Karin Prien trägt ihre jüdische Familiengeschichte heute sichtbar nach außen. Dabei war das lange keineswegs selbstverständlich. 

Die Bundesfamilienministerin ist nicht religiös erzogen worden, gehört keiner jüdischen Gemeinde an und gilt nach traditionellem jüdischem Religionsrecht nicht als Jüdin. Trotzdem sagt die CDU-Politikerin über sich selbst: "Ich bin eine jüdische Ministerin."

Was zunächst widersprüchlich klingen mag, zeigt, wie unterschiedlich jüdische Identität verstanden werden kann. Denn Judentum ist für Prien offenbar weit mehr als eine Frage religiöser Praxis. Es ist einerseits kulturelle Prägung und andererseits die Erfahrung einer Familie, die durch die nationalsozialistische Verfolgung gezeichnet wurde.

Zwei jüdische Großväter

Karin Prien wurde 1965 als Karin Kraus in Amsterdam geboren. Ihre Eltern hatten sich dort kennengelernt. Ihr Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei zunächst nach Wien und anschließend in die Niederlande gegangen. Priens Mutter wiederum war die Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter, die in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten aus Deutschland in die Niederlande geflohen waren. Mehrere Urgroßeltern Priens wurden als Jüd:innen von den Nationalsozialisten ermordet. Eine ihrer Urgroßmütter starb in einem Vernichtungslager.

Beide Großväter Priens waren jüdisch. Nach traditionellem jüdischem Religionsrecht, der Halacha, wird die Zugehörigkeit zum Judentum jedoch über die Mutter weitergegeben. Da Priens Großmütter nicht jüdisch waren, galten bereits ihre Eltern halachisch nicht als Jüd:innen– und damit auch Prien selbst nicht. 

Religion spielte in Priens Kindheit ohnehin kaum eine Rolle. Als sie vier Jahre alt war, zog die Familie von Amsterdam nach Neuwied bei Koblenz. Eine jüdische Gemeinde gab es dort damals nicht, ihre Familie gehörte keiner Gemeinde an. Prien wurde nach eigenen Angaben nicht religiös erzogen. Zugleich aber spielte die jüdische Kultur in der Familie eine "sehr große Rolle", wie sie später berichtete.

Über das Jüdischsein sollte sie schweigen

Über diese Seite ihrer Familiengeschichte öffentlich zu sprechen, war für Prien laut eigenen Angaben lange keine Selbstverständlichkeit. Ihre Mutter hatte ihr schon früh davon abgeraten. Sie habe Angst gehabt, dass es in Deutschland weiterhin viele Antisemit:innen gebe, erinnerte sich Prien 2016 im Deutschlandfunk. Die Warnung stammte aus den Erfahrungen einer Familie, in der die Shoah keineswegs abstrakte Geschichte war.

Prien beschreibt den Holocaust und ihre Folgen als etwas, das in ihrer Familie eine "beherrschende Rolle" gespielt habe. Auch ihre Entscheidung, sich politisch zu engagieren, bringt sie mit dieser Familiengeschichte in Verbindung. Schon als Jugendliche engagierte sie sich politisch, 1981 trat sie in die CDU ein.

Erst 2016 begann sie, öffentlich über ihre jüdischen Wurzeln zu sprechen. Ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wurde dabei zu einem Wendepunkt. Im selben Jahr sprach sie erstmals ausführlicher über ihre Familiengeschichte – und darüber, wie sehr die Warnungen ihrer Mutter sie geprägt hatten.

"Ich bin eine jüdische Ministerin"

Als Prien im Mai 2025 Bundesministerin für Bildung und Familie wurde, formulierte sie dieses Selbstverständnis schon viel deutlicher. Ihre Familie sei zu erheblichen Teilen von den Nationalsozialisten verfolgt und ausgelöscht worden. Diese Erfahrung verbinde sie mit vielen Jüd:innen.

"Insofern bin ich eine jüdische Ministerin, auch wenn ich keiner jüdischen Gemeinde angehöre und auch nicht bekennend religiös bin", sagte Prien kurz nach ihrem Amtsantritt.

Auch innerhalb jüdischer Gemeinschaften wird Prien durchaus als jüdisch wahrgenommen. Mitglieder der orthodoxen Jüdischen Gemeinde Flensburg begrüßten ihre Ernennung zur Bundesministerin 2025 ausdrücklich. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, bezeichnete die Berufung einer Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln zugleich als wichtigen Schritt in Richtung gesellschaftlicher Normalität.

Jüdisch – aber nicht religiös

Ihren persönlichen Glauben stellt Prien nicht in den Vordergrund stellt. Sie bezeichnet sich nicht als bekennend religiös. Von regelmäßiger religiöser Praxis oder einer engen Bindung an eine Synagogengemeinde ist öffentlich nichts bekannt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Judentum für sie bedeutungslos wäre, im Gegenteil. Sie kritisiert immer wieder ausdrücklich eine Wahrnehmung, die Jüd:innen vor allem über Verfolgung und Antisemitismus definiert. Jüdisches Leben solle nicht allein als Opfergeschichte erzählt werden, findet sie. Stattdessen müsse stärker sichtbar werden, wie sehr jüdische Kultur, jüdisches Denken und jüdische Kunst die deutsche Gesellschaft geprägt hätten und bis heute prägten.

Das ist kein Widerspruch. Es zeigt vielmehr, dass die Frage nach religiöser und kultureller Identität komplex ist. Für Karin Prien ist das Judentum offenbar weniger eine Frage des religiösen Bekenntnisses als eine Geschichte von Herkunft, Kultur und Zugehörigkeit.