der für einen Kindergarten zuständig ist, pro Woche 1,5 Stunden dafür aufwenden - das reicht nie!", sagt der Diakon. Zumal die Theologen dafür auch nicht ausgebildet seien.
Doch weil Pfarramtsführung jahrzehntelang Sache der Ordinierten war, ist ein Kulturwandel vonnöten - nicht nur bei den Pfarrern selbst. "Die Leute haben über Jahrhunderte abgespeichert: Der Pfarrer ist der Chef, bei ihm laufen alle Fäden zusammen, er muss alles wissen", beschreibt Dreyer das Dilemma.
Damit Pfarrpersonen diesen Anspruch aus dem Kopf bekämen, müssten Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche klar sein, auch in kleinen Alltagsdingen. "Wenn hier jemand dem Pfarrer eine verstopfte Regenrinne meldet, schickt der ihn direkt zum Bauausschuss oder zu mir." Nur so entstehe der nötige Freiraum für die Seelsorger, sich um ihre eigentlichen Aufgaben zu kümmern.
Auch im Fürther Westen übernehmen Profis die Verwaltung
Das findet auch der Pfarrer von Petershausen, Robert Maier. Er hat das Modell des Verwaltungsdiakons in seiner Region forciert und sagt heute: "Die Entlastung ist immens." Voraussetzung dafür seien aber Teamfähigkeit auf allen Seiten, Offenheit für ein neues Rollenverständnis und eine unkomplizierte Kommunikation. Geschäftsführende Pfarrer müssten "Kompetenzen klar und auch komplett abgeben".
Wenn sich Pfarrperson und Verwaltungsleiter permanent "über kleine und mittlere Entscheidungen" abstimmen müssten, wäre schließlich der Entlastungseffekt futsch. Für Maier ist die Sache klar: Der Pfarrer ist Experte für Verkündigung, Seelsorge und Gemeindeaufbau. Der Verwaltungsleiter verantwortet "den operativen Gang der dazu notwendigen Geschäfte" auch in Zeiten schwindender Ressourcen und Personaldecken. Das sei "das Modell für die Zukunft, für das es keine Alternative gibt".
Vorbilder dafür gibt es auch in Franken: Seit 2023 leiten Claudia Popp und Sabine Stigler die Geschäfte von fünf Gemeinden im Fürther Westen. Ihre Aufgaben sind ähnlich wie die von Harald Dreyer, zudem haben sie die Bereiche und die jeweilige Zuständigkeit in einer Matrix fixiert. "Das war zu Beginn vor allem für die Pfarramtssekretärinnen eine große Hilfe", sagt Popp.
Auf einen Blick mache die Matrix klar, wer für ein Thema die verantwortliche Anlaufstelle ist. Anders als Diakon Dreyer sind die beiden Frauen "externe" Profis: Popp ist Erzieherin, Fachwirtin und Coach und war früher Geschäftsführerin für sechs Kitas; Stigler kommt aus dem Bankensektor und hat Zusatzausbildungen in der Prozessbegleitung.
Landessynode entscheidet über neue Regionalgemeinden
Was in Dachau und Fürth schon etabliert ist, soll als Modell für die Fläche bei der Herbsttagung der bayerischen Landessynode im November beschlossen werden: Weil bis 2035 die Zahl der Hauptamtlichen - so wie die der Mitglieder - um prognostizierte 40 Prozent zurückgehen wird, sollen sich die rund 1.500 Ortsgemeinden zu größeren Verbünden, den sogenannten Regionalgemeinden, zusammenschließen. In diesen wären dann, so sieht es der Entwurf des Personalreferenten vor, "multiprofessionelle Teams" aus Pfarrpersonen, Diakonen, Religionspädagoginnen und Kirchenmusikern gemeinsam und "gabenorientiert" für die Arbeit verantwortlich.
Harald Dreyer weiß aus Erfahrung, dass es dabei viele Befürchtungen gibt. "Manche haben Angst, dass sie nur noch der Beerdigungspfarrer sind", sagt er. Er sieht in dem Modell aber eher die Chance: Die Stärken des Einzelnen stärken, statt Menschen mit Aufgaben zu belasten, die nicht zu ihnen passen. Und bei Theologen sei das eben eher Verkündigung und Seelsorge, nicht Betriebswirtschaft: "Da kann ich viele in die Tasche stecken", sagt Dreyer.
"Weniger Blabla, mehr Tamtam" beim Kirchenumbau
Im Raum Dachau funktioniere die Aufgabenteilung: Der Verwaltungsleiter agiert auf Augenhöhe mit den Pfarrern, die Zuständigkeiten sind klar kommuniziert und es gibt kein Machtgeplänkel. Ganz in Dreyers Sinne, der sich in der aktuellen Reformdebatte "weniger Blabla und mehr Tamtam" wünscht. Denn der demografische Wandel finde ohnehin statt. "Dann können wir den Weg auch mutig gehen", sagt der Diakon.