Vor einem Monat veröffentlichte die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN) ihre Stellungnahme zu Professor Ralf Frisch. Sie wollte Haltung zeigen. Sie wollte Orientierung geben. Sie wollte sich öffentlich positionieren. Was als Einordnung gedacht gewesen sein mag, entwickelte sich zu einer öffentlichen Debatte über Wissenschaftsfreiheit, theologische Vielfalt und den Umgang mit Widerspruch.

Mit ihrer Stellungnahme hat die EVHN einen öffentlichen Diskurs ausgelöst. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie sich bislang einer erneuten öffentlichen Auseinandersetzung über die Wirkung dieser Stellungnahme nicht gestellt hat.

Wenn die pointierte Rhetorik von Ralf Frischs Kolumnen das Präsidium dazu veranlasste, öffentlich klarzustellen, dass diese nicht dem Selbstverständnis einer diversen, diskursoffenen Hochschule entsprächen, an der es "die eine Theologie" nicht gibt, stellt sich die naheliegende Frage: Warum gilt dieser Maßstab nicht auch für die Wirkung der eigenen Stellungnahme? Warum führen die zahlreichen öffentlichen Reaktionen nicht zu einer erneuten öffentlichen Einordnung?

Verantwortung ist keine Einbahnstraße

Wenn eine Stellungnahme über Wochen hinweg in Teilen der Öffentlichkeit anders verstanden wird, als es beabsichtigt war, genügt es nicht, allein auf die ursprüngliche Intention zu verweisen. Dann braucht es Klarheit. Dann braucht es Kommunikation. Wer sich öffentlich von der Wirkung fremder Worte distanziert, sollte auch bereit sein, Verantwortung für die Wirkung der eigenen Worte zu übernehmen.

Genau hier bleibt eine öffentliche Auseinandersetzung aber bislang aus. Dabei beschreibt sich die EVHN selbst als Ort theologischer Vielfalt, wissenschaftlicher Freiheit und offener Debattenkultur.

Wer Diskurs zum Grundwert erklärt, sollte nicht den Eindruck erwecken, der Diskurs über das eigene Handeln werde eher gefürchtet als geführt.

Wer spricht, wenn Widerspruch verstummt?

Als Reaktion auf den offenen Brief von Studierenden lud die Hochschulleitung zu einem 45-minütigen Gespräch ein. Dieses sollte Fragen klären und Raum für Austausch schaffen. Nach Aussagen einzelner Studierender blieb jedoch nicht bei allen Beteiligten das Gefühl zurück, wirklich gehört worden zu sein. Obgleich ein offener Dialog angestrebt wurde, konnte der Eindruck entstehen, dass die institutionelle Autorität der Hochschulleitung den Gesprächsrahmen stärker bestimmte als der wechselseitige Austausch von Argumenten.

Wenn Studierende aus diesem Gespräch mitnehmen, dass auf weitere offene Briefe künftig nicht mehr reagiert werde oder öffentliche Kritik unerwünscht sei, wäre das für eine Hochschule eine problematische Wirkung – unabhängig von der tatsächlichen Absicht.

Eine Hochschule lebt nicht davon, dass Menschen übereinstimmen. Sie lebt davon, dass Menschen widersprechen. Sie lebt davon, dass Argumente öffentlich geprüft werden und Kritik ausgehalten wird. Gerade deshalb stellt sich die unbequeme Frage, wie offen ein Diskurs ist, wenn die Öffentlichkeit des Diskurses selbst zum Problem wird. Die Debatte verschwindet nicht dadurch, dass sie hinter verschlossenen Türen weitergeführt wird.

Der Umgang mit dieser Stellungnahme steht sinnbildlich für mehr als die Frage, wie mit einem Hochschulprofessor umgegangen werden darf. Es geht auch um die Frage, ob wissenschaftliche Freiheit, Fürsorgepflicht und Debattenkultur nur so lange gelten, wie sie niemanden etwas kosten.

Eine Hochschule muss Widerspruch aushalten

Gerade in einer Zeit, in der viel über Polarisierung, Radikalisierung und den Umgang mit kontroversen Positionen gesprochen wird, sollte eine Hochschule wissen, dass Konflikte sich dort verschärfen können, wo Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Positionen keinen Raum mehr haben. Schweigen befriedet keine Konflikte, es verlagert sie. Oft in jene Räume, in denen niemand mehr widerspricht.

Dabei verweist die Hochschule auf Gespräche, die deeskalieren sollen. Sicherlich müssen diese geführt werden. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch eine öffentliche Klarstellung. Auch die öffentliche Wirkung der Stellungnahme entstand nicht im Sitzungszimmer des Präsidiums, sondern in der Öffentlichkeit. Dort wird auch der Ruf von Ralf Frisch verhandelt.

Ausgerechnet mit dem Menschen, über den öffentlich gesprochen wird, wurde nach eigener Darstellung weder vor Veröffentlichung der Stellungnahme noch in den fünf Wochen danach das Gespräch zu dieser Thematik gesucht.

Je länger Hochschule und Landeskirche auf eine öffentliche Einordnung verzichten, desto stärker entsteht der Eindruck, dass die Debatte nicht fortgesetzt, sondern ausgesessen werden soll. Für beide Institutionen steht dabei mehr auf dem Spiel als der Umgang mit einem Professor. Es geht um ihr Selbstverständnis im Umgang mit Wissenschaftsfreiheit, innerkirchlichem Pluralismus und dem Anspruch, eine evangelische Hochschule und eine evangelische Kirche zu sein.

Eine Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit nicht, weil sie Fehler macht. Sie verliert sie, wenn sie aufhört, sich ihren Fehlern zu stellen.

Der evangelische Blick

Die EVHN beschreibt sich selbst und ihr Profil mit bemerkenswerten Worten. Sie wolle ein Ort sein, "wo Menschen sein können, wie sie sind und sein möchten. Wo Menschen mehr sind als das, was sie aus sich machen und was aus ihnen gemacht wird. Wo kontrovers diskutiert und respektvoll argumentiert wird."

Das sind nicht einfach Sätze für einen Imageflyer, sie sind ein Anspruch. Wird eine Hochschule diesem Anspruch gerecht, wenn ein Professor in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend zum Gegenstand einer Grundsatz-Debatte wird?  Wird sie ihm gerecht, wenn Studierende nach einem offenen Brief den Eindruck gewinnen, weitere Kritik sei unerwünscht? Und wird sie ihm gerecht, wenn sie selbst auf die Wirkung ihrer eigenen Stellungnahme mit öffentlichem Schweigen reagiert?

Ein evangelischer Blick auf den Menschen beginnt nicht mit der Frage, wer Recht hat. Ein evangelischer Blick beginnt mit der Überzeugung, dass ein Mensch mehr ist als seine umstrittensten Aussagen. Ein evangelischer Blick sollte sich immer zuerst auf das eigene Handeln richten. Nicht auf das der anderen.

Denn vielleicht gilt ihr schönster Satz ja doch, dass Menschen mehr sind als das, was sie aus sich machen und was aus ihnen gemacht wird. Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, diesen Satz ernst zu nehmen und zu zeigen, dass er nicht nur Leitbild bleibt, sondern gelebte Realität wird.

Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"

Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.

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