München (epd). Der Neurowissenschaftler und Buchautor Joachim Bauer warnt vor zu früher und zu starker Mediennutzung bei Kindern. Damit sich die sensorischen und motorischen Fähigkeiten des Gehirns gut entwickeln könnten, "müssen Kinder in den ersten zehn Lebensjahren Dinge in der realen Welt anfassen, spüren, machen", erklärte der Professor der Uni Freiburg und der International Psychoanalytic University Berlin im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Digitale Angebote zögen Kinder aber von der realen Welt ab und verhinderten damit, dass sich ihr Gehirn gut entwickle. Bauer spricht am Freitag (3. Juli) in der Stadtakademie München zum Thema "Menschlichkeit in digitalen Zeiten", zu dem er zuletzt auch ein Buch veröffentlicht hat.

In der Neurowissenschaft gebe es eine aktuelle Debatte darüber, ob die Verlagerung von realem Erleben in virtuelle Welten "das Gehirn lahmlegt". Die Folgen könnten verheerend sein, sagte der Psychotherapeut: Manche Forscher befürchteten, "dass wir dadurch in 30 Jahren eine Demenzwelle bekommen, die weit über das hinausgeht, was wir schon haben."

"Menschen brauchen soziale Gemeinschaft"

Zugleich drohe durch die fortschreitende Digitalisierung der Verlust von zwischenmenschlicher Begegnung und - vor allem im Bereich der sozialen Medien - von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung. Angebote wie analoge Leseclubs zeigten hingegen "das tiefe, gesunde Bedürfnis, Räume wiederzuentdecken, wo wir uns gegenseitig wahrnehmen". Menschen bräuchten soziale Gemeinschaft und Wertschätzung, dafür sei "ein Mindestmaß an Präsenz nötig".

Bauer lobte die Enzyklika "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz" von Papst Leo XIV. Als werteorientierte Institutionen hätten die Kirchen eine wichtige Wächterfunktion. Sie müssten "das christliche Menschenbild, das gegenseitige Liebe, Zuwendung und Fürsorge beinhaltet, gegen den Technizismus der Digitalkonzerne verteidigen". Experimente wie KI-generierte Predigten oder ein KI-Programm, das man anklicken und mit dem man beten könne, seien hingegen verzichtbar. "Die Begegnung von Mensch zu Mensch muss ein zentraler Punkt von Kirche bleiben", betonte Bauer.