"Kleine Arbeiten kann man als Kind schon machen." Diesen Satz hat meine Mutter oft gesagt. Sie wurde 1936 geboren und ist vor vier Jahren gestorben. Beim Lesen von "Mittelberge" war sie plötzlich wieder da – nicht, weil Kerstin Specht ihre Geschichte erzählt, sondern weil so viele Sätze, Gedanken und Redewendungen mich unmittelbar an sie erinnert haben. Als hätte dieses Buch Erinnerungen geöffnet, die irgendwo tief verschlossen lagen.

Dabei ist "Mittelberge" alles andere als ein nostalgischer Heimatroman. Es ist Kerstin Spechts erster Roman, und doch merkt man sofort, dass sie seit Jahrzehnten schreibt. Ihre Wurzeln liegen auf der Bühne. Mit Theaterstücken wie "Amiwiesen" wurde sie zu einer der prägenden Stimmen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters. 

Diese Herkunft spürt man zunächst deutlich. Die Sprache wirkt anfangs ungewohnt, knapp, beinahe szenisch. Man liest nicht einfach eine Geschichte, sondern sieht einzelne Bilder vor sich. Nach einigen Kapiteln hatte ich mich daran gewöhnt und genau darin eine große Stärke des Romans entdeckt: Die Sprache drängt sich nie auf, sondern lässt den Figuren den Raum.

Kindheit zwischen Armut und harter Arbeit

"Mittelberge" erzählt das Leben von Sophie und orientiert sich dabei am Leben von Spechts eigener Mutter. Deshalb wirkt nichts konstruiert. Die Geschichte fühlt sich ehrlich an, ungeschönt. Das Oberfranken der dreißiger Jahre erscheint nicht als romantische Bilderbuchlandschaft, sondern als eine Region, in der Armut für viele Familien zum Alltag gehörte. Kinder arbeiteten selbstverständlich mit. Essen war nie selbstverständlich. Der Blick richtete sich selten weit in die Zukunft, sondern meist auf den nächsten Tag.

Dann bricht der Krieg über diese Welt herein. Auch hier verzichtet Specht auf große historische Gesten. Der Krieg wird aus der Perspektive der Menschen erzählt, die zurückbleiben. Männer ziehen fort, viele kehren nie zurück. Frauen, Kinder und Alte müssen das Leben weitertragen. Diese leisen Beobachtungen haben mich tief beeindruckt.

Und trotzdem ist dieses Buch nicht hoffnungslos. Zwischen harter Arbeit, Entbehrungen und Verlusten erzählt Kerstin Specht immer wieder von Liebe – nicht von großen Liebeserklärungen, sondern von der stillen Liebe innerhalb einer Familie. Von Eltern, die ihren Kindern Halt geben, obwohl sie selbst kaum etwas besitzen. Diese Szenen haben mich oft mehr berührt als die dramatischen Ereignisse.

Früher war der Satz meiner Mutter für mich einfach ein Satz. Heute weiß ich, dass dahinter eine ganze Generation stand – eine Generation, deren Kindheit wenig mit unserer Vorstellung von Kindheit zu tun hatte.

Besonders stark finde ich, wie ausführlich Specht Sophies Kindheit und Jugend erzählt. Man wächst mit ihr auf, erlebt ihre Entwicklung, versteht ihre Prägungen. Vielleicht liegt darin die große emotionale Kraft des Romans. Umso überraschter war ich, wie schnell anschließend die Erwachsenenjahre erzählt werden. Wo die ersten Lebensabschnitte viel Raum bekommen, scheinen die späteren Jahrzehnte beinahe vorbeizufliegen. Ich hätte mir dort mehr Zeit gewünscht.

Warum das Ende zu früh kommt

Das gilt auch für das Ende. Es ist offen, fast abrupt. Natürlich hat ein offenes Ende seinen Reiz – es zwingt die Leserinnen und Leser, die Geschichte selbst weiterzudenken. Gleichzeitig ertappte ich mich dabei, dass ich das Buch noch gar nicht loslassen wollte. Ich hätte so gern erfahren, wie das gemeinsame Leben von Sophie und Max weiterging. Welche Träume sich erfüllten. Welche Enttäuschungen noch kamen. Selten habe ich mir nach dem letzten Satz so sehr noch ein oder zwei Kapitel gewünscht.

Vielleicht ist genau das aber auch ein Zeichen für die Qualität dieses Romans. Man verabschiedet sich nicht nur von Figuren. Man verabschiedet sich von Menschen, die einem vertraut geworden sind.

"Mittelberge" erzählt nicht nur das Leben einer Frau aus Oberfranken. Es bewahrt die Erinnerungen einer ganzen Generation, deren Stimmen nach und nach verstummen. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses. Sie halten fest, was sonst verloren ginge.

Für mich war Mittelberge weit mehr als ein Roman. Es war eine Reise zurück zu meinen eigenen Wurzeln. Und für ein paar kostbare Stunden war auch die Stimme meiner Mutter wieder da. Allein dafür bin ich Kerstin Specht dankbar.

Kerstin Specht (2026): Mittelberge, Stroux edition, München, 244 Seiten.

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